Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Auf Kurzbesuch in Brünn

Brünn

(c) ajdiga CC0/pixabay.de

Zu Besuch in Mährens Hauptstadt Brünn

Nur Wiener können sagen, dass die mährische Hauptstadt Brünn vor der Tür liegt – genau wie einige andere lohnenden tschechischen Reiseziele. Die Bahn bringt sie im Stundentakt in knapp 90 Minuten aus Österreichs Hauptstadt in das Herz Mährens. Für deutsche Besucher dauert die Anreise etwas länger, ist aber durch gute und preiswerte Zugverbindungen ebenfalls mit der Bahn zu bewältigen. Nur von München gibt es direkte Flüge zum internationalen Flughafen der Stadt.

Eine Reise dorthin lohnt auf alle Fälle, nicht nur wegen der zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt und ihres Umlands.

Historisch interessierte können zum Beispiel einen Ausflug nach Austerlitz unternehmen. Zumindest vom Namen her ist der Ort auch vielen Deutschen geläufig, denn dort besiegte in der berühmten Dreikaiserschlacht der Franzosenkaiser Napoleon die Heere des russischen Zaren und des österreichischen Kaisers. Der Waffenstillstand wurde im monumentalen Barockschloss unterschrieben. Der Schlosspark zählt zu den schönsten historischen Gärten Mährens. Wer möchte, kann das Schlachtfeld erwandern und zum Berg Žurán mit Napoleons Hauptquartier aufsteigen. Auf dem Santon, einem anderen Berg, lagerte dessen Artillerie und alljährlich findet dort eine Rekonstruktion der Schlacht in historischen Kostümen statt.

Bild Villa Tugendhat

Villa Tugendhat-20070429

Unesco Weltkulturerbe Die Villa Tugendhat

Unbedingt einen Besuch wert ist die Villa Tugendhat. Der Architekt Ludwig Mies van der Rohe hatte das Haus 1929 bis 1930 als Wohnhaus für das Unternehmer-Ehepaar Fritz und Grete Tugendhat errichtet. Der Bau gilt als das berühmteste Bauwerk der Moderne in Brünn und ist einer der wichtigsten Bauten des Architekten - ein wahrer Meilenstein der modernen Architektur. Von der Straße aus wirkt die Villa in Hanglage absolut unspektakulär, doch öffnet sich der eingeschossige Pavillon zur steil abfallenden Gartenseite mit einer riesigen Fensterfront. Einen Besuch sollte man unbedingt vorher planen, denn die wenigen Tickets für Führungen sind schnell ausgebucht. Mit offenem Mund sieht man im Wohnzimmer zu, wie der Führer zwei von deren Elementen mit einem Elektromotor im Boden versenkt. Eine Technik, die vor knapp 90 Jahren so viel gekostet haben dürfte, wie sonst ein normales Haus. Doch der jüdische Industrielle konnte es sich erlauben, zählte er doch zu den reichsten Bewohnern der Stadt.

Das riesige 2000 Quadratmeter große Grundstück bietet ein zauberhaftes Panorama der Brünner Altstadt. Im gut 200 Quadratmeter großen Wohnzimmer, das eine Wand aus poliertem Onyx teilt, wirkt alles sehr aufgeräumt. Es wird dominiert durch einen riesigen, puristischen Tisch aus Palisander.

Lange erfreuen konnten sich die Tugendhats an ihrer schönen Villa nicht. Als Nazi-Deutschland 1938 das Sudetenland annektierte, verließen sie ihre Heimat, da der Aufenthalt dort zu gefährlich wurde. Man möchte gar nicht an die diversen Vergewaltigungen denken, die der Bau erst unter den Nazis, dann unter den Russen über sich ergehen lassen musste. Ab den 60er Jahren regten sich lokalen Initiativen für einen würdigen Einsatz, der aber erst spät bewilligt wurde. 1992 verhandelte man in der Villa die Konditionen der Trennung von der Slowakei. Seit 2001 ist sie Teil des UNESCO Weltkulturerbes.

Bild Rathaus Brünn

Portal Brünner Rathaus.JPG
Von Dominik Tefert - Selbst fotografiert, Gemeinfrei, Link

Ein Altstadtbummel

Beim Bummel durch die Altstadt geht der Weg hinauf zum Petrov-Hügel mit der Kathedrale St. Peter und Paul. Dort gehen die Uhren anders, denn das Mittagsläuten findet hier nicht wie sonst üblich um 12 Uhr, sondern schon eine Stunde früher um 11 Uhr statt. Der Legende nach wollten die Schweden die Belagerung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg abbrechen, wenn deren Einnahme bis Mittag nicht gelingt. Als die gewitzten Brünner in höchster Not schon um 11 Uhr läuteten, zogen die Schweden unverrichteter Dinge ab. Über den Alten Rathaus thront noch einen Turm aus dem Jahr 1240, dessen beeindruckendes Portal mit dem schiefen Mitteltürmchen der Bildhauer Anton Pilgram 1511 schuf.

Fast 700 Jahre lang war dort die Stadtverwaltung zu Hause, bevor sie ins Neue Rathausumzog, das rüher das Dominikanerkloster beherbergte. Einen schönen Blick über die Stadt bieten die Denisovy Sadi Parkanlagen oberhalb der Kathedrale von dem man sich auf den lohnenden Festungsrundweg begeben kann. Wie reich und modern Brünn im ausgehenden 19. Jahrhundert war, kann man am Malinowskiplatz erahnen, wo bereits 1882 das damalige Deutsche Theater als erstes Theater Europas von 1365 frischerfundenen elektrischen Glühbirnen von Thomas Alva Edisons illuminiert wurde.

Bild Spilberk

Brno Spilberk 1 beentree

Besuch in den Brünner Burgen

Seit mehr als 700 Jahren wird die Stadt dominiert von der Burg Špilberk. Gegründet gegen Mitte des 13. Jahrhunderts vom böhmischen König, bewahrte sie die Stadt dank ihrer strategischen Lage vor Belagerungen und wurde im Laufe des 17. und 18. Jh. zur mächtigsten Festung Mährens. Damals richtete Kaiser Josef II. im Festungskerker der Kasematten ein Gefängnis für Schwerstverbrecher und politische Gefangene aus allen Ländern der Monarchie ein, das einen fistereren Ruf hatte. Napoleon lies 1809 wichtige Teile der Befestigung vernichten und die Strafanstalt auflösen. Doch noch in den beiden Weltkriegen inhaftierte man dort weiterhin gerne die politischen Gegner. Im Sommer finden auf der Burg Konzerte und andere Veranstaltungen statt.

Die malerische über dem Wasser gelegene Burg Vevery erreicht man mit Straßenbahn vorbei am Messegelände und einer entspannenden Bootsfahrt über die Brünner Talsperre. Winston Churchill verbrachte dort einen Teil seiner Hochzeitsreise bei einem Jugendfreund, der die ehemalige mittelalterliche Königsburg erworben hatte. Mehrere Elektroschiffe verkehren regelmässig zwischen Staumauer und der Burg und bringen Besucher und Einheimische zu den Anlagestellen entlang des Ufers.

Bild Svikova

Svícková omácka, sekaná, houskový knedlík

Die böhmisch-mährische Küche

Wenn man sich durch die Besichtigung verausgabt hat, kann man bei der Einkehr in einem der typischen Speiselokale neue Energie für weitere Besichtigungen oder das Abendprogramm schöpfen. Wer gerne gut isst, ist in Tschechien goldrichtig. Dabei hat das Land jede Menge eigener Spezialitäten anzubieten - von der Vorspeise bis zum Nachtisch. Beginnen kann man zum Beispiel mit einer Knoblauchsuppe, der wohl ältesten Suppe der böhmisch-mährischen Küche. Sie regt die Verdauung an und ist ausgesprochen gesund. Zu meinem Lieblingsgericht in Brünn wurde der Svícková, ein marinierter Rinderlendenbraten mit Semmelknödeln und Preiselbeeren.

Apropos Knödel – man findet sie zu zahlreichen tschechischen Gerichten und manche unterscheiden sich ziemlich deutlich voneinander.

Die klassische Variante macht man aus grobgemahlenem Weizenmehl, Eiern, Milch, Salz und Hefe oder Backpulver. Der Teig wird gründlich durchgeknetet, ruht dann bis zu zwei Stunden, bevor er zu Laiben geformt und im Dampf oder in leicht siedendem Wasser, direkt oder in eine Serviette eingewickelt rund 20 Minuten lang kocht. Danach schneidet man sie In fingerdicke Scheiben. Beim Semmelknödel reichert man die Zutaten durch alte Semmel an. Tauscht man das Mehl zum großen Teil gegen gekochte Kartoffeln aus, bekommt man die als Beilage zum Fleischbraten äußerst beliebten Kartoffelknödel. Früher aß man sie als „Arme-Leute-Essen“ mit Bratensaft oder verzehrte sie in Scheiben geschnitten in Butter oder Schmalz geröstet.

Bild Pegas

Minibrewery Pegas in Brno-Center, Czech Republic

Die Erinnerung an k.u.k. Monarchie und das Bier

Man spürt schnell, dass die Zeit unter der k. u. k. Monarchie und die Näher zu Wien die Speisekarten Mährens nachhaltig prägte. Palacinky erinnert schon phonetisch an Palatschinken und guláš lässt einen sofort an das nahe Ungarn denken. Schweinebraten mit Knödeln und Kraut sind als „vepro knedlo zelo“ auf so gut wie jeder Speisekarte zu finden. Verhungern wird niemand. Mit Ausnahme weniger Spitzenrestaurants sind die Essenspreise in Brünn meist äußerst angenehm und die Qualität sehr ordentlich. Selten zahlt man mehr als sechs oder sieben Euro für ein Gericht inklusiv Getränk – auch in den gut gefüllten Restaurants im Zentrum der Stadt. Zu den typischen Speisen gehört auch Tatar vom Rind mit Topinky, altbackenen Graubrotscheiben, die – ähnlich wie Bruschetta in Italien – in Schmalz angebraten und beidseitig mit Knoblauch eingerieben werden. Um die Mittagszeit kann man ruhig etwas flexibel sein, denn dann bieten viele Restaurants ein preislich begünstigtes Menü an.

Zum guten Essen gehört natürlich auch das Trinken. Wer ein traditionelles Bier aus Brno mag, bestellt Starobrno, doch die Restaurants bieten auch andere tschechische Marken an, allen voran Pilsner Urquell.

Für einen halben Liter zahlt man selten mehr als einen Euro bis € 1,50. Wer keinen Alkohol mag, sollte das traditionelle tschechische Getränk Kofola probieren, eine Art Cola, die durch Lakritze und Kräuterzusätze ihren unverwechselbaren Geschmack bekommt. Mährens Herzblut steckt aber im Wein, den man in und um Brünn in den stilvollen Weinstuben oder Weinkellern probieren kann, in denen stets eine heitere Stimmung herrscht.

Die Stadt, die auf Tschechisch Brno heißt, war in der Zeit der k.u.k. Monarchie ein österreichischer Sonderfall. Durch die rasant wachsende Produktion der Textilfabriken bedingt, die schon um 1840 rund 15.000 Menschen beschäftigten, hatte man ihr den Beinamen „Manchester Österreichs“ verpasst. Neue Vorstädte schossen wie Pilze aus dem Boden. Der Journalist Jan Ohéral schrieb damals „die Ansicht von Brünn hat sich in wenigen Jahren ganz verändert“. Statt der ruhigen fast statischen Atmosphäre sei man jetzt in das „Getöse der Werkstätte versetzt“.

Bild Vertreibung

Bundesarchiv Bild 146-1985-021-09, Flüchtlinge.jpg
Von Bundesarchiv, Bild 146-1985-021-09 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Das Deutsch-Tschechische Verhältnis

Die Bewohner waren damals zu gut 60 Prozent deutschsprachig und gehörten zur Ober- und Mittelschicht, während die Tschechen als Arbeiter in die Bezirke am Stadtrand abgedrängt waren. Diese Vorherrschaft der Deutschen im 19. Jahrhundert sorgte schon damals für eine gewisse Feindlichkeit gegenüber den Deutschen, die vor allen in den Randbereichen des Landes als Sudentendeutsche siedelten. Sie verschärfte sich, nachdem infolge des Münchner Abkommens von 1938 die deutschsprachigen Gebiete annektiert wurden und einige der neuen Reichsbürger sich den Tschechen gegenüber als Herrenrasse aufspielten. Hunderttausende tschechische Bewohner mussten ihre Heimat verlassen. Gegen Kriegsende kam die Revanche: Staatspräsident Benes forderte die Entfernung der Deutschen und die Konfiszierung des deutschen Besitzes.

Er löste damit teils blutige Aktionen aus, die rund 3 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben.

Auch heute spürt man eine gewisse Xenophobie. Fast zwei Drittel der Bevölkerung lehnt Hilfe für Kriegsflüchtlinge ab. Die Regierung spielt mit, da sie Stimmverluste fürchtet, wenn sie gegen die Meinung der Mehrheit handelt. Das spült auch einige deutsche Rechtsradikale ins Land, die ihrer Heimat wegen Merkels in ihren Augen verfehlten Flüchtlingspolitik den Rücken gekehrt haben. Auch die deutlich niedrigeren Gehälter und der Skeptizismus vieler Einheimischer ihnen gegenüber hielt sie nicht von ihrem Recht als EU-Bürger ab.

Bild Barcelo Hotel

Hotel Comsa Šilingrovo námestí Brno 1

Kneipenszene und Hotelangebot

Doch nicht überall spürt man diese Abgrenzung. Abends macht der Bummel durch die belebte Altstadt Spaß. Man merkt sofort, dass Brünn eine große Studentenstadt ist, denn die jungen Menschen prägen besonders in den Abendstunden das Stadtbild. Manche Plätze der Innenstadt sind abends umlagert von Studenten, die draußen ihr Bier trinken und der Stadt einen mediterranen Hauch verpassen. Ziemlich ausgefallene und ausgesprochen leckere Cocktails bekommt man zum Beispiel in der Bar ohne Namen oder „Bar, který neexistuje“ in der Dvorakova. Eine breite Auswahl an verschiedenen Bieren diverser kleiner Craftbeer-Brauereien bekommt man im urigen und meist rammelvollen „Výcep Na Stojáka“ am Pltz der St. Jakobs-Kirche. Günstige und sehr urige Brauhausatmosphäre schnuppert man im Pegas. Im Keller hat man dort eine Minibrauerei errichtet, die vor den Augen der Gäste im Restaurant braut. Es war die zweite Minibrauerein in Tschechien nach dem legendären u Flekù in Prag.

Im darüber liegenden 3-Sterne-Hotel Pegas bekommt man bei bester Lage ein absolut attraktives Angebot. Wer etwas mehr ausgeben kann und will, findet im Barceló Brno Palace erstklassige Unterkunft in einem kürzlich von der spanischen Hotelkette renovierten Palast.

Informationen: Auf der Internetseite www.gotobrno.cz/de finden Sie Informationen über Brünn als Reiseziel mit Anreisetipps und Informationen über die Unterkünfte, Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Unter www.czechtourism.com/de/home/ finden Sie darüber hinausgehende Informationen über Reisen nach Tschechien. Beide Websites gibt es auch in deutscher Sprache. In Brünn selbst kommt man mit deutsch und englisch meist gut zurecht. Viele Hotels und Restaurants verstehen eine oder beide Sprachen. Das Preisniveau in Tschechien ist für deutsche Urlauber erfreulich günstig. Mahlzeiten kosten selten mehr als 6-7 Euro, ein örtliches Bier kostet rund 1 Euro, ein DZ im 3 bis 5-Sterne-Hotel kostet mit Frühstück zwischen 50 und 125 Euro pro Nacht.

(c) Michael Ritter

Bild Brünn

Josefská street in Brno I

(c) Connaisseur & Gourmet 2017