Zu Gast in den USA, Kanada und den Andenstaaten

Trotz Trump & Co einen Besuch wert

Erkundungen rund um Mendoza und im Valle de Uco

In der Hochburg des Malbec

Die Anden im Hintergrund der Weinberge

(c) Michael Ritter

Nur wenige Kilometer und bis fast in den Himmel ragende Berge trennen die Weinbaugebiete rund um Mendoza von den Weinbergen Chiles. Doch der Weinbau zeigt deutliche Unterschiede, denn die Anden lassen kaum Regenwolken passieren und machen ihn in Argentinien abhängig von der Bewässerung. Unser Autor Michael Ritter ist in die Region geflogen, hat einige Traditionsbetriebe und Newcomer besucht und berichtet, was es dort Neues zu sehen und verkosten gibt.

Neuanfang nach der Wirtschaftskrise

Francisco und sein Pferd

(c) Michael Ritter

Mit wehmütigem Blick erzählt Francisco Farina von seinem Pferd. Diebe hatten es dem Weinbauern im vergangenen Jahr gestohlen. Leider keine Seltenheit in dem von Krisen geschüttelten Land, das in den letzten Jahrzehnten von einem Staatsbankrott in den nächsten taumelte. Francisco ist einer der wenigen Traditionalisten, die noch immer nach alter Väter Sitte den Weinberg mit dem Pferd und nicht mit dem Traktor bearbeiten. Auch in der Genossenschaft Viñasol arbeiten fast alle Mitglieder mit modernem Gerät. Doch da Francisco eisern blieb, erwarb man wieder ein Pferd. Die Hälfte des Kaufpreises übernahm der Solidarfond, die andere Hälfte zahlt Francisco nach und nach von seinem Anteil.

Ich traf ihn einige Kilometer südlich von Mendoza im Weinberg, wohin ich mit Maria Laura Bardotti fuhr, die als Agraringenieurin bei der Bodega Furlotti für die Partnerschaft mit Viñasol zuständig ist. Vor einigen Jahre wurde Viñasol von Fair Trade zertifiziert. Stolz führt uns Francisco durch seinen kleinen Weinberg. Uralte Reben stehen dort. Fast nur Malbec, der hier auf einer Höhe von rund 1.000 Metern besonders gut gedeiht.

Der Siegeszug des Malbec

Im Barriquekeller

(C) Michael Ritter

In Frankreich hatte die Traditionsrebe nach der Ausbreitung der Reblaus Probleme, denn viele Winzer entschieden sich bei der Neubestockung für pflegeleichtere Sorten wie Merlot. Doch in Argentinien, wo in der Erntezeit fast immer die Sonne strahlt und Weinbauern bei der Wahl des den optimalen Lesezeitpunkt nicht von Wetterkapriolen abhängig sind, konnte der Malbec zeigen, was in ihm steckt. Der Boden ist tief und kräftig, Schwemmland aus den Anden, die nur wenige Kilometer westlich in den Himmel streben. Die Berge halten auch den Regen ab. Nur rund 200 Millimeter Niederschlag erreichen Mendoza pro Jahr. Ein ausgeklügeltes Kanalsystem leitet das Wasser vom Rio Mendoza es auf die Felder der Wein- und Gemüsebauern, die diese dann überfluten können.

Alles ist recht kompakt hier, anders als in Chile, wo sich die wichtigsten Weinbauregionen über Hunderte von Kilometern zwischen Anden und Ozean verteilen. Zwar erstrecken sich auch die Weinbauregionen Argentiniens weit zwischen Salta im Norden und Neuquén in Patagonien, aber mehr als 90 Prozent konzentrieren sich auf die Region Cuyo mit Mendoza, San Juan und La Rioja.

Abnehmer des Weins waren früher meist die Argentinier selbst. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 90 Litern waren einfache, billige Weine auch in Buenos Aires begehrt, kamen doch viele Immigranten aus Weinländern wie Frankreich, Italien, Deutschland und Spanien, die sie auf der Flucht vor der Armut oder auf der Suche nach dem Glück seit den 19. Jahrhundert verlassen hatten. Wein war dort ein vertrautes und beliebtes Grundnahrungsmittel.

Weintourismus als zweites Standbein

Maria Laura Bardotti und ihr Wein

(C) Michael Ritter

Im Familienweingut von Gabriela Furlotti keltert der Schweizer Marc Weiss aus den Trauben von Viñasol unter anderem den Topwein Soluna Primus Malbec, einem Gran Reserva aus 80jährigen Rebstöcken und eine Reihe anderer organischer Weine. Unterstützung bekommt er vom Önologen Pablo Durigutti, einer von Argentiniens jungen Weinstars. Wir treffen Marc in der Finca Adalgisa, dem früheren Wohnhaus der Familie Furlotti, das Gabriela in ein Boutique Hotel mit eigenem kleinen Weingut verwandelt hat. Die 5.000 Flaschen Malbec, die Marc aus alten Reben rund um die moderne Lounge keltert, werden gern von den Gästen beim abendlichen Imbiss getrunken.

Zum Weingut sind es nur ein paar hundert Meter. Der alte Bau mit traditioneller Lehmdecke und Resten riesiger Betontanks, in denen Marc sein Barriques lagert, erinnert an die Zeiten der Massenproduktion, als Gabrielas Vorfahren den Betrieb aufgebaut hatten und bis zu 3.000 Hektar Land bewirtschaften. Meist ertragsstarke Sorten wie Criolla und Cereza, wie auch sonst in der Region. Die Wirtschaftskrise der 70er Jahren brach den Furlottis finanziell das Genick und von einst vier Weingütern blieb nur noch dieses.

Heute setzen viele Winzer auf Qualität. Statt der früher üblichen Überflutung der Felder wird meist auf Tröpfchenbewässerung gesetzt. Das bringt die Gefahr der Reblaus mit sich, die bisher kaum eine Rolle spielte. Um auf Nummer sicher zu gehen hat man bei Neupflanzungen seit einigen Jahren auf gepfropfte Reben umgestellt.

Schon auf der Fahrt vom Flughafen im nahen Mendoza nach Süden spüre ich, dass ich mitten im Herz von Argentiniens Weinbauregion bin. Wie Mainz ist Mendoza eine der Great Wine Capitals, die sich gegenseitig mit neuen Ideen zum Ausbau des Weintourismus befruchten. Umrundet von den Weingütern der großen argentinischen Winzerfamilien liegt die schicke Cavas Wine Lodge, ein Relais & Chateaux -Hotel. Für die exklusive Lage, mit allen Annehmlichkeiten eingerichtete Zimmer, offene Kamine und private Pools zahlt man in der Hochsaison schnell 1.000 US-$ pro Nacht. Wem das zu viel ist, der findet im Lares de Chacras erstklassige Unterkunft mit gutem Restaurant und Weinkeller,in dem man die besten Weine der Region in aller Ruhe erkunden kann.

Valle de Uco - Neue Hoffnungsregion

Andeluna

(C) Michael Ritter

Am nächsten Morgen treffe ich Manuel Lamadrid Bonino von Andeluna, um mit ihm zum Weingut im Valle de Uco zu fahren. Auf der gut einstündigen Fahrt gen Süden sieht man karge Landschaft ohne Bewässerung. Auf dem Weg passieren wir Catena Zapata, das Weingut von Nicolas Zapata. In Form einer Pyramide will das Weingut will nur mit seiner Architektur auffallen. Catena startete 1902 mit Malbec und gehört zu den Pionieren dieser Rebsorte. Mit dem Einstieg des früheren Berkeley-Dozenten wurden seit den 80er Jahren im Familienweingut neue Schwerpunkte gesetzt: Klonauswahl, Bodenstudien und Konzentration auf erstklassige Qualität. Das sorgte für internationale Aufmerksamkeit. Man merkt die kalifornischen Vorbilder. Bei Parker kommt der Stil gut ab und das Flagschiff, der Nicolas Catena Zapata kann stolze 98 Punkte einfahren. Geschmackssache , doch einige der kommerziellen Weine, wie der Catena Alta Malbec zeigen mit voller reifer Frucht schöne Frische und Mineralität.

Andeluna liegt im Valle de Uco, der neuen Spitzenregion von Mendoza, das wir nach Fahrt über das Vorgebirge erreichen.

Nach dem Tupungato, „Sternenausblick“, der mit gut 6500 Metern hinter den Weinbergen liegt, benennt sich der oberste, knapp 1500 Meter hohe Abschnitt des Tals. Deutlich höher als europäischen Weinbauregionen, aber niedriger als die Weinberge von Salta, gut 1.000 km nördlich, mit hochalpinen Weinbergen bis 3.000 Meter Höhe.

Früher wurden die Trauben von dort nur als Farbgeber genutzt, doch Bodenanalysen, neue Klone und Tröpfchenbewässerung zeigten das enormen Potenzial und brachten den Weinbau mit jungen vinologischen „Goldsuchern“ und etablierten Betriebe in die neue 1a-Lage zurück. Auch Zapata war einer der Pioniere. Die neuen Bauten im Tal können sich sehen lassen. Das Valle de Uco hat sich auf Weintourismus eingestellt. Schöne Restaurants sind üblich und einige Betriebe, wie die Bodega Atamisque, wo man zwischen Weinbergen und Obstbäumen am Kamin oder im Jacuzzi die Andenkulisse oder den klaren Sternenhimmel bewundern kann oder die lohnenswerten Bodegas Salentein haben auch internationale Übernachtungsgäste im Visier.

State-of-the-Art-Weingüter und europäische Berater

Gute Küche und netter Service bei Andeluna

(c) Michael Ritter

Auch Andeluna hat ein State-of-the-Art-Weingut errichtet, das optimal auf die Betriebsabläufe ausgerichtet ist und gleichzeitig repräsentativ Gäste zur Weinprobe oder einem guten Essen willkommen heißen kann. Man spürt schnell, dass Geld keine Rolle beim Bau gespielt hat, als der US-Geschäftsmann H. Ward Lay vor 10 Jahren den Grundstein legte. Mit Getränken kannte sich Lay als einer der Anteilseigner von PepsiCo aus. Seine Vision war eine Kollektion von Premiumweinen, die zur Spitze des argentinischen Weinbaus gehören. Im modernen Ziegelbau wird sein Winemaker Silvio Alberto wird von Frankreichs Flying-Winemaker-Ikone Michel Rolland beraten. Spitzenweine wie der Pasionado Cuatro Cepas aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec und Cabernet Franc zeigen die Handschrift Rollands. Sehr gut gefallen hat uns der Altitud Malbec und der Malbec aus der 1300er Serie, die auf die Anbauhöhe im Valle de Uco anspielt.

Eines der eindrucksvollsten Bilder der Finca Sophenia entstand im Winter. Durch ein Meer braunen Holzpfählen sieht man den geometrischen Bau des Weinguts mit dem geschwungenen „S“ an der Front. Dahinter erhebt sich das schneebedeckte Tupungato-Massiv. Roberto Luka, früher Chef von Wines of Argentina, gründete das Weingut vor gut 15 Jahren. Schon bald fanden sie Freunde weltweit. Sicher nicht ganz unbeteiligt daran ist auch hier Michel Rolland als Berater.

Neues ausprobieren und Traditionen wahren

Trapiche hat Tradition

(c) Michael Ritter

Zurück in Lujan de Cuyo besuchen wir das Weingut Kaiken. Der Chilene Aurelio Montes, den wir zuvor in seinem Top-Weingut in Apalta besucht haben, entlieh den Namen der Sprache der Einheimischen für die patagonischen Gänse, die regelmäßig die Anden überqueren. „Das beste von beiden Seiten der Anden“ steht auf dem Etikett und in der Tat bringt Montes neue Ideen mit und experimentiert gerne. Sein Rose-Sekt aus Malbec überzeugt durch einen frisch- fruchtigen Charakter und ein guten Preis. Ebenfalls sehr attraktiv sind der Ultra Malbec und der Ultra Cabernet Sauvignon. Für seine Spitzenweine verwendet Montes ebenfalls Reben aus dem Valle de Uco.

Auf rund 750 Meter Höhe liegen südöstlich von Mendoza die Plantagen und Weinberge von Maipú. Über Jahrzehnte war hier die größte Weinproduktion des Landes.

Mitten drin: Trapiche. 1883 von Tiburcio Benegas Ortíz als Vorreiter für den südamerikanischen Qualitätsweinbau gegründet, kann der Traditionsbetrieb heute mit einem beeindruckenden Angebot von unterschiedlichen Weinen aufwarten. Der historische Ziegelbau mit Schornstein, eigenem Bahnanschluss, eindrucksvollen Keller ist tipptop gepflegt und einen Besuch wert. Winemaker Daniel Pi kauft auch Trauben von rund 200 Produzenten dazu. Ausgezeichnet gefallen hat uns der Sekt Trapiche Extra Brut und die Single Vineyard Malbecs, eine Auswahl der jeweils drei besten Malbecs eines Jahrgangs. Daniel und sein Team suchen dafür aus dem Angebot die besten Trauben und bringen den Wein mit dem Namen des Weinbauers auf den Markt. Dabei wird trotz der Grundcharakteristika die aromatische Vielfalt spürbar.

Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit

Philippe Rolet und sein Hagelschutz

(c) Michael Ritter

Bevor es am nächsten Tag zurück nach Chile geht, steht Altavista aus dem Programm. Das Weingut gehört Patrick d’Aulan, Spross einer alten französischen Adelsgeschlechts, dem früher Piper-Heidsieck gehörte. Zusammen mit Jean-Michel Arcaute, einem angesehenen Winemaker aus Bordeaux stieg er 1998 in den argentinischen Weinmarkt ein,um Malbec mit der französischem Know-How zu verbinden. Ein altes Weingut wurde restauriert und mit modernster Technik ausgestattet. Mit dem Flagschiff Alto, den sie aus 80 Jahre alten Reben kelterten, stiegen sie sofort in die Gruppe der argentinischen Icon Wines auf. Seit 2002 kümmert sich Philippe Rolet um den Betrieb. Der Winzersohn aus dem Jura-Städtchen Arbois zeigt mir auf einer Fahrt durch die Weinberge die Netze in den Rebzeilen, die viele Weinbauern verwenden.

„Hier gibt‘s sehr viel Hagel“, verrät er. „Das kann die Ernte innerhalb von Sekunden zerstören“. Auch Alta Vista setzt, wie etliche andere südamerikanische Produzenten auch, auf Nachhaltigkeit und reduziert den „Carbon footprint“. Wie Daniel Pi bei Trapiche legt auch Philippe Wert auf Einzellagenweine mit Charakter, welche die Stärke des Landes ausdrücken.

Keine einheitlichen Weine also, sondern Weine, die den Jahrgang und das Terroir widerspiegeln. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nicht nur hier konnten wir sehen, dass Südamerika auf einem guten Weg in die Zukunft ist, der auch in Zukunft auf schöne Weine aus dieser Neuen Welt hoffen lässt.

(c) Connaisseur & Gourmet 2017