Barock-Kultur in der südniedersächischen Provinz
PS.Speicher Einbeck
(c) Michael Ritter
Göttingen, 26. Mai 2026
Festival-Flair auch in Südniedersachsens Kleinstädten
Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen bieten 2026 neben der Fahrten ihrer mobilen Festspielbühne, dem "Rollenden Georg" durch die Region mit "Händel goes regional" auch eine Reihe von Konzerten an besonderen Spielstätten in der Region an, um Barockmusik über die Stadtgrenzen hinaus zu tragen.
In diesem Jahr hat man erneut Hannoversch Münden ausgewählt, wo im Rittersaal des Welfenschlosses am 24. Mai 2026 das Konzert "Ein Feste Burg" mit dem Europäischen Hanse-Ensemble stattfand. Bereits ein paar Tage zuvor war die für ihr Bier bekannte Stadt Einbeck, einige Kilometer nördlich von Göttingen der Ort für eine Opernaufführung im Taschenformat gewesen, die im PS-Speicher, einem großen privaten Automuseum stattfand. Auch Duderstadt im Eichsfeld war mit seinem historischen Rathaus erneut Spielort für ein Konzert des aus den Niederlanden kommenden Ensembles Il Parrasio. Weitere Konzerte fanden in der kleinen Harzstadt Osterode, im Dorfgemeinschaftshaus von Landolfshausen und in der Kirche des für sein Grenzdurchgangslager bekannten Friedland statt.
Il Sassone
IHFG/Alciro Theodoro da Silva
Il Sassone in Einbeck
Oper im Taschenformat – davon träumten Liebhaber, lange bevor es Tonträger gab, um sich über die Saisonpause zu retten oder an trüben Winterabenden für Unterhaltung zu sorgen. Bereits im 18. Jahrhundert gaben deshalb gewiefte Verleger beliebte Opernarrangements für reduzierte Besetzungen heraus, damit auf diese Weise Alcina, Rodelinda, Orlando & Co. in häuslichen Aufführungen lebendig werden konnten – ganz ohne aufwändiges Orchester und teure Gesangssolisten. |
Auch der Rest von Einbeck sind einen Ausflug wert, denn der Ort ist eine der besterhaltenen Fachwerkstädte Deutschlands und bietet eine charmante Mischung aus Geschichte und moderner Erlebniskultur. Im PS.SPEICHER, Europas größtem Oldtimer-Museum kann man über 2.500 historische Fahrzeuge auf mehreren Etagen des ehemaligen Kornspeichers bewundern. Die Highlights sind die Motorradsammlung und die interaktiven Stationen. Das Stadtbild der historischen Altstadt prägen über 400 farbenprächtige Fachwerkhäuser. Besonders sehenswert ist die Tiedexer Straße mit einer der längsten geschlossenen Fachwerkzeilen Deutschlands. Das Alte Rathaus mit seinen markanten drei Türmen aus dem 16. Jahrhundert ist es das Wahrzeichen der Stadt. Vielleicht schauen Sie auch einmal vorbei in einer der ältesten Blaudruckereien Europas, die dieses traditionelle und von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzte Handwerk bis heute pflegt. Das Einbecker Brauhaus ist die Heimat des Bockbiers. Man kann das Brauhaus besichtigen oder die „Bierologie“ bei einer Verkostung erleben. Und auch Till Eulenspiegel, der berühmte Schelm des Mittelalters soll hier einst sein Unwesen getrieben haben, woran heute der Till-Eulenspiegel-Brunnen auf dem Marktplatz erinnert. |
Hille Perl und Veronika Skuplik und das Hanse-Ense
IHFG/Alciro Theodoro da Silva
Ein Feste Burg in Hannoversch Münden
Die Zeit des 30-jährigen Krieges in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte. Dennoch - trotz der Grauen des Krieges lockte noch immer die Kunst und schaffte es manchmal die schroffen Gegensätze zu den Grauen des Krieges mit den grassierenden Krankheiten zu überbrücken. Auch Münden musste damals unzählige Opfer überstehen. Klug war, wer schon im Vorfeld vorgesorgt hatte, wie die beiden Hansestädte Hamburg und Lübeck, die dank ihrer Neutralität und aufwändiger Verteidigungsanlagen, die sie vor Marodeuren schützten, von den Auswirkungen des Krieges verschont blieben. Dort blühte auch in den Jahren des Kriegs ein reiches musikalisches Leben. |
Das Welfenschloss Hannoversch Münden gilt als herausragendes Beispiel der Weserrenaissance. Ursprünglich als mittelalterliche Burg erbaut, wurde es nach einem Brand im 16. Jh. als prunkvolles Residenzschloss neu errichtet. Der Rittersaal als Ort des Konzerts beeindruckt durch seine prachtvolle Kassettendecke und dient heute für Kulturveranstaltungen. Eine Etage tiefer liegt das Städtisches Museum, das mit Exponaten zur Schifffahrt, zum Handwerk und zu den berühmten Mündener Fayencen aufwarten kann. |
Tempera Mente
(c) Michael Ritter
Seeds of Sorrow - Von Überwindung und Hoffnung
Auch die Vokalkompositionen von Andreas Hammerschmidt, David Pohle und Johann Vierdanck erscheinen im vom 30-jährigen Krieg gezeichneten Europa wie ein Quell der Hoffnung. Als der Krieg wütete, hinterließ er einen Kontinent, der von Leid und Zerstörung gezeichnet war. Tod und Verwüstung hinterließen tiefe Spuren in der Seele der Gesellschaft, deren Nachhall in ihrer Kunst widerhallte. Die Musik dieser Epoche erzählt von tiefer Qual, Angst, einer quälenden Entfernung von Gott und dem quälenden Gefühl der Verlassenheit. Und auch wenn die Religion in unserem modernen Leben vielleicht weniger Einfluss hat, bleiben die Emotionen zeitlos: Angst, Einsamkeit, das schmerzliche Bewusstsein unserer eigenen Gebrechlichkeit und die Sehnsucht nach Erlösung, nach etwas, das größer ist als wir selbst. |
Das sechsköpfige niederländische Vokalensemble Tempera Mente hat sich diese selten gespielten frühbarocken geistlichen Werke künstlerisch erschlossen und sich auf die Spuren jenes musikalischen Hoffnungskeims begeben, der über Komponistengenerationen hinweg Früchte getragen hat, etwa über Friedrich Wilhelm Zachow bis hin zu dessen Schüler Georg Friedrich Händel. |
Geschichte vom Soldaten
IHFG/Alciro Theodoro da Silva
Die Geschichte vom Soldaten
Auch die Koproduktion der Händel-Festspiele mit dem Deutschan Theater am 17. und 20. Mai 2026 bringt uns wieder in die tristesten Jahre der europäischen Geschichte zurück. Zwar erinnert das von Igor Strawinsky für eine Wanderbühne geschriebene Musiktheaterstück "Die Geschichte vom Soldaten", das kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges Premiere hatte, an diesen ebenfalls mit seinen Giftgas-, Granaten- und Kanonenopfern Europa verheerenden Krieg, doch ist die in der Art eines Märchens erzählte Geschichte archetypisch für die Entwurzelung ganzer Kriegsgenerationen über die Jahrhunderte hinweg. Durch einen verlockenden wie gefährlichen Handel mit dem Teufel gelangt ein einfacher Soldat zu Geld und Status – doch zu welchem Preis?
Erich Sidlers beide Mal ausverkaufte Inszenierung von Strawinskys musiktheatralisch bahnbrechendem Werk, das von Schauspielern des Deutschen Theatern und Musikern des Göttinger Sinfonieorchesters sehr einfühlsam und mitreißend auf die Bühne gebracht wurde, hat man dabei passend kombiniert mit einer der eindrücklichsten Kantaten des 17. Jahrhunderts. "Wie liegt die Stadt so wüste" schrieb 1663 der Hamburger Organist Matthias Weckmann unter dem Eindruck einer verheerenden Pest-Epidemie im Land, kurz nach dem Ende des 30-jährigen Krieg zeichnet ein plastisches Bild der menschlichen Verzweiflung angesichts sinnloser Zerstörung des Kriegs, der als Religionskrieg begann und als Territorialkrieg mit dem Westfälischen Frieden endete. Die sowohl auf Barockmusik wie Zeitgenössische Musik spezialisierte aus der Slowakei stammende Sopranistin Ingrida Gápová, die heute Ensemblemitglied der Opéra de Monte-Carlo in Monaco ist und der polnische Bassist Przemysław Józef Bałkain, eine der prägenden Personen der Krakauer Alte-Musik-Szene, brachten Weckmanns bedrückende Kantate eindrucksvoll zu Gehör. Folkert Uhde hat dabei diese malende und sprechende Musik weitergedacht und Weckmanns Werk mit bildstarken Projektionen bereichert.
Dorothee Oberlinger und Bruno de Sá
(c) IHFG/Alciro Theodoro da Silva
Baroque Influencer
Ebenfalls in Göttingen widmete man sich am 22. Mai 2026 Händel und der römischen Accademia dell'Arcadia. Auf die Bühne kam dabei ein gut miteinander harmonierendes Duo: Der brasilianische Sopranist Bruno de Sá und die die Flötistin Dorothee Oberlinger, die zusammen mit dem Ensemble 1700 musizierten.
Sie sind eine absolute Seltenheit: Männliche Sopranisten, die mit ihrer natürlichen Sopranstimme faszinieren und im Unterschied zu Countertenören in der Lage sind, sowohl mit der Brust- als auch der Kopfstimme zu singen - ohne ins Falsett auszuweichen. Bruno de Sá ist eine solche Ausnahmeerscheinung und präsentierte mit seiner atemberaubend hohen Stimme einem bunten Strauß an Arien aus barocken Opern, die im Umfeld der Accademia dell’Arcadia entstanden. Neben Komponisten wie Alessandro Scarlatti, Giovanni Battista Bononcini und Arcangelo Corelli ist auch der in Italien hochgeschätzte Händel Teil dieses geheimen römischen Künstlerbundes aus barocken Influencern. Ein Repertoire, das wie gemacht ist für die als „Königin der Blockflöte“ bekannte Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble 1700. Wie sich de Sá und Oberlinger stimmlich in die Höhe schraubten und dabei musikalisch kokettierten war herzergreifend und brachte beiden Künstlern langanhaltenden Applaus.
© Michael Ritter
Shunske Sato und Shuann Chai
IHFG/Alciro Theodoro da Silva
Berlin 1865
Schon ein paar Tage früher stand ebenfalls in Göttingen am 17. Mai 2026 eine fasziniernde Reise von Shunske Sato an der Violine und seiner Frau Shuann Chai auf den Spuren von Joseph Joachim auf dem Programm der Festspiele für die Alte Aula, die uns ins Jahr 1865 zurückversetzte. Wolfgang Sandberger, als langjähriger Leiter des Brahms-Instituts der Musikhchschule Lübeck, führte die Zuhörer mit viel historischer Kenntnis zurück in das Berlin dieses Jahres, als Joseph Joachim, übrigens ein guter Freund von Johannes Brahms. dort zusammen mit der legenären Pianistin Clara Schumann eine Soiree in der Berliner Singakademie gab, die einer der Höhepunkte ihrer langen Zusammenarbeit mit mehr als 200 gemeinsamen Konzerte war. Immerhin stand mit der Suite Nr. 7 g-Moll (HWV 432) auch ein Werk Händels auf dem Programmzettel, ansonsten hatte sich das Duo mehr der Zeitgenossen angenommen und Beethoven, Spohr und Claras verstorbenen Ehemann Robert ins Programm geschrieben. Mit Giuseppe Tartinis trickreicher Teufelstriller-Sonate konnte Joachim mit einem anderen Zeitgenossen Händels seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen. |
Wird bei heutigen Aufführungen in der Regel versucht, dem Klang der Entstehungszeit nahezukommen, haben Shunske Sato und Shuann Chai geforscht, wie Barockmusik zur Zeit der Hochromantik klang und treten anhand des authentischen Konzertprogramms von 1865 in die Fußstapfen von Joseph Joachim und Clara Schumann. Joachim, der selbst eine Zeit lang in Göttingen lebte, gehört zu den herausragenden Violinvirtuosen jener Zeit. Mit Clara Schumann verband ihn zeitlebens wie mit Johannes Brahms eine tiefe Freundschaft. |
(c) Connaisseur & Gourmet 2026


