Die schönsten Eckchen Deutschlands

Warum in die Ferne schweifen...

Moderne Architektur und alte Reben an der Mosel

Weinberg

(c) Michael Ritter

Uralte Rieslingreben im Maximin Herrenberg

(c) Michael Ritter

Moderne und Tradition gehen an der Mosel Hand in Hand. Während die Winzer ihre uralten Reben hegen und pflegen, sorgen sie mit moderner Technik und Architektur für interessierte Besucher aus aller Welt. Michael Ritter hat sich zwischen Trier und Bernkastel-Kues auf Spurensuche begeben.

„Wie alt ist eigentlich alt?“ Zugegeben, Alter ist ziemlich relativ. Der Hinweis „Alte Reben“ findet sich auf manchem Weinetikett – nicht nur in Deutschland. Unsere Behörden fordern ein Mindestalter der Reben von 25 Jahren. Da viele Weinberge älter sind, macht die Kennzeichnung eigentlich nur wenig Sinn, kritisieren Winzer und Verbraucher.



Vor allem an Mosel, Saar und Ruwer stammt viel Wein aus alten Reben. Etliche Winzer verzichten auf die Auszeichnung, wenn der Wein nicht von Reben stammt, die auch nach menschlichen Ermessen alt sind. Manche davon noch zu Kaisers Zeiten gesetzt worden und trotzen seit über 100 Jahre Wind und Wetter. Rund 500 Hektar wurden vor dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt, doch auch sonst genügt fast die Hälfte der von 4.000 Winzern bewirtschafteten 8.800 ha Mosel-Rebfläche den behördlichen Anforderungen für „Alte Reben“.

Molitor Alte Reben

Sabine und Markus Longen

(c) Michael Ritter

Wohnen in Matteo Thuns "Winzerhäuschen"

Matteo Thuns Winzerhäuschen

(c) Michael Ritter

Dass seit letztem Jahr Architekturfreunde ins Moseldorf Longuich pilgern, liegt weniger am Nachbau der römischen Villa, die ein hoher Beamter dort vor fast 2000 Jahren vor den Toren Augusta Treverorums, dem heutigen Trier, in die Weinberge bauen lies, sondern an einem Ensemble von Winzerhäuschen des italienischen Stararchitekten Matteo Thun (www.matteothun.com) . Mit der Erweiterung des Weinkulturguts Longen-Schlöder (www.longen-schloeder.de ) gewann er prompt den Architekturpreis Wein (www.diearchitekten.org ).

Wir mögen interessante Architektur und wenn uns etwas gefiel, stand oft Matteo dahinter“ erinnert sich Sabine Longen, die zusammen mit Mann Markus den Betrieb leitet. Schließlich schickten die beiden dem gebürtigen Südtiroler eine E-Mail mit der Frage, ob er Interesse habe. „Schon am nächsten Tag hat er geantwortet und uns zum Gespräch nach Mailand eingeladen“, freut sie sich. Die Chemie stimmte und ein paar Monate später kam Thun nach Longuich, um den Ort auf sich wirken zu lassen. „Er ist genauso naturverbunden wie wir und mochte die frischen Produkte aus der Region, die wir unseren Gästen servieren“ sagt die Winzerfrau, die vor dem Start ins Weingeschäft einige Jahre im Tourismus arbeitete. 20 neue Gästezimmer, davon 6 in einem schlichteren Zweckbau und eine Erweiterung der beliebten Vinothek standen im Pflichtenheft - sonst hatte der Architekt freie Hand.

Ich lebe als Gast in der Natur, nicht in der Architektur!“ lautet Thuns Credo, das auch im modernen, lichten Anbau der Vinothek auf einer Schiefertafel steht. In Longuich inspirierten ihn alte Winzerhütten, in denen früher im Weinberg die Gerätschaften lagerten. Schnell stand das Baumaterial fest: Blauschiefer. Derselbe, auf dem an der Mosel auch die Weine wachsen. Unter der Schieferhaut verbirgt sich ein Holzgerüst. Für die Bauausführung fand Thun mit Stein & Hemmes (www.stein-hemmes-wirtz.de ) einen regionalen Partner, der seine Philosophie teilt.

Ein kleiner bunter Vorgarten lockert vor jedem der 14 Häuschen die Strenge des Schiefers auf. Im Inneren legte er Wert auf Schlichtheit. Kein Fernseher stört. „Dann wollten die Behörden, dass wir Feuerlöscher anbringen, die den ganzen Raumeindruck zerstört hätten“ schaudert es Markus Longen. Doch er konnte ihnen einen Kompromiss abringen und diese in alten Barriquefässern aus seinem Keller unterbringen, die jetzt als Stehtische in den Gärtchen stehen. Ideal, um am Abend mit den neuen Nachbarn mit dem ein oder anderen Glas aus Longens Winzerkeller anzustossen.

Maximin Herrenberg - Uralte Rieslingreben

Weinexperten im Weinberg

von links nach rechts: Karl Joseph Loewen, Mosel Weinkönigin Kathrin Schnitzius, Bruno Schmitt-Wagner und Christopher Loewen (c) Michael Ritter

Am gegenüberliegenden Moselufer liegt der Maximin Herrenberg. Über das amtliche Mindestalter für „Alte Reben“ kann Karl Josef Loewen (www.weingut-loewen.de ) nur lachen. Sichtlich stolz zeigt er die wurzelechten Reben, aus denen einige seiner besten Weine stammen. 1896 wurden sie vom altehrwürdigen Weingut Carl Schmitt-Wagner dicht in die Rotschiefer-Südlage gepflanzt und bilden heute einen der ältesten Riesling-Weinberge der Welt. Vor fünf Jahren konnte der Top-Winzer aus Leiwen das Weingut übernehmen, das zu Beginn des letzten Jahrhunderts auch den russischen Zarenhof belieferte.

Loewen ist von der Überlegenheit wurzelechter Reben gegenüber den auf amerikanische Hybrid-Unterlagen gepfropften Reben ebenso überzeugt wie von der Spontangärung - und die positive Resonanz der Weinexperten gibt ihm Recht. Den Spitzenwein „Maximin Herrenberg Alte Reben 1896" legte er in die Hände von Sohn Christopher. Der Geisenheim-Absolvent konnte den uralten Reben einen ausdrucksstarken, eleganten Wein mit verführerischen Aromen entlocken.

Regnery - Moderne Vinothek bei der Bruderschaft

Peter Regnery vor seiner Vinothek

(C) Michael Ritter

Einige Kilometer moselabwärts liegt das Weindorf Klüsserath. Peter Regnery (www.weingut-regnery.de )wartet vor der neuen Vinothek im Hof des Familien-Weinguts. Es riecht nach dem frischen Holz der gut sechs Meter langen senkrechten Holzlatten, die im Kreis um den Kubus stehen, in dem Regnery seinen Wein präsentiert. Über einen kleineren Verkostungsraum Raum im Erdgeschoss gelangt man in den Probierraum im Obergeschoss, der schöne Ausblicke auf die Weinwand der Klüsserather Bruderschaft bietet. Erbaut hat sie Architekt Marco Hoffmann (www.mhar.de) aus dem nahen Wittlich - und setzt damit einen deutlichen Kontrast zu den umliegenden Winzerhäusern.

Vater Franz-Josef, der bis 2000 das Weingut führte, hatte einst das richtige Händchen, als er seine Flachlagen verkaufte und dafür Parzellen in bester Lage der Klüsserather Bruderschaft erwarb. Den Weinen seines Sohnes merkt man die Ausbildung in Geisenheim und Praktika in Neuseeland und Südafrika an. Sein konzentriert-reintöniger Riesling Großes Gewächs stammt aus 80 Jahre alten wurzelechten Reben und wird – wie 80 Prozent seiner Weine – trocken abgefüllt. Neben Riesling baut er 25 Prozent Spätburgunder aus selektionierten Klonen an und experimentiert – durchaus vielversprechend - mit Syrah und Cabernet Sauvignon.

Paulinshof Christa Jünglings umgebauter Bahnhof

Christa Jüngling

(c) Michael Ritter

Die Eisenbahn macht heute zwischen Schweich und Bullay einen Bogen um den Fluss. Auf der Trasse der in den 1960er Jahren stillgelegten Moselbahn verläuft heute ein schöner Radweg. Nur wenige Bahnbauten blieben erhalten. Einer davon ist der Bahnhof Trittenheim, den Christa Jüngling vom Paulinshof (www.paulinshof.de) in Kesten kaufen und umbauen konnte.

Er liegt direkt unterhalb ihres Weinbergs in der Toplage „Trittenheimer Apotheke", der von einer eigenen Quelle versorgt wird. „Früher diente sie den Bahnhofsvorsteher als Wasserspender“ erinnert sie sich. Der Schiefer des Berghangs bildet heute die eindrucksvolle Wand des gläsernen Vorbaus. Eine gelungene Kombination von Alt und Neu.

Markus Molitor Die Renovierung von Haus Klosteberg

Haus Klosterberg

Molitors Haus Klosterberg

Auch Spitzenwinzer Markus Molitor (www.markusmolitor.com ) hat in den vergangenen Jahren sein Weingut Haus Klosterberg bei Bernkastel-Wehlen gründlich saniert. Mit 42 Hektar besitzt er eines der größten Privatweingüter an der Mosel und ist ein Freund akribischer Auslese. Viel liegt ihm an der Pflege der wurzelechten alten Reben in seinen Weinbergen, die sich meist über Spitzenlagen der Mittelmosel verteilen. Mit Feldselektion hat er über die Jahre das Erbgut der besten seiner mehr als 100 Jahre alten Reben weitergegeben.

Die neue, großzügig bemessene Vinothek ist mit haargenau verlegten Sandsteinplatten hochwertig ausgelegt und wenn Molitor erzählt, wie die einst abschüssige Gewölbedecke über seinen gelagerten Weinschätzen bei laufendem Betrieb Stück für Stück erneuert wurde, nötigt das den Besuchern höchsten Respekt ab. Für diese Arbeit wurde der Kölner Architekt Lukas Baumewerd (www.baumewerd.de) ebenfalls mit dem Architekturpreis Wein 2013 ausgezeichnet.

Spitzenbewertungen und Spitzenpreise für Molitor

Markus Molitor

(c) Michael Ritter

Doch bei Molitor beeindruckt nicht nur der Bau. Nicht nur Weinlaien reagieren verdutzt auf das riesige Spektrum an Weine, die er dabei von einzelnen Spitzenlagen ausbaut und damit feinste Nuancen herausarbeitet. Schon die Weine der Basislinie stechen aus dem breiten Angebot der Moselweine hervor. Seine Topweine erzielen international Bestnoten. Sanft sind sie verarbeitet und stolz zeigt Markus Molitor die computergestützte Korbpresse, bei deren Preis auch er erst einmal schlucken musste. Doch der hohe Einsatz lohnt. Kürzlich verlieh ihm der US-Weinpapst Robert Parker für seinen „2011er Wehlener Sonnenuhr Riesling Auslese 3 Sterne“ die Höchstpunktzahl von 100 Punkten. "Eine Riesenauszeichung", freut sich Molitor, „besonders weil es kein Versteigerungswein war, sondern ein Wein aus unserem Sortiment“.

Die Parker-Adepten reagierten umgehend. Nur zwei Stunden nach Veröffentlichung war der Wein ausverkauft.

Bei den Versteigerungsweinen, die er und seine Winzerkollegen aus der Riesling-Winzervereinigung Bernkasteler Ring (www.bernkasteler-ring.de) alljährlich auf einer Auktion Gästen aus aller Welt vorstellen, wurde die „2010er Zeltinger Sonnenuhr Trockenbeerenauslese 3 Sterne“ im September sogar für 3.100 Euro zugeschlagen und durchbrach damit erstmals die magische 3000-Euro-Grenze. Ein gutes Zeichen für die wieder wachsende Wertschätzung des Moselweins.

Molitor Weine

(c) Connaisseur & Gourmet 2017