Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Urlaub auf dem Weingut

Toskana – Urlaub im harmonischen Auf und Ab von Weinbergen und Olivenhainen

„Um Florenz an den Bergen ist alles mit Ölbäumen und Weinstöcken bepflanzt, dazwischen wird das Erdreich zu Körnern benutzt. … Die Stadt hatte ich eiligst durchlaufen, den Dom, das Baptisterium. Hier tut sich wieder eine ganz neue, mir unbekannte Welt auf, an der ich nicht verweilen will. Der Garten Boboli liegt köstlich. Ich eilte so schnell heraus als hinein.“ Für Goethe war die ganze Toskana gerade mal eine Seite seiner Italienischen Reise wert.

„Die Herbergen waren so schlecht, dass an keine Auslegen eines Blattes zu denken war“ , hielt er fest, nachdem er Perugia erreichte. Heute treffen Goethes Beobachtungen bei den Herbergen nicht mehr zu. Kopf, Seele und Bauch kommen so voll auf ihre Kosten, wenn es darum geht, in der Region des Chianti die Seele baumeln zu lassen.

Anreise

Wer möchte, erreicht die Toskana preiswert über Pisa. Der Flughafen liegt so nah an der Stadt, dass man den Campo dei Miracoli mit dem berühmten Schiefen Turm zu Fuß erreichen könnte. Bei Mietwagenpreisen um die 25 Euro pro Tag spart man die lange Anreise über die Alpen.

Badia di Morrona

Etwas südlich der Stadt liegen die Colline Pisane mit dem schmucken Terricciola, das sich stolz „Citta del Vino“ nennt. Die alte Stadtmauer erinnert noch ans Mittelalter, als sich papsttreue Guelfen und Ghibellinen, die Anhänger des Kaisers, unversöhnlich gegenüberstanden. Einige toskanische Adelsfamilien, wie die Pitti, haben sich einladende Landsitze im toskanischen Hügelland gebaut, um im Sommer der Schwüle der engen Städte zu entfliehen. Heute sind einige dieser Villen und der restaurierten Gutsgebäude zu schmucken Agriturismi ausgebaut. Die Genueser Grafen Gaslini Alberti sind Besitzer der über 900jährigen ehemaligen Kamaldulenserabteil Badia di Morrona, die von 90 Hektar Weinbergen und 30 Hektar Olivenhainen umgeben ist. Mitte der 90er Jahre schoss der Graf mit dem Rotwein-Cuvée N’Antia mit einer schönen Kirschnote und dem perfekt ausbalancierten Sangiovese VignAalta Badia di Morrona auf die Liste der toskanischen Qualitätsweingüter.

Die alte Genossenschaftskellerei diente 2004 als Grundstock für die moderne Kantine und auch Villa und Nebengebäude hat der Graf aufwändig restaurieren oder im traditionell toskanischen Stil errichten lassen. Sechs Ferienwohnungen mit zwei bis sechs geschmackvoll eingerichteten Zimmern, Küche und Pool stehen Gästen zu Preisen ab 200 € pro Tag zur Verfügung. Wer keine Lust hat selbst zu kochen, ist in der Enoteca in Zentrum von Terricciola mit angeschlossenem Bed & Breakfast gut aufgehoben. Susanne Fromm meistert den Service, während ihr Mann Massimo, den die gebürtige Rügenerin bei der Arbeit in der Schweiz kennenlernte, in der Küche typisch toskanische Gerichte wie Tagliatelle mit Wildschweinragout oder Bistecca alla Fiorentina zubereitet. Eine gute Gelegenheit, die Weine zu probieren, die hier bei einem Aufschlag von 35 Prozent richtig Spaß machen.

Livernano

Weiter im Kernland des Chianti Classico liegt der Weiler Livernano. Schon die Etrusker siedelten in dem fruchtbaren Gebiet und man merkt den wehrhaften Gebäuden heute noch an, dass sie an der hart umkämpften Grenzlinie zwischen den verfeindeten Stadtrepubliken Siena und Florenz lagen. Die Abschaffung der Mezzadria, der Halbpacht, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, die mehr als 1000 Jahre dafür sorgte, dass Pächter die Hälfte ihrer Erträge an den Patron abliefern mussten, sorgte für Landflucht und den Verfall von Örtchen wie Livernano. Erst als der Züricher Marco Montanari 1990 nach mehrjährigem Segeltörn auf der Suche nach Boden unter den Füssen dort vorbeikam, ging es wieder bergauf. Die Häuser wurden von dem rührigen Zahnarzt peu a peu zu einem kleinen Agriturismo der Luxusklasse mit fünf Doppelzimmern und zwei Suiten (ab 135 € pro Tag) umgewandelt.

Man spürt die Hand des Perfektionisten, der nicht auf die Lira achtete. Inzwischen wurde der Betrieb an den Nachbarn Roberto Cuillo verkauft, einen italoamerikanischen Autohändler, der so clever war, auf die bewährten Mitglieder des Teams, wie den Berater Stefano Chiccioli und den Hausönologen Alberto Fusi zu setzen, die den Wein mit streng reduzierten Ertrag anbauen und ihn 12 bis 18 Monate im kleinen Barriquefass reifen lassen. Mit Erfolg: Im angesehnen Gambero Rosso 2007 reihte sich der Livernano, ein Cuvee aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Sangiovese mit saftigen Geschmack und feinwürzigen Kräuteraromen mühelos in die Riege der mit den begehrten drei Gläsern dekorierten italienischen Top-Weine ein. Im eigenen Restaurant (Voranmeldung) können die Weine zu traditionellen toskanischen Gerichten probiert werden.

Borgo San Felice

Obwohl nur wenige Kilometer zwischen Livernano und dem Borgo San Felice liegen, kommt man auf den teils nur geschotterten Landsträßchen nur langsam voran. Das auf einem 350 m hohen Hügel gelegene Dörfchen wurde vor einigen Jahren in ein properes Relais & Châteaux umgewandelt, in dem 43 Zimmer und luxuriöse Suiten zu Preisen ab 300 € auf gut betuchte Weinfreunde warten. Einige der Zimmer bieten einen weiten Blick über die wogenden Hügel des Chianti Classico bis hin zum Monte Amiata im Süden. Ein idyllischer Pool und das mediterrane Gourmetrestaurant Poggio Rosso laden zum Ausspannen ein. Antonio Fallinis Küche ist verfeinert toskanisch und verzichtet auf die sonst übliche Wuchtigkeit. Teil des Borgos ist auch das Weingut mit seiner Enoteca. Leonardo Bellacini, der Önologe des Weinguts, das zusammen mit dem Hotel der Allianz gehört, liebt die alten Rebsorten, die einst im gemischten Satz in den Weinbergen standen und die zunehmend dem sortenrein angebauten Sangiovese weichen mussten.

Im Vitiarium, einem Experimental-Weinberg, der mit der Uni Florenz angelegt wurde, bilden über 270 meist einheimische Sorten ein Museum der Reben. Der Pugnitello, ein ertragsschwacher Rotwein, der mit seiner dicken Schale und den kleinen Beeren auch als Komplementär zum Sangiovese in Vergessenheit geriet, hatte Bellacini schon früh überzeugt und 2006 brachte er nach langjährigen Versuchen den 2003er mit kräftigen Brombeer- und Tabakaromen auf den Markt und erhielt damit beim Gambero Rosso auf Anhieb zwei von drei Gläsern. Wer den Wein nicht nur innerlich genießen möchte, findet ihn auch in den Anwendungen des komfortablen Spa wieder.

Villa Vignamaggio

Villa Vignamaggio

(c) Michael Ritter

Abseits der Via Chiantigiana zwischen Panzano und Greve liegt mit der Villa Vignamaggio eines der ältesten Weingüter der Region, das vor einiger Zeit seinen 600. Geburtstag feiern konnte. Eine imposante Renaissance-Villa ruft die Zeiten wach, als das Anwesen der Florentiner Adelsfamilie Gherardini gehörte, deren Tochter „Mona“ Lisa durch Leonardo da Vincis Bildnis weltberühmt wurde. Die Villa ist von anmutiger Schönheit und ihr italienischer Park lockte vor einigen Jahren Kenneth Branagh als Kulisse für seine Hollywood-Verfilmung von Shakespeares „Viel Lärm um nichts“.

Villa und Nebengebäude beherbergen Zimmer und Appartements im teils rustikalen, teils herrschaftlichen Stil des gut gebuchten Agriturismo (ab 150 € pro Nacht). Die ausgezeichneten Weine, wie der Vignamaggio Chianti Classico und Il Morino finden die Gäste zum Genuss in Aufenthaltsräumen und Zimmern und wer den Castello di Monna Lisa Chianti Classico Riserva, den ausgezeichneten Cabernet Franc oder Wine Obsession, den Blend aus internationalen Reben probieren möchte, dem bietet sich dazu bei den Führungen durch den Weinkeller mit Degustation eine Gelegenheit.

Castello Banfi

Der Weg zum Castello Banfi führt in den Süden der Toskana nach Montalcino. Das mittelalterliche Castello Poggio alle Mura, das von der New Yorker Mariani-Familie liebevoll ausgebaut wurde, liegt im Kernland des Brunello. Ezio Rivella, einer der Schrittmacher des italienischen Weinbaus, hatte dort von knapp 3000 ha Grund ein Drittel als Weinberge angelegt, In dem Vierteljahrhundert seit der Gründung hat sich einiges getan. Castello Banfi spielt mit in der Spitzengruppe der Brunello-Produzenten und betreibt mit der Universität Mailand intensive Forschung an den schätzungsweise 650 Sangiovese-Klonen. Schnell zeigte sich, dass ein Verschnitt von bis zu 15 ausgewählten Klonen besser Ergebnisse bringt, als ein „Superklon“. Dank der Größe des Weinbergbesitzes konnten die verschiedenen Bodentypen zur Pflanzung der optimalen Klone genutzt und damit ein sehr komplexer Brunello mit hoher Typizität und schönen Pfirsich- und Brombeerbouquet erzeugt werden.

Das mittelalterliche Castello ist ein Schmuckstück für Besucher. Das kleine Glasmuseum spiegelt die Geschichte des Glas seit den Zeiten der alten Ägypter. In der Balsameria entwickelt sich verdickter Traubenmost über Jahre in kleiner werdenden Fässern zur Salsa Balsamica Etrusca, einem Pendant des Aceto Balsamico. „Il Borgo“ enthält vierzehn Zimmer und Suiten, die von Federico Forquet im luxuriös-üppigen Stil möbliert wurden (ab 400 Euro pro Nacht). Das Ristorante Castello Banfi, ist auch nach dem Weggang des deutschen Heinz-Beck-Schülers Guido Haverkock eine erste Adresse

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