Die schönsten Eckchen Deutschlands

Warum in die Ferne schweifen...

Auf dem Wiiwegli durchs Markgräflerland

Landschaft am Wiiwegli

(c) Nilgün Burgucu

Start in Weil am Rhein

Pferdewagen auf dem Wiiwegli

(c) Nilgün Burgucu

„Euri Bagasch bring mir denn uf Bellinge abe! Vyl Spass uf de Wiiwegli“. Im schönsten Alemannisch verabschiedet Anja uns nach dem Frühstück und drückt jedem zur Wegzehrung für den Tag eine Tüte mit Obst, Broten und Getränk in die Hand. Am Vortag hatte die nette Rezeptionistin schon Tipps für den Ort gegeben. „Die Stuhlfabrik ist nur einen Purzelbaum entfernt.

Da kommen Busse voller Japaner, um sich die Ausstellung anzugucken“. Wie diese reizt uns Gehrys verwinkelter Bau des Vitra Design Museums. Riesige Stühle stehen überall im Ort herum und scheinen auf Riesen zu warten. Das lichte Museum, das Renzo Piano für die klassischen Moderne der Fondation Beyeler gebaut hat, liegt auch nur einen Sprung weiter hinter der Schweizer Grenze.

Kultur am Wegesrand

Weindörfer im Markgräflerland

(c) Nilgün Burgucu

Ein guter Einstieg in die Wanderung, bei der am Wegesrand Kunstwerke der Natur auf uns warten und die uns über vier Etappen und 80 Kilometer nach Freiburg führen soll. Auch wer nur ein Teilstück des Wiiwegli geht, sieht sich in einen Paradiesgarten versetzt. Bei dem Pauschalangebot wird das Gepäck bequem von Hotel zu Hotel geliefert, wodurch auch steilere Aufstiege durch Streuobstwiesen und Weinberge nicht zu beschwerlich sind.

Selten sind mehr als 100 Höhenmeter am Stück zu bewältigen, wenn sich der mit gelber Weintraube auf roter Raute gut markierte Weg am Hang des Schwarzwaldes durch Reben, Wald und Dörflein schlängelt. Eine ausgezeichnete Route für Genusswanderer.

Der erste Aufstieg

Landschaft am Wiiwegli

(c) Nilgün Burgucu

Besonders im Herbst, wenn die Natur das Laub der Reben und der nahen Wälder in Rot und Gold färbt und die Zeit der Lese bevorsteht, finden sich zahlreiche Wanderfreunde. Aus gutem Grund, denn entlang der Strecke ergibt sich immer wieder Gelegenheit zur Vesper einzukehren und Wein zu verkosten.

Schon der erste Aufstieg zum Hang des Tüllinger Berges wird belohnt durch einen Panormablick über Rhein, Jura, Basel und Vogesen. Dann geht's durch Wiesen und wellige Weinhänge, vorbei am denkmalgeschützten und von Weinbergen gerahmten Dörfern zum Ziel der Tagesetappe in Bad Bellingen.

Bad Bellingen

Alter Gutedel

(c) Nilgün Burgucu

Der Schwarzwald rückt dort ganz eng an den Rhein heran, weshalb das Wiiwegli für ein Stück die alte Römerstraße mit den Autos teilen muss. Schon die Römer kannten und nutzten das wohltuende Thermalwasser, das dort und andernorts am Oberrhein aus dem Boden strömt und nach der Wanderung die Lebensgeister wieder weckt.

Zur Zeit der Weinlese bietet Bad Bellingen eine reinigende und entschlackende Traubenkur an.

Der Gutedel

Alter Gutedel

(c) Nilgün Burgucu

Dem weißen Gutedel, den Markgraf Karl Friedrich im 18. Jahrhundert vom Genfer See in seine Heimat brachte, kann man auf der Wanderung kaum entgehen, denn er steht bei Winzern und Winzergenossenschaften hoch im Kurs und hat eine lange Tradition.

Die besten Weine im Markgräflerland brauchen den Vergleich mit denen vom Kaiserstuhl nicht zu scheuen.

Roy Blankenhorn

Roy Blankenhorn

(c) Nilgün Burgucu

„Da waren einige ganz schön sauer, doch der frühe Vogel fängt den Wurm“ lacht die resolute Winzerin Roy Blankenhorn, die sich 1999 die Domain gutedel.de für ihr Weingut in Schliengen sicherte. Als im Jahr darauf der 4.000 Geburtstag der Traube gefeiert wurde, merkten es auch die Anderen.

„Kein komplexer Wein, aber schön zum Süffeln. Da trinkt man gern mal ein zweites oder drittes Glas,“ schwärmt sie über ihre wichtigste Traube und ärgert sich, dass mancher Kollege Gutedel zu Billigpreisen verramscht. „In der Schweiz“, seufzt sie, „hat er einen ganz anderen Stellenwert als bei uns“.

Von Müllheim nach Staufen

Staufen

(c) Nilgün Burgucu

Die Etappe von Müllheim nach Staufen ist nicht nur kulturell ein Highlight der Wanderung. In Sulzburg thront mit St. Cyriak eine der schönsten romanischen Kirchen der Region und in Staufen kitzelt Rainer G. Mannich altes Schulwissen an Goethes Meisterwerk aus uns heraus.

Bei Faust in Staufen

„Aaah, der Doktor Faust! Eine meiner Lieblingsseelen.“ Dem Mimen sitzt der Schalk im Nacken. Seit zehn Jahren schon wechselt der Schauspieler mit dem langen weißen Haaren blitzschnell und diabolisch kichernd zwischen Faust und Mephisto und (ver)führt Besucher mit Goethe-Zitaten durch die verwinkelten Gässchen Staufens. Der berühmte Alchimist hatte dort im Gasthaus zum Löwen versucht Gold zu machen – und kam dabei ums Leben.

Man könnte meinen, der Teufel treibe heute noch sein Unwesen im Untergrund, denn als die Stadt versuchte für eine Wärmepumpe Löcher zu bohren, quoll das Gestein wie ein Hefekuchen und sorgte nicht nur im Rathaus für Risse. Im Herbst hocken die geselligen Badener mit Gästen zusammen in den Straußen des Örtchens. Zwiebelkuchen gibt's, neuen Süßen, Schäufele und Brägele (Bratkartoffeln). „Dazu schlotzt man ein, zwei oder mehr Viertele vom badischen Wein“, freut sich der Mannich.

Nach Freiburg

Am letzten Tag geht’s nach Freiburg, wo der hohe Münsterturm eine gute Orientierung bietet. Zuvor genießen wir aber am weinreichen Batzenberg die traumhafte Sicht bis zum Kaiserstuhl und prüfen auf dem Wein-Lehrpfad, was wir bei unserer Wanderung auf dem Wiiwegli alles über Wein gelernt haben. Unser Fazit: Einiges, doch man lernt nie aus.

(c) Connaisseur & Gourmet 2017