Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Mit Veit Heinichen in Triest

Triest - Mit Bestsellerautor Veit Heinichen in der

Blick über den Hafen auf Triest und den Karst

(c) Michael Ritter

Ein richtiger Flughafen hätte nicht mehr in die Stadt hineingepasst. Jeden Quadratzentimeter Land scheint sich Triest zwischen Grenze, Karst und Adria erkämpft zu haben. Einen kleinen Sportflugplatz konnten britische und amerikanische Alliierte auf der karstigen Hochebene bei Prosecco, oberhalb der Stadt, anlege, als sie bis 1954 das Freie Territorium Triest als erstes UN-Protektorat verwalteten und damit verhinderten, das sich Jugoslawien Triest einverleibte.

Dort beginnt Veit Heinichens Krimi „Im eigenen Schatten“. Im Norden und Osten umrahmt Slowenien die Stadt. Mehr Platz war 30 Kilometer westlich, in der fruchtbaren Ebene, die über Jahrmillionen vom Isonzo und seine Nachbarflüsse aus Sediment der Karnischen Alpen angeschwemmt wurde. Unweit der Weinberge des Collio. In der Nähe markierte das einst mächtige Aquileia den Endpunkt der Bernsteinstraße aus dem Baltikum.

Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt

Tram nach Opicina

(c) Veit Heinichen

Auf dem Flug von München hatte ich den neuen Krimi des deutschen Bestsellerautors, den ich in Triest treffen soll, bis zum Ende verschlungen und wurde auf der Fahrt in die Stadt mit weiteren wichtigen Schauplätzen seines Buches vertraut: dem Flughafen Ronchi dei Legionari, der Autostrada und ihren Brücken.

Wenn man den TV-Verfilmungen mit Henry Hübchen in der Rolle des Commissario Proteo Laurenti folgt, gönnt Heinichen seinem Protagonisten ein bisschen mehr Wohnkomfort als der italienische Staat - wie übrigens auch seine amerikanische Kollegin Donna Leon, die ihren Kommissar Brunetti in Venedig mit Sicht auf den Canale Grande verwöhnt. Wahrscheinlich orientieren sich Autoren und Filmemacher an den eigenen Ansprüchen. Seinen Namen gab Heinichens dem Kommissar übrigens nach dem im Karstuntergrund lebenden Grottenolm.

Vorbei am Schloss von Duino geht es auf der atemberaubende Ausblicke bietenden Strada Costiera hinunter zum Meer. Über die Bucht hinweg grüßen die Städtchen Istriens und bevor eine lange Strandpromenade in die Stadt hineinführt, passieren wir Schloss Miramare, die einstige Sommerresidenz der Habsburger. Während ich noch an Kaiserin Sisi denke, die oft dort weilte, steht sie am Bahnhof auch schon als Statue in Bronze gegossen vor mir.





Triest ist von nobler Ordnung

Weinkeller von Edi Kante

(c) Veit Heinichen

Triest ist von nobler Ordnung. Zu Füssen der grünen Karsthöhen zu denen die Tram d’Opicina hinauffährt, in denen Heinichens Buch „Totentanz“ über die Geschäfte der Mull-Mafia ihren Showdown erlebt, der romanischen Kathedrale San Giusto und Resten der Burg liegt die Piazza dell‘Unità d’Italia, ein Platz mit einer Grandezza, die schwer zu überbieten ist. Mächtige neoklassische und barocke Prachtbauten säumen ihn an drei Seiten und jenseits der Straße öffnet er sich zum Golf von Triest. „Perle der Adria“ wird die Stadt gerne genannt. Im Frühjahr ist sie mit ihren Farben und Gerüchen faszinierend und viele Einheimische, Durchreisende und Besucher gönnen sich in einem der Straßencafés den populären „Spritz“ aus Weißwein, Mineralwasser und Aperol, der sprachlich an Österreich erinnert.

Gran Hotel Duchi d"Aosta Tradition verpflichtet

Blick vom Duchi d'Aosta über die Piazza

(c) Michael Ritter

Manche Bewohner trauern der einstigen Größe der Stadt unter den Habsburgern nach, als viele der Gebäude entstanden und hadern mit der Regierung Italiens. Einer der Bauten, die damals entstanden ist das Grand Hotel Duchi d’Aosta. Schon vor den heutigen Bau stand dort ein Hotel und als ich mich am frühen Abend dort mit Veit Heinichen treffe, hatte mir Inhaberin Hedi Benvenuti schon von Casanova, Seume, Winckelmann und den anderen Gästen berichtet. Letzterer hatte wenig Glück mit seinem Zimmernachbarn, der den Begründer der wissenschaftlichen Archäologie wegen ein paar Goldmünzen ermordete.

Auch heute ist es die erste Adresse der Stadt und in dem vom „Harry’s Bar“-Gründer Arrigo Cipriani eröffnetem „Harry’s Grill“ kocht der junge Küchenchef Federico Sestan eine grüne Küche. Einfach, raffiniert und auf sehr hohen Niveau. Veit Heinichen ist mit der deutschstämmigen Grande Dame der Triester Hotellerie befreundet, empfiehlt mir das Restaurant für den nächsten Abend -und hat nicht zu viel versprochen.

Auf den Pfaden von Rilke und Svevo

Italo Svevo Statue in Triest

(c) Michael Ritter

Triest ist Weltstadt der Literatur. Rilke schrieb als Gast der Gräfin Thurn und Taxis auf Schloss Duino seine Duineser Elegien, der junge James Joyce arbeitete in Triest als Sprachlehrer, freundete sich mit dem älteren Sprachschüler Italo Svevo an und förderte ihn. Auch heute kann man beiden auf einem Spaziergang durch die Città Vecchia begegnen, wo sich Svevos Bronzefigur auf der lauschigen Piazza Hortis nur mühsam gegen parkende Autos wehren kann und sich beide Autoren ein kleines Museum teilen.

Heinichen zitiert Svevo in „Im eigenen Schatten“, wo es um einen Industriellen mit eigenem Weingut geht. „Der Wein ist deshalb so gefährlich, weil er nicht die Wahrheit ans Tageslicht bringt, sondern gerade ihr Gegenteil: Er enthüllt die vergangenen, vergessenen und erledigten Geschichte der Menschen, und nur bedingt ihren gegenwärtigen Willen.“

Noch ein Geheimtipp: Vitovska vom Karst

Mare e Vitovska-Event

(c) Michael Ritter

Nicht nur mit Literatur kennt sich Veit Heinichen bestens aus, sondern auch mit den Spezialitäten der Region. Autochthone Rebe der DOC Carso ist Vitovska. Erst in den letzten Jahren füllt man sie sortenrein auf Flasche. Edi Kante, der eigenwillige Winzer mit der markanten Brille, der sich einen imposanten Weinkeller in den Fels schnitt, ist Perfektionist. Nur rund ein Pfund Trauben pro Rebe liest er und 30.000 Flaschen sind seine jährliche Ausbeute. Kante hat dafür gesorgt, dass der zartwürzige Wein international rasch Freunde fand. “Ich komme gerade von ihm. Seine Weine sind elegant. Ich liebe den Wein, wenn der Vitovska lange Zeit spontan auf der Maische vergärt, wie bei Benjamin Zidarich oder Boris Skerk und dann nach Lagerung im großen Holzfass unfiltriert abgefüllt wird. Man kann das im Keller blubbern hören, richtig erotisch“, erzählt Heinichen, der zusammen mit Kante und den anderen im Vorstand des Winzervereins sitzt. Jedes Jahr organisieren sie mit den besten Gastronomen im ehemaligen Fischmarkt das Event „Mare e Vitovska“ als eine Symphonie der Geschmäcker.

Große Fischküche im Restaurant von Ami Scabar

Fischvorspeisen bei Ami Scabar

(c) Michael Ritter

Für unser Gespräch fährt er mich, vorbei an der Questura, auf immer enger werdenden Sträßchen, an den Rand der Stadt. Dort liegt das Ristorante Scabar seiner Lebensgefährtin Ami, deren Bruder Giorgio Scabar für Service und Wein zuständig ist - eine der besten Adressen für fangfrische Fischspezialitäten. Von der Terrasse hat man einen weiten Blick über die Region.

Dabei gerät der Mittfünfziger ins Schwärmen. Schon sein halbes Leben ist er mit der nördlichsten Hafenstadt des Mittelmeers verbunden. Lange arbeitete er im Verlagswesen, gründete den Berlin Verlag und leitete ihn fünf Jahre, bevor er dauerhaft als Schriftsteller in seine Wahlheimat zog, die ihm sichtlich gefällt. „Der hohe Lebensstandard in Triest verhindert schnelle Änderungen, und Grenzgebiete haben andere Rhythmen als der Rest der Welt“ bekennt er in einem Interview und wenn er vom Essen und Trinken erzählt, wähnt man sich in einem großen Kreis von Freunden, die sich austauchen. „Ich bin ja auch Produzent“, sagt er mit einem Lächeln. „Ich produziere Literatur.“

Ami und Veits Genussbüchlein

Veit Heinichen und Ami Scarbar

(c) Michael Ritter

Gerade erst ist beim Insel-Verlag die Taschenbuch-Ausgabe eines Büchleins herausgekommen, in dem Veit Heinichen dem Leser hilft, den faszinierenden Mythos von Stadt und Karst zu erkunden und Ami die zugehörigen Rezepte ihrer Küche zusteuerte: „Triest – Stadt der Winde“. „Hier ist die Grenze von Öl und Butter“, sagt er und deutet auf das Rosandra-Tal unter uns. „Dort am Čelo wächst die autochthone Belica-Olive. Die Brüder Starec lesen sie von Hand, entkernen sie und pressen sie sanft.“ Schon oft wurden sie dafür ausgezeichnet.

Das Öl passt ausgezeichnet zu Fischgerichten, die Ami Scabar serviert. Zuerst eine rohe Fischvorspeise, die aus vier Teilen besteht: Carpaccio vom Wolfsbarsch mit einem Gelee von Ingwer und Zitrone, mit Minze marinierte Gamberi, Scampi in eigener Sauce und einem Tartar vom roten Tunfisch mit einem Auberginen-Chutney, dann folgen Canestrelli, kleine Pilgermuschel - nur mit ein paar Tropfen Olivenöl und Gewürzen. So köstlich, dass wir kurz davor sind, zusammen ein Lied anzustimmen! Dazu ein Spitzen-Vitovska von Benjamin Zidarich. Was will man mehr? „Amis Zuf müssen Sie unbedingt probieren“, rät mir Heinichen. „Ein Grieseis an einer Sauce aus karamellisierten Oliven. Das schmeckt einfach köstlich“ Ich kann nur zustimmen und freue mich, dass Veit und Ami das Rezept dafür in ihrem Büchlein verraten.

Die Winde der Stadt blasen zum Aufbruch

Veit Heinichen an der Mole Audace

(c) Massimo Goina

Auf der Terrasse spürt man am Abend den Wind. Die Stadt lebt von ihm. Auf der Mole Audace am Hafen stehen alle seine Namen auf einem Poller: Grecale, Libeccio und Scirocco bliesen die Segelschiffe in den Hafen. Der Maestrale bringt vom Westen Gewitter in die Stadt und die kalte Bora, stützt mit teils halsbrecherischem Tempo vom Karst hinab auf die Stadt.

Mancher Besucher litt hart unter den Winden, doch die Bewohner haben sich mit ihnen arrangiert. Schade, dass bald wieder der Abschied ruft, denn man kann sich in die Stadt verlieben. Der Hafen als bedeutendster überseeischer Umschlagplatz für den Süden Mittelosteuropas hat die Stadt als Kreuzungspunkt zwischen Nord und Süd, Ost und West schon unter den Habsburgern zu einem Schmelztiegel der Kulturen werden lassen. Zum Glück ist der Flughafen nicht nur die schnelle Verbindung in den Norden, sondern auch der schnelle Weg zurück in die zauberhafte Grenzregion an der Pforte zu Istrien.

© Michael Ritter

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