Ratschläge für Musik & Oper

Halleluja - Händels Messiah bei den Festspielen

George Petrou

(c) IHFG/Alciro Theodoro da Silva

Göttingen, 24. Mai 2026

Halleluja - Händels Messiah bei den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen

Einige Besucher dürften sich gefragt haben, warum sie sich am Eingang ein Programmheft gekauft haben, in dem neben einer Einführung in die Werksgeschichte und eine Auflistung und Vorstellung der Beteiligten Sänger und Musiker auch der Text des knapp dreistündigen Oratoriums zu lesen war. Zwar leuchteten die farblich abwechselnden Deckenpanelle der Stadthalle zum Einlass noch in verschiedenen Farben und natürlich – wie so oft in Zeiten der Solidarität - auch in den Farben der Ukraine, doch mit Beginn des Konzerts schwand das Licht und das Programmheft wurde obsolet. Auch auf Untertitel, die bei den Aufführungen im Deutschen Theater beim Verständnis halfen, hatte man in der Stadthalle verzichtet. Schade – denn so konnten Händels unsterblichen Meisterwerk nur diejenigen folgen, die entweder mit einer digitalen Partitur oder sich zumindest eine digitale Version des Textes aus dem Web heruntergeladen haben.

Händel hatte sein Oratorium Messiah (HWV 56) im Sommer 1741 wieder einmal – wie schon im Jahr zuvor die Oper Deidamia in einem geradezu legendären Schaffensrausch Innerhalb von gut drei Wochen vollendet.

Er hatte eine Einladung nach Dublin angenommen und bei der Reise bereits das Libretto von Charles Jennens im Gepäck, der Bibelzitate aus dem Alten und Neuen Testament sowie Texte aus dem Book of Common Prayer zu einem theologischen Narrativ verknüpfte.

Bei dieser Reise entschloss er sich, neben bekannten Kantaten seine Gastgeber auch mit einer Uraufführung zu belohnen, die am 13. April 1742 in Dublin stattfand – was ihm später im stark nationalistisch geprägten London nicht gerade Sympathien einbrachte. Die Reise erfolgte auf Einladung des Duke of Devonshire und Händel dirigierte das Werk selbst im Neuen Musiksaal in der Fishamble Street. Da das Publikum sich um die Eintrittskarten riss, hatte man die Damen gebeten, keine breiten Reifröcke zu tragen und die Herren auf ihre Schwerter zu verzichten, um so mehr Platz zu schaffen. Wie bereits erwähnt erfolgte im Folgejahr die Londoner Erstaufführung in Covent Garden zunächst deutlich kühler.

Ru Charlesworth

(c) IHFG/Alciro Theodoro da Silva

Der Aufbau des Werks

Der Messiah gliedert sich in drei Teile, wobei der erste sich mit der Prophezeiung und Geburt des Messias befasst. Die Arien und Chöre führen von alttestamentlichen Weissagungen über die Verkündigung bis zur Ankunft Jesu in der Welt. Nach der Pause schildert die Komposition im zweiten Teil Leiden, Tod, Auferstehung und die Himmelfahrt Christi und kulminiert im berühmten Halleluja-Chor – einem der bekanntesten Chorwerke der Musikgeschichte. Er passt sich gut einer Nationalhymne an und man erzählt sich, dass sich König Georg II. bei der Londoner Erstaufführung von seinem Sitz erhob; seitdem ist es – zumindest in Großbritannien - Tradition, beim Halleluja aufzustehen. In Göttingen war das Publikum zwar angemessen begeistert, übernahm aber nicht britische Gepflogenheiten. Der letzte Teil handelt von der Auferstehung der Toten und der Verheißung ewigen Lebens und endet mit der triumphalen Amen-Fuge. Das Werk ist für Sopran, Alt oder Mezzosopran, Tenor und Bass oder Bariton besetzt – dazu Chor und Orchester. Die insgesamt 53 Nummern dauerten in Göttingen inklusiv einer Pause nach Teil I zweidreiviertel Stunden.

NDR Vokalensemble

(c) IHFG/Alciro Theodoro da Silva

Die musikalische Bedeutung des Werks

Von Händels anderen Oratorien unterscheidet sich der Messiah durch seine besondere Intimität und Innerlichkeit. Statt auf Dramatik und epische Kraft wie bei Samson oder Israel in Egypt zu setzen, ist der Messiah stärker kontemplativ – wie eine musikalisch-theologische Meditation. Die Arien sind von melodischer Schönheit und „I know that my Redeemer liveth" für Sopran, „He was despised" für Alt und das ergreifende „The trumpet shall sound" für Bass, der wie ein Einsatz für die Posaune erschallte, zählen zu den ergreifendsten Momenten der Oratorien. Wie oft griff Händel auch hier auf ältere eigene Werke zurück – sogenannte Parodien –, arbeitete diese aber so gekonnt um, dass das Ergebnis völlig homogen wirkt. Die Orchestrierung ist schlicht, aber wirkungsvoll: Streicher, Oboen, Fagott, Trompeten, Pauken und Continuo.

Drew Santini

(c) IHFG/Alciro Theodoro da Silva

Nachwirkung und Aufführungspraxis

Anders als die bis in die heutigen Tage selten gespielte Festspieloper Deidamia ist der Messiah eines der Werke der abendländischen Musikgeschichte, die oft auf der Programmen landet und dabei vielfältig interpretiert wird. Schon zu Händels Lebzeiten war das Oratorium nach anfänglichem Schmollen in England außerordentlich populär und Händel dirigierte es in seinen letzten Jahren trotz zunehmender Erblindung regelmäßig selbst. Fast ein Overkill setzte später im 19. Jahrhundert ein, wo der Messiah teilweise mit Tausenden von Sängern und Orchestermitgliedern aufgeführt wurde. Eine Aufführung wie in Göttingen kam erst im vergangenen Jahrhundert wieder in Mode, wo man durch die Historische Aufführungspraxis auch wieder zu kleineren, historisch ausgestatteten Besetzungen zurückkehrte. John Eliot Gardiner, der die Händel-Festspiele Göttingen in den 1980er Jahren prägte, gehört zusammen mit Christopher Hogwood, Nikolaus Harnoncourt und Laurence Cummings (ab 1999 in Göttingen) zu den entscheidenden Gestaltern unseres heutige Bild des Werkes.

Ana Maria Labin (rechts) und Lena Sutor-Wernich

(c) IHFG/Alciro Theodoro da Silva

Das Orchester, der Dirigent und die Solisten

Mit dem FestspielOrchester hatte George Petrou, der Künstlerische Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen, ein glückliches Händchen. Er hatte am Pult seine Interpretation des Werks recht zügig angelegt und riss dabei das Publikum mit. Fast spürte man die Ungeduld, als nach Ende des zweiten Teils mit dem Halleluja-Chor die Streicher ihre Instrumente stimmen mussten. Der Klang des Orchesters war transparent und packend. Als Chor hatte er für die Zusammenarbeit mit dem NDR dessen Vokalensemble auf der Bühne, die den im alten Englisch geschriebenen Text mit erstklassiger Textverständlichkeit sangen, was alles andere als üblich ist. Am besten konnte der Chor seine Spannweite bei den Phrasierungen des „Hallelujah"-Chors unter Beweis stellen, der – wie später die Amen-Fuge - farbenreich und überzeugend präsentiert wurde.

Auch bei der Auswahl der Solisten hatte Hände-Experte Petrou ein glückliches Händchen. Die in Rumänien geborene und in der Schweiz aufgewachsene Ana Maria Labin übernahm die Sopranpartie. Schon während ihrer Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste gewann sie den 1. Preis beim »Concours Ernst Haefliger« in Bern und debütierte am der Mailänder Scala in Mailand als Valencienne in Lehárs »Die lustige Witwe«. Sie gilt als eine der gefragtesten Mozart-Interpretinnen ihrer Generation und trat bereits in der Da-Ponte-Trilogie im Schwedischen Schlosstheater Drottningholm, der Königlichen Oper Versailles und am Liceu Barcelona auf. Als Konstanze war sie in Die Entführung aus dem Serail in Glyndebourne zu erleben. Neben Mozart pflegt sie eine intensive Verbindung zur Barockmusik, sang die Armida in Händels »Rinaldo« in Glyndebourne und diverse andere wichtige Sopranrollen in Händel-Opern und Oratorien. Ihre Einspielung von Händels Semele wurde mit dem ICMA International Classical Music Award als bestes Barock-Album ausgezeichnet. Auch in Göttingen beeindruckte sie mit feinsten stimmlichen Nuancen und kristallklarer Stimme von erstaunlicher Reife und großer Technik.

Bei Lena Sutor-Wernich tat man sich schwer, sie als Mezzosopran zu bezeichnen, so tief herab klang ihre würdevolle Stimme. Die Heidelbergerin studierte in Freiburg Opern- und Konzertgesang und besuchte Meisterkurse bei René Jacobs und Helmut Deutsch und startete ihre Bühnenkarriere als Mitglied im Staatsopernchor Stuttgart, bevor sie ab 2014 als freiberufliche Opern- und Konzertsängerin tätig war und dabei einen Schwerpunkt auf das Oratorienfach legte.

Kritiker loben ihre warme, dunkel leuchtende Stimme, die eher zum Alt neigt und ihren erhabenen dramatischen Ausdruck. Seit 2019 ist sie Ensemblemitglied des Staatstheaters Darmstadt. Als sie die „He was depised“ sang, beeindruckte sie die Zuhörer mit dem warmen, sanft abgerundeten Timbre, dem sie der langsamen Arie gab.

Gleich zu Beginn als Star entpuppte sich der Tenor Ru Charlesworth, als er im hemdsärmeligen Auftritt das Publikum mit keckem Blick auf seine Seite zog und sich mit seinem höhensicheren Einsatz den ersten Zwischenapplaus verdiente. Er studierte Musik am Londoner King's College und dann eine Gesangsausbildung an der Royal Academy of Music, wofür er mehrere Stipendien bekam. 2011 wurde er Academy Laureate des Festival d'Aix-en-Provence und gewann 2013 sowohl den Jury- als auch den Publikumspreis beim Händel Singing Competition – eine seltene Doppelauszeichnung in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Schon The Guardian lobt ihn für seine „starke Bühnenpräsenz und einen kraftvollen, geschmeidigen Tenor", den er auch in der Göttinger Stadthalle erschallen ließ. Auf Opernbühne wie Konzertpodium ist der Sänger gleichermaßen an den Häusern der Welt gefragt. Den Messiah hatte er unter anderem mit La Cetra Barockorchester aufgeführt.

In der Basspartie war der kanadische Bariton Drew Santini zu hören, der sich musikalisch Oper, Oratorium und Kammermusik widmet und mit zahlreichen Ensembles zusammenarbeitet. Er hat an der New Yorker Juilliard School absolviert und an der Manhattan School of Music. Heute lebt er im niederländischen Den Haag. Zu den Höhepunkten seiner jüngsten Spielzeiten gehören Händels Messiah mit dem Tafelmusik Baroque Orchestra, Bachs Matthäus-Passion mit dem Concertgebouw Chamber Orchestra, die Johannes-Passion mit Jerusalem Baroque sowie das Weihnachts-Oratorium mit dem Haager Philharmonieorchester. Santini arbeitet regelmäßig mit der Nederlandse Bachvereniging zusammen, wo er in über 25 Werken auf der Plattform »All of Bach« zu erleben ist, darunter besonders herausragend in der Johannes-Passion. Santini beeindruckte das Publikum mit seinem sowohl stimmlich wie körperlich kraftvollen Einsatz und wenn er mit warmem fülligem Bariton „The trumpet shall sound" anstimmt, bräuchte es keines Dirigenten, um dieser Forderung an das Orchester Gehör zu verschaffen. Das Publikum dankte Sängern, Chor, Orchester und Dirigent ihren überzeugenden Einsatz mit langanhaltendem Applaus.

© Michael Ritter

Ru Charlesworth

(c) IHFG/Alciro Theodoro da Silva

Praktische Informationen

Der Messiah (HWV ) von Georg Friedrich Händel erlebt bei den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen 2026 eine Aufführung am 23. Mai 2026 nach einer vorherigen Aufführung am 22. Mai in Lübeck. Weitere Informationen sowie Karten sind über die Website der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen erhältlich: www.haendel-festspiele.de

Besetzung:

- Ana Maria Labin (Sopran)
- Lena Sutor-Wernich (Alt)
- Ru Charlesworth (Tenor)
- Drew Santini (Bass)

Musikalische Leitung: George Petrou
NDR Vokalensemble
FestspielOrchester Göttingen

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