Ratschläge für Musik & Oper

Deidamia - Händels letzte Oper in Göttingen

Sophie Junker Deidamia /Sarah Gilford Narea

(c) Alciro Theodoro da Silva

Göttingen, 20. Mai 2026

Ein Stoff so alt wie die Antike

Bei einigen Opernfans, die ihre Freizeit nutzen und Opernfestivals oder nahegelegene Opernhäuser besuchen, macht sich durch das breite Angebot an Aufführungen in Europa eine gewisse Langeweile breit, denn wer mehrere Jahre hintereinander seinen Interessen frönt, erlebt des Öfteren Wiederholungen. Gut, nicht unbedingt dieselbe Inszenierung, aber oftmals dieselbe gängige Oper, die vielerorts auf dem Spielplan steht. Dem möchten die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen entgehen, die sich als diesjährige Festspieloper eine Rarität ausgesucht und als Koproduktion mit der Wexford Festival Opera in Irland auf die Bühnen der grünen Insel und des Deutschen Theaters gebracht haben: Deidamia (HWV 42). In Göttingen war die Oper zuletzt vor 23 Jahren auf dem Spielplan. Zum zweiten Mal nach einer konzertanten Aufführung 1985.

Wenn ein Künstler wie Georg Friedrich Händel am Ende seines Schaffens noch einmal zu einer Form zurückkehrt, die er Jahrzehnte lang geprägt hat, dann liegt über diesem Abschied ein besonderer Schimmer. Der damals 55-jährige Komponist hatte in seinem Londoner Opernleben bereits zahlreiche Höhen und Tiefen hinter sich, als er im Herbst 1740 die Feder zur Hand nahm und in kaum mehr als drei Wochen eine Oper vollendete, die er selbst als besondere Herzensangelegenheit betrachtete.

Bruno de Sá und Sophie Junkers

(c) Alciro Theodoro da Silva

Es sollte sein letztes Werk in der Form der italienischen Oper bleiben – ein Abschied, der vielleicht gar nicht als solcher geplant war. Rund 285 Jahre nach ihrer Uraufführung bringt nun das älteste und bekannteste Händel-Festival der Welt diese selten gespielte Oper auf die Bühne und präsentiert Deidamia im Mai 2026 als Festspieloper – in Koproduktion mit der renommierten Wexford Festival Opera aus dem irischen Wexford, die sich auf selten gespielte Opern fokussiert hat und das Werk bereits im vergangenen Oktober zur Aufführung gebracht hatte. Was im Herbst 2025 an der irischen Küste seinen Anfang nahm, kam nun mit viel Beifall in der niedersächsischen Universitätsstadt auf die Bühne und fügt sich perfekt in das Festspiel-Motto 2026 ein: Verlockung.

Sarah Gilford mit Statisten

(c) Alciro Theodoro da Silva

Deidamia und Achilles - Mythologie Griechenlands

Die Geschichte, die Händel in Deidamia erzählt, entstammt jenem unerschöpflichen Reservoir der griechischen Mythologie, aus dem die Opernkomponisten des 17. und 18. Jahrhunderts immer wieder gerne schöpften. Im Mittelpunkt steht der vielleicht bekannteste Heros der Antike: Achilles, Sohn der Meeresnymphe Thetis und des Peleus, Inbegriff kriegerischer Tapferkeit und männlicher Schönheit – aber auch Sinnbild für das unausweichliche Schicksal. Die Mutter hatte gewusst, was die Prophezeiungen besagten: Ihr Sohn würde im Krieg um Troja unvergänglichen Ruhm erringen, doch er würde dabei sein Leben lassen. Thetis tat, was jede Mutter tun würde: Sie versuchte, das Verhängnis abzuwenden.

Die List, auf die Thetis verfiel, war ebenso kühn wie unerwartet. Sie verkleidete den jungen Achilles als Mädchen und schickte ihn an den Hof des Königs Lykomedes auf der griechischen Insel Skyros. Dort sollte er unerkannt unter den Töchtern des Königs aufwachsen, dem Krieg entrückt und seinem Schicksal – so die Hoffnung der Mutter - entzogen. Was sie dabei nicht einkalkulierte – oder vielleicht doch, denn Mütter wissen mehr als man denkt – war die Natur des menschlichen Herzens: Achilles, in Frauenkleidern unter dem Namen Pyrrha lebend, verliebte sich in Deidamia, die älteste Tochter des Königs.

Die Geschichte hatte im barocken Musiktheater eine Vorgeschichte, bevor Händel sie aufgriff. Bereits 1641 brachte Francesco Sacrati die venezianische Oper La finta pazza nach dem Libretto von Giulio Strozzi auf die Bühne. Später folgten L'Achille in Sciro von Giovanni Legrenzi. Auch Domenico Scarlatti vertonte 1712 das Stück Tetide in Sciro von Carlo Sigismondo Capeces.

Händels italienischer Librettist Paolo Antonio Rolli kannte diese Vorläufer offenbar, nutzte sie jedoch nicht als direkte Vorlage, sondern schuf mit Händel eine eigenständige Fassung, die der unlängst verstorbene Händel-Forscher Terence Best als Rollis „bestes Werk" bezeichnete: Die Handlung habe ein angemessenes Tempo und sei logisch, die Sprache sei direkt, frei von Affektiertheit, die Charakterisierung der beiden Hauptpersonen klar und konsequent.

Der erste Akt: Idylle und Ahnung

Die Handlung von Deidamia setzt ein in einer scheinbar noch friedlichen Welt. Achilles führt auf der Sporaden-Insel Skyros als Mädchen „Pirrha" ein Leben fernab vom Kriegsgeschehen. Deidamia, die ihn längst als Mann erkannt hat, liebt ihn. Ihre Zofe Nerea ahnt es, schwankt aber zwischen Neugier und Diskretion. König Lykomedes gibt sich ahnungslos oder tut zumindest so, denn es ist eine fragile Idylle, eine Blase aus Verkleidung, Geheimnis und aufkeimender Liebe.

Doch die Außenwelt lässt sich schon im alten Griechenland nicht auf Dauer fernhalten. Die Könige Griechenlands rüsten zum Krieg gegen Troja. Ein Orakelspruch vom Seher Kalchas hat ihnen unmissverständlich mitgeteilt, dass sie nur mit Achilles siegen können. Also machen sich drei Gesandte auf die Reise nach Skyros: Der listenreiche Odysseus, König von Ithaka, reist inkognito unter dem Namen Antilochus. Begleitet wird er von Phönix, dem König von Argos und dem weisen Nestor. Lykomedes empfängt die fremden Gäste freundlich, beschwört, nichts von Achilles zu wissen – und gestattet ihnen aber auf der Insel nach ihm zu suchen.

Die Spannung zwischen Gastfreundschaft und Verrat, zwischen Pflicht und Gefühl, zwischen dem öffentlichen Versprechen und der privaten Lüge ist damit etabliert. Deidamia, die ahnt, was die Ankunft der Griechen bedeutet, ist in höchster Aufregung. Achilles selbst hat ihr gestanden, dass er ungern weiter in Frauenkleidern leben möchte, da der Kampftrieb in ihm liegt wie ein schlafendes Tier, das er nicht ewig ruhighalten kann. Zwar gelingt er Deidamia anfangs Odysseus Fragen geschickt zu umschiffen und ihn abzulenken, doch wie lange klappt das noch?

Musikalisch beginnt die Oper mit der Ouvertüre in d-Moll, deren Eröffnungstöne eine ernste Stimmung erzeugen. Die Melodie weist musikalisch darauf hin, dass hinter der pastoralen Oberfläche des Stücks dunkle Strömungen fließen. Händel hat beim Allegro der Ouvertüre auf eine Ouvertüre seines einstigen Hamburger Chefs Reinhard Keiser zurückgegriffen, ein Verfahren, dass vor dem Aufkommen des Urheberrechts durchaus üblich war, und so erlebt die Ouvertüre zu Der verführte Claudius in Händels Oper eine recht umfangreiche Übernahme.

Der zweite Akt: Eifersucht, Jagd und Entlarvung

Im zweiten beschließt Odysseus, der clevere Stratege, der nicht mit offenen Karten spielt, eine psychologische Falle zu stellen: Er gibt vor, sich in Deidamia zu verlieben. Achilles, der das heimlich beobachtet, ist außer sich vor Eifersucht – die der Musikforscher Anthony Hicks als „mehr kindliche Gereiztheit denn echten Schmerz" beschreibt. Der spätere Held ist in der Oper noch der junge Mann, den man leicht reizen kann, der trotzig reagiert und in seiner Eitelkeit verletzbar ist Schmollend stellt er Deidamia nach dem Abgang des Odysseus zur Rede.

Lykomedes veranstaltet auf Wunsch seiner Gäste eine Jagd – ein gesellschaftliches Ereignis, das in der höfischen Welt des 18. Jahrhunderts als Metapher für männliche Tugend und Tapferkeit galt. Deidamia fürchtet, dass Achilles sich dabei verraten könnte und so kommt es auch: Odysseus beobachtet, wie das „Mädchen" Pirrha einen großen Hirsch erlegt. Sehr ungewöhnlich für ein gewöhnliches junges Mädchen. Odysseus informiert Phönix über diese Entdeckung, der sich inzwischen in Deidamias Zofe Nerea verliebt hat. Beide machen Pirrha Liebeserklärungen, was zu einem burlesken Intermezzo mit komödiantischen Qualitäten führt. Auch diesmal kann Deidamia die Situation noch einmal retten, doch die Griechen sind sich sicher, dass Pirrha kein Mädchen ist. Es fehlt nur noch der endgültige Beweis.

In diesem Akt verwebt Händel gekonnt Komik und Ernst ineinander. Heute würde man die Oper als tragikomisch bezeichnen. Händel hatte diese Form schon bei den beiden Vorgängern Serse und Imeneo verwendet. Deidamia hält Händel konsequent in Dur-Tonarten und verweist damit auf den galanten, vorklassischen Stil der italienischen Oper seiner Zeitgenossen.

Der dritte Akt: Die Falle schnappt zu

Im dritten Akt kommt die Auflösung – aber nicht ohne vorangehenden Schmerz. Nerea wirft Phönix Flatterhaftigkeit vor, da dieser auch mit Pirrha geflirtet hat. Das Liebespaar streitet, versöhnt sich, und am Ende gestehen sich beide ihre Liebe. Eine hübsche Nebenhandlung, die dem Stück Leichtigkeit gibt und Händels Ensembles Gelegenheit bietet, die komische Seite des Librettos auszukosten.

Der Höhepunkt des dritten Aktes ist die berühmte Waffenszene, für die Odysseus im Palast Gastgeschenke zur Wahl auslegt: Tücher, Bänder, Kleider, Schmuck – für die Frauen und Mädchen und - scheinbar zufällig platziert - Waffen und Jagdgeräte. Als er beobachtet, wie die Mädchen des Hofes die Gaben begutachten, zögert Pirrha keine Sekunde, greift zu Helm und Schwert mit einer Begeisterung, die die Wahrheit offenbart. Die Maske ist gefallen.

Was folgt, sind die bewegendsten Momente der Oper: Deidamia ist verzweifelt. Sie weiß, was das Orakel verkündet hat – dass Achilles vor Troja fallen wird. In ihrer Arie entlädt sich ein echter tragischer Schmerz, der weit über das konventionelle Liebesleid der Opera seria hinausgeht. Deidamia versteht, dass sie nichts tun kann, um das Schicksal zu ändern; und gerade diese Einsicht verleiht ihr eine stille Größe, die alle anderen Figuren der Oper überragt. Sie liebt, sie verliert – und sie akzeptiert. Das ist kein kleines Gefühl.

Dann aber wendet sich das Blatt im Sinne des obligaten lieto fine, des glücklichen Endes, das die Opera seria von ihrem Publikum verlangte: Achilles erscheint, nun endlich als Mann gekleidet, und bittet Deidamia zur Hochzeitsfeier. Odysseus gibt sich zu erkennen und tröstet die Braut mit dem Hinweis, dass auch er seine Frau zu Hause gelassen habe – ein Moment der menschlichen Gemeinschaft im Angesicht von Verlust und Pflicht. Eine Doppelhochzeit beschließt die Oper: Achilles und Deidamia, Phönix und Nerea.

Nicolo Balducci

(c) Alciro Theodoro da Silva

Eine Oper mit bittersüßem Schluss

Das Paradoxon von Deidamia liegt darin, dass das „glückliche Ende“ zugleich ein Abschied auf Dauer ist. Achilles zieht in den Krieg – und wie jeder im Publikum weiß, wird er vor Troja fallen – was dann auch in den Videosequenzen zum Ende gezeigt wird. Die Hochzeit, die die Oper feiert, ist also eigentlich kein echtes Fest, denn obwohl Deidamia bekommt, was sie will – verliert sie es sofort wieder. So zeigt die Oper trotz des lieto fine mit komödiantischen Elementen, das schon etliche der Zuschauer zu Zeiten Händels irritierte tiefe emotionale Komplexität.

Die Deidamia ist das eigentliche Gravitationszentrum des Stücks, weshalb Händel sie und nicht den Helden Achilles in den Titel gestellt hat. Deidamia ist die Agierende, die Reifere, die Leidende, die Erkennende. Achilles hingegen, so pointiert es der Textdichter Rolli, sei ein „unbekümmerter Jüngling ohne tiefere Gefühle". Er reagiert belustigt, wenn Odysseus ihm den Hof macht, zu unreif, um Deidamias Zorn zu verstehen, kindisch erfreut, wenn er Helm und Schwert in die Hände bekommt. Kein psychologisch komplexer Charakter, sondern ein potentielles Kraftfeld, um das sich die anderen Figuren bewegen.

Gruppenbild

(c) Alciro Theodoro da Silva

Ein letztes Aufbäumen

Es war eine schnelle Komposition, die Händel Ende Oktober 1740 begann und schon am 20. November desselben Jahres abschloss. Zwar war Händel für zügiges Arbeiten bekannt, aber dennoch ist diese Schnelligkeit bemerkenswert, zudem ersieht man dem Autograph eine einwöchige Pause nach Vollendung des zweiten Aktes, die wohl mit den Proben zur Uraufführung von Imeneo am 22. November 1740 zusammenhing.

Für das Libretto entschied sich Händel für Paolo Antonio Rolli, mit dem er schon in den 1720er Jahren zusammengearbeitet hatte, ohne sich wirklich gut mit ihm zu verstehen. Diese Beziehung verbesserte sich später gar nicht, da Rolli in den 1730er Jahren für die später wieder aufgelösten Opera of the Nobility arbeitete, mit der der damalige Prince of Wales mit anderen Angehörigen des Hochadels, dem von seinem Vater König Georg II. geförderten Händel und seinem Theater nicht immer mit sehr ehrenwerten Aktionen Konkurrenz machte. Dort hatte man auch dem berühmten Kastraten Farinelli eine Bühne geboten. Insofern ist die Zusammenarbeit für Deidamia recht erstaunlich.

Schon rund sieben Wochen nach Fertigstellung fand Deidamia ihre Uraufführung im Theatre Royal in Lincoln's Inn Fields in London.

Ein Renner wurde sie nicht und man berichtet von nur zwei Wiederholungen im Laufe der nächsten Wochen, wobei die letzte Aufführung schon ins New Theatre am Haymarket umziehen musste, in dem viele von Händels früheren Londoner Opern herausgekommen waren. Es war ein deutliches Zeugnis über das geschwundene englische Interesse an der italienischen Oper. Sie wurde durch das englischsprachige Oratorium verdrängt. Händel hatte diese Entwicklung antizipiert und war schon im Frühjahr 1738 auf Oratorien wie Saul, Israel in Egypt, die Ode for St. Cecilia's Day und L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato umgestiegen. Deidamia kann deshalb als bewusster oder unbewusster Abschied von einer Gattung verstanden werden, der Händel seinen Ruhm verdankte.

Danach war bis ins 20. Jahrhundert Schluss. Erst 1953 erlebte Deidamia in Händel Geburtsstadt Halle an der Saale eine Wiederaufnahme, in der deutschen Übersetzung von Rudolf Steglich. Seitdem ist sie eine Rarität geblieben – kostbar, selten, und für Kenner ein Schatz.

Bruno de Sa und Rory Musgrave

(c) Alciro Theodoro da Silva

Göttingen 2026: Die Koproduktion aus Wexford

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen, die seit 1920 Händels Werk in der Tradition der Wiederentdeckung pflegen und zu den ältesten Barock-Festivals der Welt gehören, stehen 2026 unter dem Motto Verlockung. Welches Stück könnte dieses Motto besser verkörpern als Deidamia? Eine Oper über die Verlockung des Ruhms, die Verlockung der Liebe, die Verlockung der Verkleidung und die Unausweichlichkeit des Schicksals.

Die Festspieloper ist eine Koproduktion mit der Wexford Festival Opera. Das irische Wexford, eine charmante kleine Hafenstadt im Südosten Irlands, ist seit 1951 Heimat eines der weltweit renommiertesten Opernfestivals für Raritäten. Man genießt dort Weltruf für die Wiederbelebung vergessener Opern. In der Regel sind dabei drei selten gespielte Hauptopern auf dem Programm und vier sogenannte "Pocket Operas". das sind kurze Opern bis 90 Minuten Länge. Deidamia war eine der drei Hauptopern. Schon in Wexford lag sowohl Regie wie musikalische Leitung in der Hand von George Petrou, dem Künstlerischen Leiter der Händel-Festspiele Göttingen und außer dem FestspielOrchester und der Statisterie . Der für den Grammy nominierte und mit dem Echo Klassik ausgezeichnete Künstler ist einer der führenden Spezialisten auf dem Gebiet der Händel-Interpretation und gab der Produktion eine klare künstlerische Handschrift.

Für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortet Giorgina Germanou, die gekonnte Lichtgestaltung obliegt Ernst Schießl. Für die Die Besetzung konnte man einige der herausragendsten Stimmen im Barock-Bereich auf der Bühne versammeln: die vielfach gefeierte Händel-Spezialistin Sophie Junker übernahm die Titelpartie der Deidamia mit beeindruckendem Einsatz und wundervollen Koloraturen. Ihr makelloser lieblicher Sopran beeindruckt Publikum und anwesende Presse. Die Spannweite ihres Gesangs zwischen einfühlsamer Liebe und wütendem Angriff auf den listigen Ulisse war brillant und lohnte schon wegen ihrer Darbietung den Opernbesuch. Doch sie war keineswegs der einzige Stern der Aufführung. Der aufstrebende Countertenor Nicolò Balducci gilt inzwischen als Shooting Star seines Fachs. Der Mitzwanziger überzeugte mit bemerkenswert sanfter Stimme und großer stimmlicher Beweglichkeit in der anspruchsvoll virtuosen Partie des Ulisse.

Der zehn Jahre ältere Bruno de Sá, der die Partie des Achille singt, ist als faszinierender stimmlicher und darstellerischer Trumpf hervorzuheben.

Er zählt zu den wenigen Sopranisten und lehnt die Bezeichnung Countertenor ab, da sich seine Stimme in der Pubertät nicht verändert hat und überzeugt stimmlich und darstellerisch, wenn er Deidamia und ihre Gefährtinnen als Spielgefährt(in) dient. Mit bemerkenswerter Technik schafft er es sich mit Leichtigkeit in hohe Lagen emporzuschrauben, die selbst vielen Sopranistinnen Probleme bereiten. Dabei ist sein Timbre wohl tempriert und voll, was ihn von vielen anderer Sopranisten unterscheidet. Manchmal würde man sich allerdings wünschen, dass er mit seiner wunderschönen und ausdrucksstarken Stimme auf darstellerische Pointierungen verzichtet.

Für die Rolle der Zofe Nerea konnte man die Engländerin Sarah Gilford gewinnen. Diese eigentlich unwichtige Rolle hielt für die Sängerin einige schöne und kraftvolle Arien parat, denen sie mit einem Gespür für den richtigen emotionalen Einsatz von komischen Elementen und ihrer ausdrucksstarken Stimme erstklassig Charakter verlieh. Den Fenice singt Rory Musgrave, Petros Magoulas den König Licomede. Das gerade 20 Jahre alt gewordene FestspielOrchester Göttingen unter George Petrou eindrucksvoll klar Händels Musik wiedergebend und der Kammerchor der Universität Göttingen komplettieren die sehenswerte Produktion. Bei der Inszenierung hat George Petrou die Zeit Achills mit dem 21. Jahrhundert verbunden, indem er in die historische Handlung immer noch Szenen aus dem Urlaubs-Insel-Leben der Touristen auf die Bühne brachte. Diese interagierten zwar hin und wieder indirekt, waren ansonsten aber voneinander getrennt, sorgten aber immer wieder mit ironischen Momenten für ein Schmunzeln und eine Aufmunterung des Publikums. Alles in allem wurde so aus der selten gespielten letzten Oper Händels eine gelungne Aufführung, die durch exzellente Kombination aus erstklassigen Sängern und gekonnter Inszenierung den Zuschauern in Erinnerung bleiben wird. Nach der so gut wir ausgebuchten Premiere am Freitag, dem 15. Mai 2026 waren auch zwei der weiteren Aufführungen bis auf den letzten Platz verkauft. Mit seinen 96 Veranstaltungen ist das Festival 2026 eines der dichtesten in seiner langen Geschichte und kann sich mit ausgezeichneten Buchungszahlen auch über eine gute Zustimmung des aus aller Welt angereisten Publikums freuen.

Musik der inneren Zustände

Doch was unterscheidet Deidamia von Händels früheren Opern? Es ist der musikalische Fokus, denn Rollis Libretto mit komödiantischen und ironischen Elementen hat wenig mit der „erhabenen Manier" gemein, die im 18. Jahrhundert die Opera seria auszeichnete. Das merkt man auch bei der Musik, die gerne auf große vokale Gesten verzichtet und stattdessen auf Nuancen setzt, auf psychologische Zwischentöne, leise Ironie. Händel kommt in dieser Oper ohne Chor aus und verzichtet auf Accompagnato-Rezitative und lässt vom Continuo begleiten. So hat Deidamia eine gewisse kammermusikalische Intimität mit ihren sechs Figuren, sechs Stimmen und sechs individuellen Welten, die in der Oper als psychologische Porträts präsentiert werden.

Wundervoll präsentiert wird dabei die Titelrolle der Deidamia mit ihrem breiten emotionalen Spektrum. Da flirtet eingangs die Liebesarie bis dann zum Schluss ein erschütternder Klagegesang ertönt. Es ist reife stille Akzeptanz des Unabänderlichen, die musikalisch wie emotional nachvollziehen kann. Das Programmheft spricht von einem „Geflecht aus Zweifel, Sehnsucht und Unruhe".

Auch Händels Instrumentalpartien sind eindrucksvoll. Der Marsch zu Beginn des ersten Aktes ist mit seiner Mischung aus Feierlichkeit und Melancholie überzeugend. Insofern ist es auch ein Werk für unsere Zeit, denn Deidamia ist nicht allein ein historisches Kuriosum.

Die letzte Oper des großen Meisters, zu spät, zu wenig erfolgreich, zu schnell vergessen. Ein Werk, dass mehr verdient, denn es spricht Themen an, die nach wie vor wichtig sind: die Verkleidung als Überlebensstrategie, die Spannung zwischen gesellschaftlicher Erwartung und individuellem Begehren, den Mut, eine Identität aufrechtzuerhalten, die die Welt nicht sehen soll – und den Schmerz, wenn diese Identität am Ende doch enthüllt wird. Denn Achilles im Frauenkleid ist keine Figur der Schwäche, sondern der Komplexität. Er ist ein Mensch, der zwischen zwei Welten lebt und weder der einen noch der anderen vollständig gehört. Deidamia, die ihn liebt und gleichzeitig weiß, dass sie ihn verlieren wird, ist die mutigere Figur: Sie akzeptiert das Tragische und handelt dennoch. Das ist keine kleinstädtische Operngeschichte, das ist das Menschenleben selbst.

Praktische Informationen

Die Festspieloper Deidamia (HWV 42) von Georg Friedrich Händel erlebt bei den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen 2026 ihre Premiere am 15. Mai 2026 und weitere Aufführungen im Verlauf des Festivals bis 25. Mai 2026. Weitere Informationen sowie Karten sind über die Website der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen erhältlich: www.haendel-festspiele.de

Besetzung:

- Sophie Junker (Sopran) – Deidamia
- Bruno de Sá (Sopran) – Achille
- Nicolò Balducci (Countertenor) – Ulisse
- Sarah Gilford (Sopran) – Nerea
- Rory Musgrave (Bariton) – Fenice
- Petros Magoulas (Bass) – Licomede

Musikalische Leitung und Regie: George Petrou
Bühnenbild und Kostüme: Giorgina Germanou
Licht: Ernst Schießl
Kammerchor der Universität Göttingen (Einstudierung: Antonius Adamske)
FestspielOrchester Göttingen

Koproduktion mit der Wexford Festival Opera, Irland (Weltpremiere der Neuproduktion: Oktober 2025)

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