Die schönsten Eckchen Deutschlands

Warum in die Ferne schweifen...

Zwiebeln, Gärten und Felchen auf der Höri

Eine meiner ersten Begegnungen mit der Bodensee-Halbinsel Höri hatte ich bei Slow Food. Die von dem Italienischen Journalisten Carlo Petrini gegründete Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Verbraucher in Zeiten einer immer stärker industrialisierten Gastro-Industrie dazu zu bringen, sich wieder stärker mit naturnaher und fairer Ernährung auseinanderzusetzen.

Eines der Großprojekte Petrinis ist dabei die Arche des Geschmacks, eine Art virtuelles Rettungsboot für Nahrungsmittel, die im Wettbewerb „größer, besser, schneller“ unterzugehen drohen. Bei uns in der Region war es die „Nordhessische Ahle Wurscht“, die so einem breiteren Kreis von Genießern näher gebracht wurde. Da fand ich sie, zwischen einen urwüchsigen keltischen Rind aus dem Schwarzwald und einem oberschwäbischen Apfel: die Höri Bülle.

Die Höri Bülle

Die rote Speisezwiebel mit ihrer charakteristischen flachen, bauchigen Form und der hellen rotbraunen Farbe wird traditionell auf der Höri angebaut. Im Gegensatz zu anderen roten Sorten färbt sie beim Aufschneiden nicht ab und wird gerne zum Flechten der traditionellen Zwiebelzöpfe verwendet. Der dortige Gemüse- und Zwiebelanbau hat eine lange Tradition. Im 8. Jahrhundert dokumentierten ihn die Geschichtsschreiber des nahen Klosters Reichenau.

Später wurden Zweibeln das Hauptgemüse der Bauern, die im Herbst mit den Boot zu Zwiebelmärkten in der nahen Schweiz und Konstanz fuhren uns sie dort anboten. Metzger, Wirte, Großhändler und Privathaushalte kauften dann ihren Jahresbedarf ein, da die Vorratswirtschaft noch lange verbreitet war. Auch auf den Wochenmärkten im nahen Radolfzell und Singen konnte man die Zwiebeln der Höribauern kaufen.

Die Höri

Untersee

(c) Michael Ritter

Der Anbau der Höri Bülle ist auf die Halbinsel Höri begrenzt. Wegen ihres Gemüseanbaus von den rothäutigen, weißfleischigen Speisezwiebeln, die im Volksmund auch Bülle genannt werden, kennt man die Halbinsel auch als „Zwiebelhöri“ oder „Bülleland“. Heute sind es nur noch wenige Anbauer, die die auf 3 bis 4 Hektar die Tradition pflegen. Sie wird ausschließlich durch eigene Nachzucht vermehrt und alle Produzenten, meist Vertreter der älteren Generation, verwenden selbsterzeugtes Saatgut, da Samen im Handel nicht erhältlich sind. Schade, denn der Geschmack zeichnet sich durch das zarte Aroma und die milde, unaufdringliche Schärfe aus, die sie zum rohen Verzehr prädestinieren und sie zu einer fast unverzichtbaren Zutat in Salaten, wie dem in der Region so beliebten Wurstsalat machen.

Heimatdichter Erwin Keller lobt sie in seinem Bülle-Brevier als natürlichen Vitaminspender auf Wanderungen, da man sie „Biss für Biss wie einen Apfel verzehren könne“. Beim Garen entwickelt die Bülle ihre Schärfe, ohne dass dabei die charakteristische rote Färbung verloren geht. Bülle-Rezepte gibt es viele: mit Bodensee Fischen, zu Fleisch, als Gemüse oder in Salaten.

In der Erntezeit im Herbst rückt sie als Bülle-Dünne in den Mittelpunkt, wenn am ersten Oktobersonntag beim Bülle-Fest auf der Höri als eine Art Zwiebelpizza mit einem Glas „süeße Moscht“ verzehrt wird.


Zu Gast bei Dix und Hesse

Hermann Hesse Haus

(C) Michael Ritter

Ein guter Anlaß, die Höri zu besuchen. Mit der Bahn reist man bequem im IC ins nahe Radolfzell und dann weiter mit dem Höribus. „Künstlerwinkel“ nennt man die malerische Halbinsel. Der Maler Otto Dix zog sich von den Nationalsozialisten als entartet verfemt 1936 bis zu seinem Tod 1969 nach Hemmenhofen zurück. Hermann Hesse baute dort ein Haus und legte einen Garten an, den heute die Diplombiologin Eva Eberwein, die zusammen mit ihrem Mann das Haus erworben und vor dem Abriß bewahrt haben, liebevoll gepflegt wird. Eine handschriftliche Skizze Hesses halfen ihr bei dessen Rekonstruktion.

"Ich baute im Garten einen Schuppen für das Brennholz und das Gartengerät, ich steckte gemeinsam mit einem mich beratenden Bauernsohn Wege und Beete ab, pflanzte Bäume, Kastanien, eine Linde, eine Katalpe, eine Buchenhecke und eine Menge von Beerensträuchern und schönen Obstbäumen... alles gedieh recht schön, und wir hatten damals die Erdbeeren und Himbeeren, den Blumenkohl und die Erbsen und den Salat im Überfluss" schrieb Hesse damals. Doch nicht nur ein Selbstversorgergarten mit Gemüse, Beerenobst und Obstbäumen entstand damals, sondern auch Blumenrabatten mit Dahlien, Sonnenblumen, Kapuzinern in allen Tönen von Rot und Gelb, Schwertlilien, Rosen, Zinnien und andere bäuerliche Blumenstauden. Hesse hatte eine Schwäche für Farben und Düfte und dementsprechend erfolgte seine Pflanzenauswahl. Suhrkamp-Verlag

Mia Hesse

Mia Hesse Bernoulli

(c) Suhrkamp-Verlag, Berlin

In diesem Jahr jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Mia Hesse, seiner ersten Frau. Das Haus in Gaienhofen ist der einzige Ort, wo ihre Geschichte noch ablesbar ist: Ihr schönes Zimmer hat die Jahre überdauert und erzählt über das Leben der Mutter seiner drei Söhne, das lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Als selbstständige Berufsfotografin mit eigenem Atelier lernte Mia Bernoulli Hesse in Basel kennen. Die gegenseitige Faszination schien im Laufe der Gaienhofener Zeit verloren gegangen zu sein. Als Mia Bernoulli in das ihr bisher völlig unbekannte Gaienhofen kam, sah sie den beschaulich wirkenden Ort aus den Augen der Photographin:

Ein Motiv nach dem anderen, Idylle pur. Die Kluft zwischen Lebens- und Denkweise der alteingesessenen Dörfler und der „Neuen“ brach im Laufe der Zeit erst auf. Hermann Hesse gönnte sich oft kleine Fluchten, war häufig auf Reisen, während Mia mit den Kindern in dem großen Haus und Garten oft allein war. Die Beziehung verschlechterte sich, und sie verkauften ihr Haus 1912, um nach Bern zu ziehen. Doch auch dort setzten sich psychische Krisen fort und zur Scheidung 1923.

Garten Rendezvous

Hein Auer in seinem Garten

(c) Michael Ritter

Doch nicht nur Hesse hatte einen schönen Garten. Auch heute kann man beim Garten Rendezvous Besitzer von privaten Gärten oder Parkanlagen treffen, die ihre grünen Kleinode ein oder mehrmals im Jahr für interessierte Besucher öffnen. Wie den großen Privatgarten von Heinz und Irene Auer in Gaienkirchen-Horn, die einen Schwerpunkt auf Rosen gelegt haben. Hier blühen rund 300 Rosen mit etwa 90 verschiedenen Züchtungen. Die Mehrzahl sind Dauerblüher und können über den ganzen Sommer hinweg bewundert werden. Zahlreiche Buchsbaumkugeln, Rhododendren und Hortensien rahmen die beeindruckende Anlage, deren beschaulicher Mittelpunkt der Gartenteich mit japanischen Kois bildet.

Bis Ende September freuen sich die Auers über eine telefonische Anmeldung. Am schönsten ist der Garten natürlich während der Hauptblütezeit der Rosen im Juni.

Immer geöffnet ist der reizvolle Gastgarten des Hotel-Gasthaus Hirschen, nur einige Minuten von den Auers entfernt, der zu jeder Tageszeit zu einer erholsamen Unterbrechung Ihrer Gartenreise einlädt. Die mediterrane, moderne Anlage mit Zitrusgewächsen und Weinstöcken, Spalierpflanzungen, Brunnen und liebevollen Dekorationen kann man gut mit einem kurzen Spaziergang zur Horner Kirche verbinden, von der man einen der zauberhaftesten Ausblicke auf den Untersee genießt.

Im Hirschen

Hirschen

(c) Michael Ritter

Karl Amann kennt das seit seiner Kindheit. Sieben Generationen wirkten und wirken dort seit 1821 genau auf der Spitze der Halbinsel Höri. Mit seiner Frau Verena hat er im vergangenen Jahr ein neues Hotelgebäude errichtet – und ihm ihren Namen gegeben – das jetzt das Ensemble aussichtsreicher Gärten und Liegewiesen rund um die verschiedenen Häuser komplettiert. Zimmer, Suiten und der Garten offenbaren einen 270-Grad-Panoramablick über die Unterseeregion. Der Gast wird empfangen von natürlichen Materialien: Dielenböden aus geölter Eiche, Fenster- und Türrahmen aus Eichenholz, hellen Bädern mit sandgestrahlten Natursteinböden und viel Glas. Die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke und holen die wunderbare Bodenseelandschaft kurzerhand nach innen. Im Untergeschoss liegt der Wellnessbereich, von dem aus man direkt in den erweiterten Naturgarten mit beheiztem Außenpool und Liegewiese gelangt, die in absolut ruhiger Lage mit weitem Blick über den See zur Wellness einladen.

Die Stuben des traditionsreichen Gasthauses sind Wirtshaus und Restaurant in einem. Hier wird gesellige Gastlichkeit und eine unverschnörkelte Feinschmeckerküche mit frischen Produkten aus der Region gepflegt. Hausgäste haben die Wahl. Sie können sich auch für ein feines Viergang-Gourmetmenü in ruhiger Atmosphäre in den Unterseestuben von Haus Verena entscheiden. Der deutsch-schweizerische Untersee, der westliche Teil des Bodensees, gilt vielen Erholungssuchenden als Geheimtipp. Auf engstem Raum findet sich hier alles, was die Bodenseeregion anziehend macht: natürlich belassene Ufer in denen eine einzigartige Flora und Fauna gedeiht, herrlich gelegene Inseln und Halbinseln, traumhafte Buchten und sanfte Anhöhen; eine Vielfalt von Klöstern, Burgen und romantischen Schlössern; eine bekannt gute Gastronomie, ein hochkarätiges Kulturangebot und ein Menschenschlag, der es einem leicht macht, sich wahrhaft willkommen zu fühlen.

Felchen-Wochen

Fischer Dietrich

(c) Michael Ritter

Karl Ammann ist wie den anderen Köchen des Genuss-Netzwerkes "Eine handvoll Untersee" die Region besonders ans Herz gewachsen. Die Speisekarte ist ein kulinarische Spiegelbild der Region, die der Jahreszeit entsprechend mit regionalen Zutaten aufwartet. Mit "Eine Handvoll Untersee" haben die Köche einfach nachzukochende Gerichte aus maximal fünf regionalen, saisonalen Zutaten entwickelt, die sie auch auf den Speisekarten anbieten und auf Sammelrezeptkarten das dazu passende Rezept verraten, Hinweise geben, wo man die Zutaten einkaufen kann und auch ihre persönlichen Erlebnistipps weitergeben.

Bei den beteiligten Bauern, Fischern oder Direktvermarktern kann man dazu passende Produktsammelkarten bekommen, die jeweils eine Spezialität der Region in den Mittelpunkt rückt. Besonders zu empfehlen sind die Felchen- und Fischwochen am Untersee.

Neben den klassischen Varianten kreieren die Köche auch ganz neue Rezepturen. Die Felchen sind stets fangfrisch: Erst am Morgen sind sie Fischer Dietrich aus Öhningen in die Netze gegangen. Die dreigängigen Menü mit Vorspeise, Hauptgericht und Dessert werden zum festen Preis angeboten.

Der Felchen

Fischerfrühstück am Untersee

(c) Michael Ritter

Der Felchen mit seinem langen Körper mit Fettflosse, blaugrünem Rücken und silbern-schimmernden Seiten ist der bekannteste und beliebteste Speisefisch am Bodensee. Bis zu 60 Zentimeter kann er lang werden und bringt dann bis zu 5 Kilo auf die Waage, doch am besten schmeckt er vielen schon als Junior mit 280 bis 350 Gramm. Almeli nennt man ihn gegenüber in der Schweiz, Renke in Bayern und im Norden Maräne. Gegessen wird meist das Filet, aber auch geräuchert ist er eine Delikatesse.

Für die Fischer am Bodensee ist er trotz zurückgehender Zahlen der alljährlich ins Netz gehenden Felchen immer noch ein „Brotfisch“, doch werden die meisten Felchen in Brutanstalten künstlich ausgebrütet und im See eingesetzt. „Der Bedarf wird immer größer, aber der Bestand nimmt ab", klagt Fischer Dietrich. Vor Jahren brachte er noch einen ganzen Korb Bodenseefelchen vom Wasser mit, heute sind es in schlechten Zeiten gerade einmal drei bis vier Fische. Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig: das Plankton - die Hauptnahrung der Felchen - verschwindet, die Strömung hat sich geändert und das Wasser ist sei zu warm geworden.

Angebote

Hirschen Restaurant

(c) Michael Ritter

Der Hirschen bietet dann eine Felchenwochen-Pauschale „Seemannsgarn und Petri Heil" vier Übernachtungen mit Schlemmer-Halbpension an. Highlight ist eine morgendliche Ausfahrt mit Fischer Martin Dietrich und anschließendem Fischerfrühstück sowie ein Felchenmenü an einem der Abende, an den anderen Abenden wird ein vier-gängiges Schlemmer-Menü serviert.

Körpertherapeutin Kerstin Christen hilft mit einem 45-minütigen „Einfach locker werden" auszuspannen.

Infos: Hotel Gasthaus Hirschen, Kirchgasse 3, D-78343 Gaienhofen-Horn, Tel. +49 (0)7735 - 9338-0, www.hotelhirschen-bodensee.de.

(c) Connaisseur & Gourmet 2017