Die schönsten Eckchen Deutschlands

Warum in die Ferne schweifen...

Insekten-Kochkurs in der Pfalz

"Insekten sind das neue Schnitzel"

Uwe Wünstel mit einem seiner Lieblinge

(c) Michael Ritter

Wahrscheinlich wollen die Macher des Dschungelcamps bei ihren Zuschauern einen leichten Ekel erregen, wenn sie den Kandidaten Insektengerichte vorsetzen. Meist gelingt ihnen das auch, denn kaum jemand konnte schon mal Erfahrung damit sammeln. Als einer der Ersten hatte schon seit den 1970 er Jahren Rüdiger Nehberg – ein ausgebildeter Konditor – im Fernsehen als Survival-Experte die Essbarkeit von Insekten demonstriert. Die mangelnden eigenen Erfahrungen lassen durch einen Besuch im Landauer Reptilium beheben. Der erste und größte deutsche Reptilienzoo bietet interessierten Gästen mehrmals jährlich mit „Insekten sind das neue Schnitzel“ einen „etwas anderen Insektenkochkurs“ an.

Die mitteleuropäische Unkenntnis von Insekten als Nahrungsmittel ist einigen anderen Völkern unverständlich. Besonders in Asien, Süd- und Mittelamerika ist es durchaus üblich, einige der rund 1.400 essbaren Insektenarten zu verzehren. Auch bei uns in Europa stehen hin und wieder die sogenannten „Wirbellosen“ auf unserem Speiseplan:

Schnecken, Muscheln und Tintenfisch, Garnelen, Krabben und Hummer. Gliederfüßer wie Insekten und Spinnen werden hingegen eher selten verzehrt – und wenn, dann als „Gag“ wie der Agavenwurm im Tequila. Manch einer hat bei einer Reise ins Outback Australiens auch schon mal Erfahrungen mit Bush Tucker sammeln können, der traditionellen Kost der Aborigines, die als einen Leckerbissen die rohe, gegrillte oder leicht in Asche gegarte Wichetty-Made servieren. Die Made ist sehr eiweißhaltig und man bekommt sie dort heute auch abgepackt in einigen Supermärkten. Sie ernähren sich von Holz und haben einen nussigen Geschmack. Nicht nur am Amazonas gelten kurz über dem Feuer geröstete Vogelspinnen als delikate und knusprige Mahlzeit. In Sardinien freuen sich Käsefreunde über den von Maden durchzogenen Schafskäse „Casu Marzu“, Franzosen lieben den orangeroten Mimolette-Käse mit seinen Milben und sogar im sachsen-anhaltischen Würchwitz legt der pensionierte Lehrer Helmut Pöschel seine Quark-Klitschen zur Reifung in die Milbenkiste.

Ekel ist fehl am Platze

Wünstel und Dreyer beim Kochen

(c) Michael Ritter

Nicht jeder bringt dafür Verständnis auf. Vor einem Jahr verhängte der US-Zoll zum Beispiel ein Importverbot für den erwähnten Mimolette. Die FDA (Food and Drug Administration) urteilte, der Käse bestünde aus einer „schmierigen, verdorbenen oder verrotteten Substanz“ und sei „nicht zum menschlichen Verzehr geeignet“. Auch in Deutschland neigt man eher zur Abneigung und kennt Heuschrecken, Grillen, Käferlarven nur aus der freien Natur und als Futter für unsere Lieblinge im Terrarium. In den letzten Jahren hat sich das nicht nur durchs Dschungelcamp geändert. Via Internet werden gefriergetrocknete Insekten und Skorpione zum menschlichen Verzehr angeboten.

Reptilium-Gründer Uwe Wünstel hat sich mit dem privaten Minizoo einen Traum verwirklicht. „Das wichtigste Ziel war und ist, dass bei uns die Tiere ohne Angst beobachtet werden können und Vorurteile und eventueller „Ekel“ ablegt werden“, sagt er und reist wenn immer möglich zu Fachmessen und Publikumsveranstaltungen, um für sein Reptilium zu werben. Dabei hat er oft für Kurzverkostungen frittierte Insekten aus dem Wok im Gepäck. So merkte er schnell, dass das Interesse beim Publikum und Hobbyköchen vorhanden war.

Wir bereiten ein leckers Menü

Mehlwürmer im Wok

(c) Michael Ritter

Wer von seinen Ansprechpartnern erst mal seinen vermeintlichen Ekel vor einem Insektengericht überwunden hatte, stellte schnell fest, dass die kleinen Tierchen nicht nur äußerst nahrhaft sind, sondern auch gut schmecken. Sicher ist es eine völlig neue Erfahrung, dass die Produkte des Menüs zu Beginn noch krabbeln, kriechen und hüpfen - aber eines haben alle Gerichte gemeinsam: die Art der Zubereitung entscheidet über den Geschmack. Hier kann Survival-Experte Wünstel zusammen mit dem Biologen Stephan Dreyer seine langjährigen Koch- und Unterhaltungskünste einbringen.

Neben dem Braten und Sieden von Insekten lernt der Kochlehrling dabei auch eine Menge über die Tiere. Wünstel und Dreyer lieben ihre Tiere, die teilweise vom Zoll am Frankfurter Flughafen ins Reptilium kamen, wo man sie als illegale Einfuhr beschlagnahmt hatte. So wurden manche vor langem Leiden in wenig artgerechter Haltung bewahrt. Andere Tier kommen durch eigene Zuchtprogramme und Austausch mit anderen Zoos nach Landau. Bei einem Rundgang mit den Experten kommt man den Tieren sehr nahe. Bei der abschließenden gemeinsamen Mahlzeit in gemütlicher Runde gehören wohlschmeckende Speisen aus Mehlwürmern, Schaben und Skorpione zum Menü. Die meisten Gäste sehen Insekten hinterher mit ganz anderen Augen.

Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2017