Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Masuren - Schlemmen im Naturparadies

Sonnenuntergang

(c) Michael Ritter

Mit Schiff und Rad durch Masuren“ – das Angebot hörte sich interessant an. Doch eignete es sich auch für mich als Gelegenheitsradler? Mein Anruf beim Veranstalter zerstreute meine Befürchtungen. „Flach bis leicht hügelig“ sei die Landschaft, die durchschnittliche Tagesetappe läge bei 40 Kilometern. Außerdem würde unser Reiseführer öfter einen Stopp einlegen, um uns die Schönheiten seiner Heimat näher zu bringen.

Hendryk berät die Gäste

(c) Michael Ritter

„Dariusz Slomka“, stellt sich der Reiseführer ein paar Wochen später am Warschauer Flughafen vor. „Nein!“, mit der Moderatorin sei er ebenso wenig verwandt wie mit dem Fußballtrainer. Er werde uns auf der Radtour durch Masuren begleiten. Nach einer superkurzen Stadtrundfahrt durch die polnische Hauptstadt machen wir uns auf den Weg. Beim Gespräch mit den Mitreisenden stellt sich schnell heraus, dass die meisten ebenfalls mehr Genuss- als Sportradler sind.

Die MS Classic Lady

(c) Michael Ritter

Nach vier Stunden Fahrt über immer kleiner werdende Landstraßen ist unser Ziel erreicht. In der Johannisburger Heide, dem größten Waldgebiet Polens, liegt sie versteckt am Ufer des Beldahnsees: Die „MS Classic Lady“. Zugegeben, ihre 20 Kabinen bieten nicht sehr viel mehr Komfort als eine Jugendherberge, aber Luxus hat ohnehin keiner der knapp 30 Mitreisenden erwartet. Bevor sich das Abendrot sanft über das Schilf und den See legt, bekommen wir unsere Räder, mit denen wir in der kommenden Woche mit Dariusz auf Nebenstraßen und sandigen Waldwegen Masuren erkunden werden. Doch zuerst einmal geht’s zum Abendessen mit ostpreußischen Spezialitäten, die unser Schiffskoch Henryk für uns zubereitet hat.

Land der 1000 Seen

Sonnenuntergang

(c) Michael Ritter

Am nächsten Morgen machen wir uns bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg durch den Nadelwald nach Pisz (Johannisburg). Kleine Seen am Wegesrand sind ein Paradies für Wasservögel. Langsam verstehen wir, warum Masuren das „Land der tausend Seen“ genannt wird. Der Ort, der dem Waldgebiet seinen Namen gab, war einst Grenzposten des mächtigen Deutschordensstaats, der sich im Mittelalter bis hinauf ins Baltikum erstreckte. Heute sind davon hier nur noch Ruinen übrig. Entlang des Kanals radeln wir in kleinen Grüppchen, ab und zu werden Fotos gemacht, und so trudelt unsere Radgruppe nach und nach an der Schleuse ein, an der unser Schiff schon auf uns wartet. Vor uns liegt der flache Spirdingsee, der größte See Polens, den wir durchqueren. Nach zwei Stunden Fahrt, vorbei an der Vogelwelt und einer Herde des fast ausgestorbenen Wildpferds Tarpan, erreichen wir den Nikolaiker See mit Mikolajki (Nikolaiken). Hier schlägt das Herz Masurens. Der Ort ist eines der größten Tourismuszentren Polens und verfügt allein in dem Vier-Sterne-Hotel Golebiewski über mehr als 1400 Betten. Wir sind froh, dass unser Anleger etwas abseits des lebhaften Zentrums mit seinen Open-Air-Lokalen liegt.

Schwanenfamilie mit Nachwuchs

(c) Michael Ritter

Nur wenige Kilometer östlich des Trubels von Nikolaiken findet sich mit dem Lucknainer See ein wahres Schwanenparadies, das die UNESCO als Biosphärenreservat unter ihre Fittiche genommen hat und das auch zahlreichen anderen Vogelarten als Brutgebiet dient.

Die Mannschaft der MS Classic Lady

(c) Michael Ritter

Unser Koch Henryk liebt frisches Gemüse. Die beiden blonden Praktikantinnen, die gerade ihre ersten Kochkenntnisse bei ihm sammeln, wissen ein Liedchen davon zu singen, denn sie dürfen die Zutaten, die er auf dem Markt besorgt oder in freier Natur sammelt, putzen und zerschnippeln. Ihn selbst hat einst seine Oma mit den Spezialitäten der ostpreußischen Heimat vertraut gemacht. Das war in Mragowo, dem früheren Sensburg. Meist waren es Suppen, „Fleisch gab‘s bei uns nur am Sonntag und an den Feiertagen“, erzählt Henryk. Am deftigsten war es kurz nach Weihnachten, wenn die Reste vom Feste auch die Alltagsgerichte verfeinerten.

Typisch Polnisch: Hering mit Zwiebel und Apfel

(c) Michael Ritter

Bigos zum Beispiel, das in Polen zu den beliebtesten Nationalgerichten zählt. Der übrig gebliebene Schinken wurde in kleine Würfelchen geschnitten und zusammen mit Wurst, Schweinefleisch, Sauerkraut, getrockneten Pflaumen, Pilzen und verschiedenen Gewürzen langsam gekocht. Ein festes Rezept dafür gibt es nicht, wie Henryk überhaupt alles nach Augenmaß zu bereitet. Meist gibt er noch etwas Rotwein und Tomatenmark hinzu. „Großmutter hat immer einen großen Topf davon zubereitet. Wenn man es aufkocht, schmeckt es noch besser“, schwärmt er in Erinnerung an die Kindertage und strahlt.

Von Barszcz bis Pillkaller

Gefüllter Hecht

(C) Michael Ritter

Heute lässt er uns an Omas Rezepten teilhaben. Meist sind es Radlergruppen wie wir, die auf sein Schiff kommen. Nachdem wir den ganzen Tag durch die idyllische Landschaft mit ihren Mohn- und Rapsfeldern, den schattigen Alleen und den immer wieder in die Waldgebiete eingestreuten kleinen Seen geradelt sind, kommen wir am Abend mit einem gesunden Appetit zurück an Bord.

Sauermehlsuppe

(c) Michael Ritter

Die Suppe spielt dabei immer noch eine wichtige Rolle, und wenn Henryk zwei Suppen zur Auswahl anbietet, dann passiert es nicht selten, dass die Gäste beide probieren. Masurische Brennnesselsuppe zum Beispiel, eine klare Brühe mit klein geschnittenen Kartoffeln und harten Eiern. Die zarten Blätter der jungen Pflanzen hat er in den frühen Morgenstunden gepflückt, als der Frühnebel noch über dem Schilf lag. Er verfeinert die Suppe mit Sahne und Zitronensaft und würzt sie kräftig. Ein ähnliches Rezept gibt es für Sauerampfer.

Schwanenfamilie mit Nachwuchs

(c) Michael Ritter

Wenn an Bord nichts zu tun ist, holt Henryk die Angel heraus und hat damit meist auch Erfolg. Oft wird er dabei von Störchen beobachtet, die in der natürlichen Landschaft genug Frösche, Mäuse und Insekten finden und Masuren zu ihrem wichtigsten Brutgebiet in Europa erkoren haben. Auch Seeadler, Reiher, Kraniche und Kormorane nutzen den Fischreichtum der Seen. Der beliebteste Fisch ist die Maräne, eine Forellenart, für die Nikolaiken berühmt ist. Henryk hat fürs Abendessen ein paar davon aus der Sensburger Räucherei geholt, wo sie gerade zusammen mit einer Stange Aale frisch aus dem Räucherofen kamen.

Krutyna - Eine Fahrt durch den Urwald

(C) Michael Ritter

Geräuchertes ist in Masuren auch sonst sehr beliebt. Bei vielen Suppen sind Rippchen oder Schweinebauch heute kalorienreiche Grundlage. In verschiedenen Varianten kommt Rote Bete auf den Tisch. Barszcz (hierzulande als Borschtsch bekannt) heißt die beliebteste Suppe in Polen, hergestellt mit natursauer vergorenen Roten Beten. Henryk nimmt sie im Sommer auch für seine masurische Kaltsuppe aus Hühnerbrühe, Sauerteig, saurer Sahne, Eiern, Gurke und Dill. Ein beliebter Aperitif ist der Pillkaller: eine Scheibe würzige Leberwurst mit Senf, die mit einem kräftigen Schluck Schnaps heruntergespült wird. Dazu passt auch ein Glas Bier, denn Polen hat eine lange Brautradition. Natürlich dürfen die Königsberger Klopse auf Henryks Speiseplan nicht fehlen, die gekochten Fleischbällchen aus gemischtem Hackfleisch mit Sardellen in weißer Kapernsoße.

Bunker und Deutschordensburgen

Das Wohnhaus des Dichters Ernst Wiechert

(C) Michael Ritter

Am nächsten Morgen fahren wir durch den langen, schmalen Jezioro-Talty-See nach Ryn (Rhein). Die im Mittelalter errichtete gleichnamige Ordensburg ist nach dem Stammsitz des Deutschen Ordens in Marienburg das größte Backsteinschloss Europas und beherbergt heute eines der besten Hotels Masurens. Wir schwingen uns nach der Besichtigung wieder auf die Räder und fahren vorbei an Wäldern und Seen nach Ketrzyn (Rastenburg), wo wieder eine beeindruckende Ordensburg wartet. Auf dem Weiterweg durch den immer undurchdringlicher werdenden Wald, der kaum Sonnenlicht hindurch lässt, empfangen uns Myriaden von Stechmücken und lassen gemischte Gefühle aufkommen.

Holzfigur an der Strecke nach Masuren

(c) Michael Ritter

Im Zweiten Weltkrieg baute die deutsche Wehrmacht hier ein riesiges Bunkersystem, das als Führerhauptquartier unter dem Namen „Wolfsschanze“ in die Geschichte einging. Am 20. Juli 1944 verübte Graf Stauffenberg hier einen Anschlag auf Hitler – erfolglos. Wenig später mussten es die Deutschen vor den nachrückenden Sowjets aufgeben. Jedes Jahr kommen rund 200.000 Besucher hierher – nicht alle wegen Stauffenberg. Nach dem Rundgang durch die Bunkerruinen geht es mit dem Velo durch Wiesen, Felder und einsame Dörfer zum Schiff, das mit Henryk und dem Abendessen in Wilkasy am Löwentinsee auf uns wartet.

Typisch Polnisch: Hering mit Zwiebel und Apfel

(c) Michael Ritter

Siegfried Lenz hat manchen Leckereien und Merkwürdigkeiten seiner Heimat mit skurrilen Geschichtchen in „So zärtlich war Suleyken“ ein Denkmal gesetzt. Dariusz gibt sie im leicht altmodisch klingenden ostpreußischen Dialekt bei unseren Erholungspausen zum Besten. Das Dorf liegt rund 30 Kilometer östlich. Auf den größeren Seen genießen zahllose Segler mit kleinen Jollen und millionenteuren Jachten das herrliche Wetter. Das benachbarte Gizycko (Lötzen) ist ein beliebtes Wassersportzentrum und nennt sich selbst „Sommerhauptstadt Polens“. Auf dem Weg dorthin machen wir Halt an der mächtigen preußischen Festung Boyen, die einst die Ostgrenze Ostpreußens absicherte. Bevor wir weiterfahren können, zwingt uns am Kanal eine der wenigen noch erhaltenen Drehbrücken zum Anhalten, da ein Schiff passieren möchte.

Highlight Krutyna

Im Stoherkahn über die Krutyna

(c) Michael Ritter

Früh am nächsten Morgen geht es mit dem Schiff zurück nach Süden, denn ein weiteres Highlight Masurens darf nicht fehlen: die Tour auf der Krutynia. Zuvor machen wir noch einen Halt in Wojnowo (Eckertsdorf), wo sich Mitglieder der russisch-orthodoxen Sekte der Altgläubigen vor den zaristischen Pogromen in Sicherheit brachten. Kirche und Friedhof erzählen noch die Geschichten der nach dem Einmarsch der Sowjets aufgelösten Gemeinde.

Paddler auf der Krutyna

(c) Michael Ritter

Von Krutyn kann man entweder bequem eine kurze Tour im Stocherkahn machen oder zu längeren Paddeltouren starten. Das Wasser in dem Flüsschen ist so klar, dass man die Kiesel auf dem Grund fast zählen kann. Bei der Fahrt auf dem langsam mäandrierenden Fluss nach Ukta öffnet sich hinter jeder Biegung eine neue Landschaft. Weite Wiesen, verschlafene Dörfer liegen am Ufer, wenn man gemächlich durch die Urwaldlandschaft fährt. Die Zeit vergeht wie im Flug. Wer nur eine kleine Tour macht, kann in der Pause auf der Terrasse des Krutynianka-Restaurants direkt am Fluss frischen Zander probieren.

Paddler

(c) Michael Ritter

Segler nutzen die Kanäle, um von See zu See zu gelangen, mal geht‘s durch eine Schleuse, mal muss die Drehbrücke die Passage freigeben. Der Oberländische Kanal verbindet die Seen sogar mit der Ostsee. Neben Schleusen bringen dort – weltweit einzigartig – Schiffseisenbahnen die Jachten und Passagierschiffe über mehrere geneigte Ebenen hinauf oder hinunter.

Ente auf polnische Art

(c) Michael Ritter

Tags drauf geht unsere Masurenreise schon wieder dem Ende entgegen. In Reszel (Rößel) bummeln wir durch die bezaubernde Altstadt und besuchen die mächtige Backsteinburg des Deutschen Ordens, die heute ein romantisches Hotel beherbergt. Nur wenige Kilometer sind es dann nach Swieta Liepka. Zumindest Freunde der Orgelmusik werden den Besuch der Wallfahrtskirche Heiligelinde genießen. Bei den im Stundentakt stattfindenden Konzerten auf der 1721 gebauten Orgel bietet sich in der oft prall vollen Kirche auch etwas fürs Auge, denn die Figuren des Orgelprospekts bewegen sich mit der Musik. Hinterher geht’s dann zurück an Bord, wo Henryk schon wieder neue ostpreußische Spezialitäten für uns vorbereitet hat – so schön ist Masuren! Ernst Wiecher

(c) Connaisseur & Gourmet 2017