Deidamia - Händels letzte Oper in Göttingen
Sophie Junker Deidamia /Sarah Gilford Narea
(c) Alciro Theodoro da Silva
Göttingen, 20. Mai 2026
Ein Stoff so alt wie die Antike
Bei einigen Opernfans, die ihre Freizeit nutzen und Opernfestivals oder nahegelegene Opernhäuser besuchen, macht sich durch das breite Angebot an Aufführungen in Europa eine gewisse Langeweile breit, denn wer mehrere Jahre hintereinander seinen Interessen frönt, erlebt des Öfteren Wiederholungen. Gut, nicht unbedingt dieselbe Inszenierung, aber oftmals dieselbe gängige Oper, die vielerorts auf dem Spielplan steht. Dem möchten die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen entgehen, die sich als diesjährige Festspieloper eine Rarität ausgesucht und als Koproduktion mit der Wexford Festival Opera in Irland auf die Bühnen der grünen Insel und des Deutschen Theaters gebracht haben: Deidamia (HWV 42). In Göttingen war die Oper zuletzt vor 23 Jahren auf dem Spielplan. Zum zweiten Mal nach einer konzertanten Aufführung 1985.
Wenn ein Künstler wie Georg Friedrich Händel am Ende seines Schaffens noch einmal zu einer Form zurückkehrt, die er Jahrzehnte lang geprägt hat, dann liegt über diesem Abschied ein besonderer Schimmer. Der damals 55-jährige Komponist hatte in seinem Londoner Opernleben bereits zahlreiche Höhen und Tiefen hinter sich, als er im Herbst 1740 die Feder zur Hand nahm und in kaum mehr als drei Wochen eine Oper vollendete, die er selbst als besondere Herzensangelegenheit betrachtete.
Bruno de Sá und Sophie Junkers
(c) Alciro Theodoro da Silva
Es sollte sein letztes Werk in der Form der italienischen Oper bleiben – ein Abschied, der vielleicht gar nicht als solcher geplant war. Rund 285 Jahre nach ihrer Uraufführung bringt nun das älteste und bekannteste Händel-Festival der Welt diese selten gespielte Oper auf die Bühne und präsentiert Deidamia im Mai 2026 als Festspieloper – in Koproduktion mit der renommierten Wexford Festival Opera aus dem irischen Wexford, die sich auf selten gespielte Opern fokussiert hat und das Werk bereits im vergangenen Oktober zur Aufführung gebracht hatte. Was im Herbst 2025 an der irischen Küste seinen Anfang nahm, kam nun mit viel Beifall in der niedersächsischen Universitätsstadt auf die Bühne und fügt sich perfekt in das Festspiel-Motto 2026 ein: Verlockung.
Sarah Gilford mit Statisten
(c) Alciro Theodoro da Silva
Deidamia und Achilles - Mythologie Griechenlands
Die Geschichte, die Händel in Deidamia erzählt, entstammt jenem unerschöpflichen Reservoir der griechischen Mythologie, aus dem die Opernkomponisten des 17. und 18. Jahrhunderts immer wieder gerne schöpften. Im Mittelpunkt steht der vielleicht bekannteste Heros der Antike: Achilles, Sohn der Meeresnymphe Thetis und des Peleus, Inbegriff kriegerischer Tapferkeit und männlicher Schönheit – aber auch Sinnbild für das unausweichliche Schicksal. Die Mutter hatte gewusst, was die Prophezeiungen besagten: Ihr Sohn würde im Krieg um Troja unvergänglichen Ruhm erringen, doch er würde dabei sein Leben lassen. Thetis tat, was jede Mutter tun würde: Sie versuchte, das Verhängnis abzuwenden. |
Der zweite Akt: Eifersucht, Jagd und Entlarvung |
Nicolo Balducci
(c) Alciro Theodoro da Silva
Eine Oper mit bittersüßem Schluss
Das Paradoxon von Deidamia liegt darin, dass das „glückliche Ende“ zugleich ein Abschied auf Dauer ist. Achilles zieht in den Krieg – und wie jeder im Publikum weiß, wird er vor Troja fallen – was dann auch in den Videosequenzen zum Ende gezeigt wird. Die Hochzeit, die die Oper feiert, ist also eigentlich kein echtes Fest, denn obwohl Deidamia bekommt, was sie will – verliert sie es sofort wieder. So zeigt die Oper trotz des lieto fine mit komödiantischen Elementen, das schon etliche der Zuschauer zu Zeiten Händels irritierte tiefe emotionale Komplexität.
Die Deidamia ist das eigentliche Gravitationszentrum des Stücks, weshalb Händel sie und nicht den Helden Achilles in den Titel gestellt hat. Deidamia ist die Agierende, die Reifere, die Leidende, die Erkennende. Achilles hingegen, so pointiert es der Textdichter Rolli, sei ein „unbekümmerter Jüngling ohne tiefere Gefühle". Er reagiert belustigt, wenn Odysseus ihm den Hof macht, zu unreif, um Deidamias Zorn zu verstehen, kindisch erfreut, wenn er Helm und Schwert in die Hände bekommt. Kein psychologisch komplexer Charakter, sondern ein potentielles Kraftfeld, um das sich die anderen Figuren bewegen.
Gruppenbild
(c) Alciro Theodoro da Silva
Ein letztes Aufbäumen
Es war eine schnelle Komposition, die Händel Ende Oktober 1740 begann und schon am 20. November desselben Jahres abschloss. Zwar war Händel für zügiges Arbeiten bekannt, aber dennoch ist diese Schnelligkeit bemerkenswert, zudem ersieht man dem Autograph eine einwöchige Pause nach Vollendung des zweiten Aktes, die wohl mit den Proben zur Uraufführung von Imeneo am 22. November 1740 zusammenhing. |
Ein Renner wurde sie nicht und man berichtet von nur zwei Wiederholungen im Laufe der nächsten Wochen, wobei die letzte Aufführung schon ins New Theatre am Haymarket umziehen musste, in dem viele von Händels früheren Londoner Opern herausgekommen waren. Es war ein deutliches Zeugnis über das geschwundene englische Interesse an der italienischen Oper. Sie wurde durch das englischsprachige Oratorium verdrängt. Händel hatte diese Entwicklung antizipiert und war schon im Frühjahr 1738 auf Oratorien wie Saul, Israel in Egypt, die Ode for St. Cecilia's Day und L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato umgestiegen. Deidamia kann deshalb als bewusster oder unbewusster Abschied von einer Gattung verstanden werden, der Händel seinen Ruhm verdankte. |
Bruno de Sa und Rory Musgrave
(c) Alciro Theodoro da Silva
Göttingen 2026: Die Koproduktion aus Wexford
Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen, die seit 1920 Händels Werk in der Tradition der Wiederentdeckung pflegen und zu den ältesten Barock-Festivals der Welt gehören, stehen 2026 unter dem Motto Verlockung. Welches Stück könnte dieses Motto besser verkörpern als Deidamia? Eine Oper über die Verlockung des Ruhms, die Verlockung der Liebe, die Verlockung der Verkleidung und die Unausweichlichkeit des Schicksals. |
Er zählt zu den wenigen Sopranisten und lehnt die Bezeichnung Countertenor ab, da sich seine Stimme in der Pubertät nicht verändert hat und überzeugt stimmlich und darstellerisch, wenn er Deidamia und ihre Gefährtinnen als Spielgefährt(in) dient. Mit bemerkenswerter Technik schafft er es sich mit Leichtigkeit in hohe Lagen emporzuschrauben, die selbst vielen Sopranistinnen Probleme bereiten. Dabei ist sein Timbre wohl tempriert und voll, was ihn von vielen anderer Sopranisten unterscheidet. Manchmal würde man sich allerdings wünschen, dass er mit seiner wunderschönen und ausdrucksstarken Stimme auf darstellerische Pointierungen verzichtet. |
Musik der inneren Zustände
Doch was unterscheidet Deidamia von Händels früheren Opern? Es ist der musikalische Fokus, denn Rollis Libretto mit komödiantischen und ironischen Elementen hat wenig mit der „erhabenen Manier" gemein, die im 18. Jahrhundert die Opera seria auszeichnete. Das merkt man auch bei der Musik, die gerne auf große vokale Gesten verzichtet und stattdessen auf Nuancen setzt, auf psychologische Zwischentöne, leise Ironie. Händel kommt in dieser Oper ohne Chor aus und verzichtet auf Accompagnato-Rezitative und lässt vom Continuo begleiten. So hat Deidamia eine gewisse kammermusikalische Intimität mit ihren sechs Figuren, sechs Stimmen und sechs individuellen Welten, die in der Oper als psychologische Porträts präsentiert werden. |
Die letzte Oper des großen Meisters, zu spät, zu wenig erfolgreich, zu schnell vergessen. Ein Werk, dass mehr verdient, denn es spricht Themen an, die nach wie vor wichtig sind: die Verkleidung als Überlebensstrategie, die Spannung zwischen gesellschaftlicher Erwartung und individuellem Begehren, den Mut, eine Identität aufrechtzuerhalten, die die Welt nicht sehen soll – und den Schmerz, wenn diese Identität am Ende doch enthüllt wird. Denn Achilles im Frauenkleid ist keine Figur der Schwäche, sondern der Komplexität. Er ist ein Mensch, der zwischen zwei Welten lebt und weder der einen noch der anderen vollständig gehört. Deidamia, die ihn liebt und gleichzeitig weiß, dass sie ihn verlieren wird, ist die mutigere Figur: Sie akzeptiert das Tragische und handelt dennoch. Das ist keine kleinstädtische Operngeschichte, das ist das Menschenleben selbst. |
Praktische Informationen
Die Festspieloper Deidamia (HWV 42) von Georg Friedrich Händel erlebt bei den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen 2026 ihre Premiere am 15. Mai 2026 und weitere Aufführungen im Verlauf des Festivals bis 25. Mai 2026. Weitere Informationen sowie Karten sind über die Website der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen erhältlich: www.haendel-festspiele.de
Besetzung:
- Sophie Junker (Sopran) – Deidamia
- Bruno de Sá (Sopran) – Achille
- Nicolò Balducci (Countertenor) – Ulisse
- Sarah Gilford (Sopran) – Nerea
- Rory Musgrave (Bariton) – Fenice
- Petros Magoulas (Bass) – Licomede
Musikalische Leitung und Regie: George Petrou
Bühnenbild und Kostüme: Giorgina Germanou
Licht: Ernst Schießl
Kammerchor der Universität Göttingen (Einstudierung: Antonius Adamske)
FestspielOrchester Göttingen
Koproduktion mit der Wexford Festival Opera, Irland (Weltpremiere der Neuproduktion: Oktober 2025)
(c) Connaisseur & Gourmet 2026
