Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Flüssig Polnisch - Wodka, Bier und PIWI-Weine

Stoewer

(c) Nilgün Burgucu

Die alten Hansestadt Stettin hat historisch, kulturell und touristisch einiges zu bieten. Auf einer Bootsrundfahrt durch den großen Hafen mit seinen gewaltigen 265 Meter langen Trockendock und den großen alten Krähnen, bei einem Ausflug zum nahen Stettiner Haff, in dessen Randzonen Schilfufer mit einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt nicht nur den Naturfreund begeistern- In der Stadt selbst lohnt ein Besuch der Wahrzeichen, wie das Greifenschloss, die einstige Residenz der Herzöge von Pommern, die Jakobskathedrale, die Philharmonie und die Hakenterrasse über der Oder mit dem Nationalmuseum. Nilgün Burgucu hat sich auf eine Reise zu den Destillen, Brauereien und Weingütern im Nordwesten Polens gemacht und dabei manch reizvolles Highlight entdeckt. Bild (c) N. Burgucu

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Stettin von oben

(c) Nilgün Burgucu

Auch Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollten viele Deutsche die Realität nicht anerkennen und sprachen, wenn sie die Westgrenze Polens zur DDR und später zur wiedervereinigten Bundesrepublik meinten, von der Oder-Neiße-Linie. Dabei trifft die Bezeichnung nicht ganz. Zwar bilden ab dem Länderdreieck mit Tschechien anfangs die Neiße und ab deren Mündung die Oder die Grenze zwischen Deutschland und Polen, doch knickt sie kurz vor Szezecin nach Westen ab und sucht den direkteren Weg an die Ostsee, wo sie westlich von Swinemünde die Insel Usedom teilt. Hätte sie sich strikt am Lauf der Oder orientiert, lägen Stettin und Swinemünde weiter auf der deutschen Seite des Flusses.

Schon vor dem Potsdamer Abkommen vom August 1945 hatten die siegreichen Sowjets das ehemals deutsche Gebiet östlich von Oder und Lausitzer Neiße gegen Protest der Westmächte der polnischen Administration unterstellt und das ehemalige Ostpreußen Russland angegliedert, beim Potsdamer Abkommen sorgte möglicherweise bewusste US-amerikanische Schlampigkeit bei der Formulierung dafür, dass die polnischen Besitzansprüche auf Stettin und Swinemünde ratifiziert wurden.

Noch heute ist Szezecin mit seinen gut 400.000 Einwohnern stark von seiner deutschen Geschichte geprägt. Das Gebiet auf beiden Seiten der Grenze soll in den kommenden Jahren zu einer der europäischen Metropolregionen mit rund einer Million Einwohnern ausgebaut werden.

Ein wichtiger Grund der Polen auf die Einbeziehung Szezecin zu pochen ist sein Hafen. Als alte Hansestadt ist der Ort eng mit den Häfen der Welt verbunden, eine Werft zählte bis zu ihrer Liquidation 2009 zu den größten Europas, der gemeinsame Hafen mit Swinemünde an der Mündung ins ist nach Danzig der wichtigste Seehafen des Landes. Man kann es noch immer gut vorstellen, denn die Speicher bestehen bis heute. Einst war die Werft mit einem Milliardenumsatz eine der größten der Welt.

Die alten Stadt hat historisch, kulturell und touristisch einiges zu bieten. Neben einer Bootsrundfahrt durch den großen Hafen mit seinen gewaltigen 265 Meter langen Trockendock und den großen alten Krähnen, bei der man schnell das nahe Stettiner Haff erreicht, in dessen Randzonen Schilffufer mit einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt nicht nur den Naturfreund begeistern, lohnen die Wahrzeichen Stettins, wie das Greifenschloss, die einstige Residenz der Herzöge von Pommern, die Jakobskathedrale , die Philharmonie und die Hakenterrasse über der Oder mit dem Nationalmuseum einen Besuch.

Bis zu den verheerenden Zerstörungen des letzten Weltkriegs galt das nach ihrem Wappentier benannte Schloss der im Dreißigjährigen Krieg ausgestorbenen Greifenherzöge als besterhaltenes Schloss Pommerns. Nach dem Aussterben der Greifenherrscher regierten dort erst die Schweden und später die Preußen. Die Polen bauten das Schloss mit viel Sachverstand bis 1980 im Renaissancestil wieder auf und machten es zum Kulturzentrum der Region Westpommern.

Voll im Stil der Backsteingotik errichtet wurde ab dem 13. Jahrhundert die Jakobskathedrale mit ihrem mächtigen Chor. Auf der von Arp Schnitger vollendeten Orgel des Doms spielte fast ein halbes Jahrhundert lang Carl Loewe, der dort als Kantor und Organist tätig war und der Welt als „pommerscher Balladenkönig“ mit „Heinrich der Vogler“ und „Tom der Reimer“ einige der schönsten Balladen geschenkt hat. Er hing mit seinem Herzen an der Arbeitsstelle und so wurde es nach seinem Tod dort in einem der Pfeiler eingemauert. Auch die Kathedrale wurde von alliierten Bomben zu großen Teilen zerstört und später wiederaufgebaut.

Viel jüngeren Datums ist der Bau der nach dem Krieg gegründeten Philharmonie. Musste diese lange Zeit im Rathaus spielen, da das Konzerthaus zerstört war, konnte sie 2014 im neuen Gebäudes mit zwei Konzertsälen einziehen, dass die spanisch-italienischen Architekten Alberto Veiga und Fabrizio Barozzi entworfen hatten und das für seine überzeugende Anlage mit dem begehrten Mies-van-der-Rohe-Preis der EU als bestes Bauwerk des Jahres 2014 ausgezeichnet wurde.

Unbedingt einen Besuch lohnt auch die Anfang des letzten Jahrhunderts aus Sandsteinblöcken angelegte und nach dem langjährigen Bürgermeister benannte 500 Meter lange Hakenterrasse mit dem Nationalmuseum, eine der schönsten Aussichtsterrassen Europas, von der man den Blick über die Oder mit den Hafenkränen am Horizont genießen kann.

Am besten besichtigt man Szczecin zu Fuß, da sich die meisten historischen Gebäude und Sehenswürdigkeiten im Zentrum befinden. Auch das Fahrrad eignet sich gut zur Erkundung, da die Stadt gut für Radfahrer ausgebaut ist und immer wieder Abstellmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Natürlich ist eine erfahrene Führerin Gold wert, doch auch wenn man sich auf Schusters Rappen eigenständig auf den Weg durch Stettin macht, kann man auf der sieben Kilometer lange Städtischen Touristenroute mit ihren 42 Stationen nicht verloren gehen, die Besucher zu den wichtigsten historischen Gebäuden und Sehenswürdigkeiten führt.

Sie ist leicht zu finden, denn es ist eine rot gestrichelte Linie auf dem Gehweg. Bei den Highlights findet man in Kreisen die Nummern vom Hauptbahnhof (1) bis Ankerbrunnen (42) mit Infotafel über die jeweilige Sehenswürdigkeit. Anfang und Ende der Route ist der Stettiner Hauptbahnhof, doch man kann auch unterwegs einsteigen und so das Königstor, das Haus in dem 1729 Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst zur Welt kam, die 16-jährig den russischen Thronfolger ehelichte, gegen den sie nach dessen Ernennung zum Zaren einen Staatsstreich ausrief und danach als Katharina die Große mehr als ein Dritteljahrhundert als aufgeklärte absolutistische Zarin über Russland herrschte.

Stettin war eine reiche Stadt. Die Familie Loitz hatte einst mit dem Fischhandel begonnen, doch schnell bemerkt, dass man mit Salz und Bankgeschäften viel Geld verdienen konnte. Die Macht dieser „Fugger des Nordens“ kann man noch schön an dem gotischen Prachtbau unterhalb des Schlosses ersehen. Als sich einige mächtige polnische Darlehensnehmer weigerten, die Schulden ihrer Vorgänger zu begleichen begann der Konkurs, der auch viele andere Bürger und Adelige aus Pommern in den Ruin zog. die Marineakademie oder das Rote Rathaus: alles ist gut zu Fuß oder auch per Rad erreichbar.

Berühmt ist Stettin auch für seinen Wodka, den wir in der außerhalb der Route gelegenen Destille Starka probieren dürfen. 1863 hatte Hermann Koch dort eine Brauerei eröffnet, die in den goldenen 1920ern ihre Produktion auf Wodka umstellte, den schon seit Jahrhunderten bekannten und beliebten Starka, was als "Stary Wodka" nichts anderes bedeutet als „alter Wodka“. Alt deshalb, weil viele reichere Polen bei der Geburt des Nachwuchses ein kleines Eichenfass mit Linden- oder Apfelblättern vermengten Wodka oder zumindest ein paar Flaschen davon in den Keller legten und diesen dann bei gegebenem Anlass, wie Hochzeit oder Familienfesten zurück ans Tageslicht holten.

Ungewöhnlich, denn normalerweise wird Wodka wie Gin und Korn schnell destilliert und genauso schnell verkonsumiert. Doch wer einmal im schottischen Hochland die kleinen Destillen besucht hat, weiß, wie begehrt – und überaus kostbar – alter, im Fass gereifter Whiskey, trotz des Anteils für die Engel, der mit der Reifung durch Verdunstung verloren geht. Auch in Stettin hat man einige solcher Schätzchen zu bieten, bis zu 50 Jahre hat der Wodka auf dem Buckel, den das Kellerteam in einer ganzen Batterie von 1200 Barriques aus Eichenholz und einigen großen Fässer lagert und reifen lässt. Je größer das Fass, umso geringer der Einfluss des Holzes auf den Inhalt. Bis zu 38.000 Liter fassen manche der Fässer im über mehrere Etagen angelegten Geflecht der bis zu 20 Meter unter der Erde verlaufenden Kellerräumen, die man auf einem Rundgang bewundern kann. Gebrannt wird der Starka aus purem Roggen. Vom Geschmack und Aroma ist der gereifte Wodka phänomenal und unvergleichlich mit reichem Bouquet. Die lange Reifung im Eichenfass verleiht ihm seine wunderbar goldbraune Farbe.

Zwischen 3 und 35 Jahren sind die Starkas der Destille, doch das wichtigste Prestigegetränk ist die First Edition des 18 Jahre alten Starka 18, die für rund 75 Euro verkauft wird. Bei seltenen alten Flaschen des Starka 50 liegt der Preis im mittleren vierstelligen Bereich. Eigentlich muss Starka mindestens 10 Jahre alt sein, doch auch normalen Wodka hat die Destille als Starka Prestige im Angebot, der dann gerade einmal ein Zehntel seines 18 Jahre alten Bruders kostet. Da sind die Qualitäten und die Preise nicht anders als bei Whiskey und im begrenzten Umfang beim Wein.

Autofans kommen in Stettin bei einem Besuch des Museums für Technik und Kommunikation auf ihre Kosten, denn es ist eng mit der Erfolgsgeschichte des Hauses Stoewer verbunden. Emil und Bernhard Stoewer gründeten Ende des 19. Jahrhunderts die Stoewer-Werke, die bis in die 1940er Jahre über 60 Typen von Automobilen herstellten. Die Brüder zählten damals zu den Pionieren von Techniken, die erst später mehr Anhänger fanden, wie den Elektromotor und den luftgekühlten Motor. Eine Legende ist der Stoewer V 5 mit seinem Frontantrieb und Schwingachsen, ein erschwinglicher Wagen, der durch die Weltwirtschaftskrise vom Markt gefordert wurde.

Heute beherbergt das Museum die weltweit größte Stoewer-Sammlung mit sieben Wagen und zahlreichen von ihrem Vater hergestellten Nähmaschinen, Schreibmaschinen und Fahrrädern. Auf-gebaut hat sie Manfried Bauer, der nach dem Krieg Stettin verlassen musste und 1984 mit seiner Familie auf Urlaubsreise zurückkehrte. Der im Odenwald wohnende Bauer hörte damals zum ersten Mal von Stoewer-Automobilen, verliebte sich in sie und baute in Wald-Michelbach ein Stoewer-Museum auf, das er dann 2019 für rund 650.000 Euro an das Stettiner Museum verkaufte.

Bierfreunden wird ein Besuch in der Familienbrauerei Wyszak gefallen, die sich in den gotischen Kellergewölben des alten Rathauses, das heute das Stadtmuseum beherbergt angesiedelt hat. Auch hier hat es im Zweiten Weltkrieg massive Zerstörungen gegeben, so dass das alte Rathaus und der angrenzende Heumarkt in den 1960er Jahren liebevoll restauriert wurde und heute einen der Highlights der Europäischen Route der Backsteingotik bildet.

Die kleine Mikrobrauerei mit ihrem Sudhaus und ihren neun Gärtanks, die jeweils bis zu 1.000 l Bier fassen, ist mit ihrem Gestensaft recht erfolgreich und hat schon diverse Preise gewonnen. Bier ist in Polen sehr beliebt und neben dem Platzhirsch Bosman ist Platz für gutes handwerklich gemachtes Bier wie das herbe Sommerbier oder das naturtrübe Weizenmit Noten von Banane und Gewürznelken oder das obergärige bernsteinfarbene Amber Ale. Neben diversen Fleisch- und Fischgerichten wird mit der leckeren Hofkäseplatte auch der Vegetarier satt, alles Teil des kulinarischen Erbes Westpommerns.

Doch nicht nur Wodka und Bier steht in Stettin hoch im Kurs. Wein ist bei jungen Polen immer beliebter. Schon auf der Fahrt nach Stettin hatten wir im Weingut Turnau, rund 50 Kilometer südöstlich von Stettin Station gemacht. Das größte Weingut Polens schneidet bei Verkostungen der pilzwiderstandfähigen Weine gut ab und natürlich finden sich die Weißweine, die Zbigniew Turnau und sein Sohn Jacek aus Hybridreben keltern, auch in Stettin. Seinen Rotwein hatte uns Zbigniew vorenthalten. Zum Glück finden wir ihn in der hübschen Weinbar CityWine Szczecin, die neben einer großen Auswahl an ausländischen Weinen und kleinen Antipasti-Leckereien auch einige interessante polnische Weine im Angebot hat, darunter den 2016er Pinot Noir von Turnau. Erstklassiger Wein, den ich so weit im Norden nicht erwarten würde und der sich durchaus sehen lassen kann. Doch es ist nicht allein Turnau, der hier im Norden Wein anbaut. Auch die kleine Weinbar des Weinguts Kojder, wo die Geschwister Anna und Kurt die in einem Dorf in der Umgebung auf fünf Hektar ökologischen Wein anbauen.

Es gibt noch viel zu entdecken und der Tag in Stettin ist viel zu früh vorbei und die Rückreise ist lang. Doch Stettin ist nicht aus der Welt Von Berlin aus kann man Stettin in rund drei Stunden erreichen. Vor Ort lohnt sich ein Mietwagen, um auch die entlegeneren Winkel beim Stettiner Haff zu besuchen.

(c) Nilgün Burgucu

(c) Connaisseur & Gourmet 2020