Unsere Weintipps

Die Chiaretto-Revolution am Gardasee

Strahlender Sonnenschein über dem Gardasee

Ist es pures Glück, das mir bei meinen Besuchen in Bardolino widerfährt? Schon letztes Jahr, als ich aus dem eisigen Deutschland zur Anteprima an den Gardasee flog, begrüßte mich ein Traumpanorama mit in breites Sonnenlicht gebadeten Alpengipfeln und dem leuchtenden See. Diesmal war es in Deutschland sogar noch ungemütlicher. Der Flieger konnte erst mit zwei Stunden Verspätung abheben – weil er enteist werden musste. Doch auch diesmal: strahlender Sonnenschein. Die letzten Meilen nach Verona im Sinkflug über Limone und den Monte Baldo und unter uns strahlt tiefblau der See.

Die Landschaft verleitet zum Schwärmen. Die teils schroffen, teils fruchtbaren Hänge im Süden des größten Sees der Apenninhalbinsel sind mit Wein und Oliven bepflanzt und die Produzenten preisen stolz deren erstklassige Qualität.

Auf dem Wasser unter mir schaukeln schon die ersten Boote auf dem tiefgründigen See. Am Ufer recken mittelalterlichen Festungen der Scaliger wehrhaft ihre Zinnen empor: Torri del Benaco, Lazise und weiter hinten, nur mit einem schmalen Band mit dem Ufer verbunden: Sirmione.

Zu Gast bei Franco Cristoforetti von Villabella

Villa Cordevigo

(c) Magnus Reuterdahl

Vor der Fahrt zum Hotel noch ein Mittagessen im Stella d’Italia oberhalb des Sees in Pasteregno mit Franco Cristoforetti, dem Präsidenten des Konsortiums von Bardolino. Sein Weingut Vigneti Villabella in Calmasino wurde Anfang der 70er Jahre von seiner und einer befreundeten Familie gegründet und produziert neben dem Bardolino Classico, in dessen Herzen es sich befindet, auf rund 220 Hektar eigener und gepachteter Rebfläche auch andere berühmte, klassische Weine der Region um Verona, wie Lugana, Custoza, Soave, Valpolicella, Ripasso und Amarone.

Franco serviert zum Essen auch seine Premiumlinie Villa Cordevigo. Der Bianco Veronese aus der im Veneto häufig vorkommenden Garganega und Sauvignon Blanc passt perfekt zu Spargelgerichten, der Rosso aus Corvina, Merlot und Cabernet Sauvignon passt hervorragend zur servierten Tagliata. Der Name stammt von einer Adelsvilla aus dem 18. Jahrhundert im benachbarten Cavaion Veronese, die Villabella vor einigen Jahren mit ihren rund 100 Hektar Weinbergen und Olivenhainen gekauft und in ein Luxushotel mit Michelin-gekröntem Sterne-Restaurant Oseleta verwandelt hat.

„Schade“, meint Franco, „wir bereiten Hotel und Restaurant gerade auf die neue Saison vor, aber am Sonntag kommt unser Küchenchef Giuseppe D’Aquino zum Abschlussabend in Euer Hotel und wird dort eine seiner Lieblingsgerichte zubereiten.“ Auf dem Weg vom traditionsreichen Weingut Guerrieri Rizzardi schauen wir kurz in der alten Villa vorbei, die im charakteristischen Stil des Veneto erbaut wurde, Das dreistöckige Hauptgebäude wird dabei von zwei Seitenflügeln mit den typischen Bogengängen flankiert, die man hier „Barchesse“ nennt. Früher waren hier die Wirtschaftsräume, Reitstall, Trockenboden, Seidenspinnerei, Weinkeller und Lager untergebracht. Alles wird eingerahmt durch einen jahrhundertealten Park. In einem der Flügel liegt das Sternerestaurant, ihm gegenüber die kleine Kapelle von San Martino mit ihrer reichen Reliquiensammlung, die auch gerne für Hochzeiten im herrschaftlichen Ambiente genutzt wird.

Alter Weinadel Guerrieri Rizzardi

Munus

(c) Magnus Reuterdahl

Guerrieri Rizzardi ist - anders als Villabella – ein über 100 Jahre Zusammenschluss zweier traditionsreicher Adelsgeschlechter mit eigenen Weingütern, die 2011 mit der Modernisierung der Produktion und der Eröffnung des neuen Weinguts in den Hügeln Bardolinos ihren vorläufigen Höhepunkt fand. In den Regalen im Verkostungsraum erinnern alte Weine an die lange Geschichte des Weinguts. Besonders in den letzten Jahren hat die Familie deutlich an Qualität zugelegt und zeigt mit Weinen wie dem Cru „Munus“, einem Bardolino Classico Superiore DOCG aus den besten Trauben der besten Weinberge, welches Potenzial in den Weinen aus Bardolino steckt.

Den Chiaretto Bardolino Classico, der vor rund 120 Jahren das Licht der Welt erblickte kann man hingegen fast als eine Art Symbol für die Region betrachten und in den letzten Jahren hat der angenehm-charmante Roséwein mit seinem floralen Bouquet immer mehr Freunde gefunden. Sein Stil wird durch das milde Mikroklima am Gardasee geprägt, abgeschirmt durch die Alpen von den kalten Nordwinden. Gekühlt serviert ist er ein idealer Begleiter für Caprese oder leichte Antipasti.

Thermal-Komfort am Gardasee das Hotel Caesius Te

Caesius Terme

(c) Caesius Terme Hotel & Spa

In Bardolino erwartet mit dem Caesius Terme eines der großen Spa-Hotels Bardolinos auf uns. Vom Balkon schweift der Blick über den hinter dem Pool glänzenden Gardasee, der die Strahlen der untergehenden Sonne glutrot reflektiert. Die davor verlaufende Straße hört man kaum. Schon im März ist das Hotel an den Wochenende ausgebucht. Vor allem Gäste aus Oberbayern nehmen gerne die schöne 4-stündige Anreise über den Brenner in Kauf, um ein paar Tage auszuspannen und die Kälte zu vergessen.

Unten im Keller wartet schon eine große Spa-Landschaft mit Thermalpool, Saunen und Wellness-Bereich auf sie. Für den angenehmen Service nimmt man auch Abstriche beim gastronomischen Angebot hin, doch da die Umgebung ein reiches Angebot bietet, ist dies leicht.

Valleggio sul Mincio und die venezianische Küche

Ein schönes Ziel ist da zum Beispiel Valeggio sul Mincio, eines der „Borghi più belli d’Italia“ (Schönste Dörfer Italiens) wo der mittelalterliche befestigte Ponte Visconteo Veneto und Lombardei verbindet. Mit dem damit verbundenen Damm wollten die Mailänder Visconti damals den Gonzagas in Mantua mit ihrem schwer zu überwindenden Wassergraben das Wasser entziehen. Wer nicht am See wohnen möchte findet dort im Il Borghetto die Chance in einer der zauberhaft renovierten alten Mühlen mitten im Fluss zu übernachten und in der Antica Locanda zu essen.

Einen ausgezeichneten Ruf für seine Küche und vor allem für die berühmten “Tortellini di Valeggio”, gefüllt mit geschmortem Fleisch oder mit Ricotta und Kräutern oder Risotto mit Pfifferlingen und Lauch hat das Restaurant „Alla Borsa“ im Zentrum von Valeggio. Früher diente das alte Wirtshaus den Kaufleuten des Ortes zum Abschluss ihrer Verträge und wurde deshalb Börse oder „Borsa“ genannt. Alceste Pasquali und seine Frau Albina Stanghellini haben es schon vor Jahrzehnten übernommen und bieten dort lokale Spezialitäten an, die inzwischen Tochter Nadia den Gästen näherbringt. Für uns genau das Richtige fürs Abendessen, dass auch zum Nachtisch süße Tortellini serviert.

Paolo Bonomelli und sein reinsortiges Olivenöl

Einige Kilometer nördlich des malerischen Bardolino liegt der Olivenhain von Paolo Bonomelli. Der Spross einer Industriellenfamilie hatte 16 Hektar Land in bester Lage am Ostufer des Sees gelegen von seinem Großvater geerbt. Während andere solche Sahneschnittchen in Bestlage in Parzellen aufteilten und zu Geld machten, Pflanzte er seit den 90er Jahren auf 10 Hektar systematisch 4.000 neue Olivenbäume. Die Bäume tragen Nummernschilder, damit bei der Lese keine Fehler gemacht werden, denn Bonomelli setzt in seiner Boutique Olivenfarm auf reinsorten Ausbau der drei autochthonen Olivensorten Drizzàr, Trep und Fort. Drizzàr ist dabei die wichtigste Olivensorte, die man andernorts auch als Casaliva kennt. Trep und Fort hingegen gedeihen nur am Ostufer des Sees und Paolo hat sie in den vergangenen Jahren wiederentdeckt und sich für ihren Anbau stark gemacht.

Die sortenreine Pressung seiner Öle verfolgt er akribisch. Die Oliven werden von Hand geerntet und dann in der eigene Mühle kalt gepresst. Mit schöner Viskosität fließt das gelb-grüne Öl in das kleine Probeglas. Wenn man es mit dünnen Lippen degustiert, sollte es schon etwas angewärmt sein, um seine Aromen von gemähten Gras und Mandeln voll entfalten zu können. Wer erwartet, dass es am Gaumen brennt, ist überrascht von der angenehm pikanten Fruchtigkeit. Schon mit Weißbrot harmoniert es wunderbar, doch man freut sich schon auf die Heimkehr, wenn man es über frisch zubereitete Antipasti träufeln kann.. Nicht nur beim Feinschmecker hat er damit Preise einsammeln können.

Bronzezeitliche Steinritzungen oberhalb des Sees

Steinzitzungen

(c) Magnus Reterdahl

Nur wenige Besucher kennen die Felszeichnungen an den von den Gletschern der Eiszeit glatt geschliffenen Felsen an den Abhängen des Monte Baldo zwischen Garda und Malcesine. Wir begeben uns kurz vor Brancolino auf eine Wanderung zur sogenannten Pietra dei Cavalieri (Reiter-Felsen) mit zwölf auf Pferden sitzenden Reitern. Für die Gravierungen sind die Felsen zur natürlichen Leinwand geworden. Erste Einritzungen stammen von Jägern und Hirten aus der Bronzezeit, die die Gegend durchzogen, die den Fels mit einem harten Stein bearbeiteten.

Andere Einritzungen sind deutlich jünger, wie auf dem Pietra delle Griselle, auf dem ein Boot aus dem 19. Jahrhundert eingeritzt ist. Auf einem anderen Abschnitt sind Menschen mit erhobenen Armen und allerlei Waffen und Kriegsgerät abgebildet, wie sie in der Bronzezeit verwendet wurden und auch der christliche Glauben findet dort in Kreuzen seinen Ausdruck.

Auf Erkundungstour in Sachen Öl und Wein

Die Bedeutung des Weins und der Oliven für die Region wird einem ei der Rückfahrt auf der Uferstraße klar. Umberto Turri hat dort schon vor fast 30 Jahren ein Olivenöl-Museum eröffnete – das erste seiner Art in Italien. Mehrsprachig erfahren die jährlich 50.000 Besucher dort viel über die Sorten, die Produktion und den Gebrauch.

Die Gegend rund um Bardolino ist jedoch nicht nur für ihr ausgezeichnetes Olivenöl, sondern auch für gutes Essen und vor allem ihren Wein bekannt.

Auch im Weingut der Familie Zeni kann man eine Menge lernen, denn die Brüder haben in ihrem mediterran angehauchten Weingut mit den uralten Gerätschaften aus der Vergangenheit ein kleines Weinmuseum eingerichtet, in dem sich der Besucher auf eine Reise durch die Welt des Weines und seiner Geschichte begeben kann. So lernt man die verschiedenen Phasen von der Weinbergspflege bis zur Weinlese kennen, erfährt, wie der Wein gekeltert und gereift und schließlich in Flaschen abgefüllt wird.

Der Chiaretto und seine Spumante-Variationen

Chiaretto Spumante

(c) Magnus Reuterdahl

Ein guter Start in den Tag ist sicherlich der fruchtige Bardolino Chiaretto Spumante in leuchtendem Rosé. Mit seinem duftig blumiger Geschmack unterscheidet er sich deutlich von dem schwereren rubinroten Bardolino Superiore mit seinen würzigen roten Beerenaromen.

Am Nachmittag wartet in Lazise die Verkostung von Chiaretto und Bardolino fast aller wichtigen Produzenten. Das kleine Städtchen ist ein Schmuckstück für sich. Die im Mittelalter Verona beherrschenden Scaliger haben sie in ein wahres Bollwerk verwandelt. Am Hafen liegt die kleine Kirche des Heiligen Nikolaus aus dem 12. Jahrhundert, der als Patron der Gewässer und Seefahrer galt und daneben die Dogana, die Zollstelle, an der die Abgabe für alle Waren entrichtet werden musste, die von Venetien im- und exportiert wurden.

An diesem Wochenende dient sie den Winzern der Region, um den Tausenden Besuchern von nah und fern in dem rammelvollen Gebäude persönlich ihre neuen Weine zu präsentieren.

Für die Fachleute hatte das Konsortium des Bardolino-Weines bei der Anteprima in einem benachbarten Restaurant Blindverkostungen organisiert. Ein paar Vertikalverkostungen verschiedener Jahrgänge zeigte, dass zwar einige Winzer wie Mathilda Poggi vom Weingut Le Fraghe ein glückliches Händchen dabei haben, ihre Weine so auszubauen, dass sie länger genießbar sind, doch bei weitem nicht alle. Vertikalproben einiger Weingüter. Außerdem eine große, sehr gut besuchte Weinverkostung für alle Weinliebhaber, bei der die Winzer persönlich ihre Weine ausschenkten.

Die Chiaretto Rosé-Revolution

Chiaretto

(c) Magnus Reuterdahl

Für den Chiaretto hatte das Konsortium in diesem Jahr die „Rosé-Revolution“ ausgerufen. Sein Direktor, der Journalist Angelo Peretti, erklärt dazu, dass man jetzt Wert auf einen blasseren Farbton gelegt habe, da dieser bei den internationalen Kunden positiv ankäme. Auch tendieren die Weine durch eine etwas frühere Lese etwas weniger zu den roten Fruchtaromen, aber mehr zu Zitrusaromen.

Da hatte das Wetter im vergangenen Jahr durchaus passend mitgespielt. Nicht alle der im Konsortium vertretenen 68 Weingüter haben dies in diesem Jahr so umgesetzt, doch man spürt den Trend deutlich. Der Chiaretto ist ein idealer Begleiter für alle möglichen Antipasti, für Risotto und auch für Sushi. Mit seiner schönen Leichtigkeit dürfte der Wein auch für den deutschen Verbraucher voll im Trend liegen.

Neue Pläne mit dem Bardolino

Auch beim Bardolino plant man eine Umstellung, doch zwei Revolutionen in einem Jahr wären wohl auch im kämpferischen Norditalien etwas zu viel des Guten gewesen. Längerfristig plant Peretti allerdings auch beim hier eine Umstellung. Sowohl Chiaretto wie Bardolino werden hauptsächlich aus den beiden Rebsorten Rondinella und Corvina gewonnen, wobei Corvina fast immer überwiegt, aber nicht mehr als 2/3 ausmachen darf. Daneben dürfen maximal 20 Prozent anderer zugelassener Reben in der Cuvée enthalten sein. Peretti bedauert dieses Korsett und arbeitet darauf hin, dass Bardolino in Zukunft auch reinsortig aus Corvina zubereitet werden kann. Verständlich, denn die Traube mit dem leichten Tanningerüst, der leicht säuerlichen Note und der eleganten Aromatik kann nicht nur als Leitrebsorte durchaus bestehen. Galt Bardolino in früheren Jahren als leichter süffiger und geradliniger Rotwein, der im Urlaub ideal auch zu Fischgerichten serviert werden kann, so sind inzwischen komplexere Crus auf dem Markt, die deutlich machen, was man von Bardolino noch erwarten kann.

Wie in vielen anderen Regionen des Landes hatten auch die Winzer in und um Bardolino im vergangenen Jahr mit den Wetterkapriolen zu kämpfen und wenn man sie fragt, ist kaum jemand, der nicht über die unbeständige Witterung klagt, die eine frühe Lese geboten erschienen ließ. Nicht jedem der vorgestellten Weine ist das gut bekommen, aber sowohl beim Chiaretto wie beim Bardolino fanden etliche Weine die Zustimmung der angereisten Weinexperten aus dem In- und Ausland. Mal schauen, wie das Wetter sich in diesem Jahr entwickelt und wie die Winzer dann hinsichtlich der Aromatik ihrer Weine damit umgehen werden.

Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2017