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Warum in die Ferne schweifen...

Harzturm Torfhaus

Harzturm

(c) Michael Ritter

Zwischen Naturkatastrophe und neuen Perspektiven

Blick vom Harzturm

(c) Michael Ritter

Schon bei der Anfahrt aus dem nahen Bad Harzburg wird schnell klar, dass der Blick vom neuen Harzturm auf dem Torfhaus nicht berauschend werden würde. Leider bestätigte sich dies, als wir auf den Parkplatz fuhren. Der in Sachsen-Anhalt gegenüberliegende Brocken hat sich in eine Wolkenschicht verpackt und ist unsichtbar. Doch auch das was man sonst sieht, ist wenig erfreulich, denn der Harz erlebt derzeit eine der dramatischsten Veränderungen seiner jüngeren Geschichte. Was Besucher heute zu sehen bekommen, ist ein Landschaftsbild im radikalen Wandel: Wo einst dichte Fichtenwälder die Hänge bedeckten, ragen heute tausende grau-braune Silhouetten toter Bäume in den Himmel. Amcht es da Sinn, neue Aussichtspunkte wie den Harzturm zu errichten, der einen spektakulären Blick auf diese Transformation bietet.

Die Dimension der Waldschäden

Die Zahlen über die Schäden sind alarmierend: Seit 2018 hat der Nationalpark Harz mehr als 11.600 Hektar Fichtenwald verloren. Etwa 90 Prozent seines früheren Fichtenbestandes sind inzwischen abgestorben. Diese Entwicklung ist das Resultat einer verheerenden Kombination aus Klimawandel und Schädlingsbefall.

Der Hauptverantwortliche für das Massensterben ist der Borkenkäfer, der in Person des Fichtenborkenkäfers in den Monokulturen ideale Voraussetzungen zur Verbreitung findet. Während sich gesunde Bäume normalerweise mit Harz gegen die Käfer zur Wehr setzen können, hatten die extremen Trockenperioden die Fichten seit 2018 so geschwächt, dass sie dem natürlichen Feind schutzlos ausgeliefert waren.

Die Folge: Eine explosionsartige Vermehrung der Käfer, denn ein Borkenkäfer-Weibchen kann in warmen, trockenen Jahren über mehrere Generationen bis zu 200.000 Nachfahren pro Jahr zur Welt bringen.

Historische Ursachen der Probleme

Die aktuellen Waldschäden haben historische Wurzeln, denn durch Forstwirtschaft und Bergbau kam es in früheren Jahrhunderten zu einer großflächigen Ausbreitung der Fichte. Die Monokulturen boten ideale Bedingungen für den opportunistischen Käfer und erwiesen sich als nicht dauerhaft überlebensfähig, nachdem die natürliche Vielfalt des ursprünglichen Mischwaldes durch menschliche Eingriffe stark reduziert worden war.

Klimawandel als Beschleuniger

Der Klimawandel beschleunigt diese Entwicklung massiv, da Dürre, Stürme und extrem warme Temperaturen die Bäume schwächen und optimale Bedingungen für Schädlinge schaffen. Wo Extremjahr auf Extremjahr folgt erleben die Harzer Wälder eine Situation, die sie in dieser Form noch nicht kennen und bei der sie – zumindest vorerst – kapitulieren müssen. So lässt sich Klimawandel hautnah erleben.



Blick auf den nahen Brocken

(c) Pixabay CC0/hpgruesen

Ein neuer Blickwinkel

Seit Ende 2024 ist der inmitten dieser dramatischen Landschaftsveränderung entstandene Harzturm für Besucher zugänglich. Er gilt als ein neues Wahrzeichen des Harz und von der Aussichtsplattform auf 65 Meter Höhe können Besucher die einzigartige Perspektive der Transformation des Harzes live verfolgen.

Der von Architekt Dietmar Kaden entworfene Turm ist eine Hommage an die Natur: Seine hölzerne Turmverkleidung imitiert einen hohlen, drehwüchsigen Baumstamm. Kaden hatte bereits für die gleichen Bauherren den Pyramidenkogel-Turm am Wörthersee entworfen, an dessen Bauweise der Harzturm sich orientiert.

Architektur und Erlebnis

Schon ab 45 Metern Höhe bietet er seinen Besuchern verschiedene Erlebnismöglichkeiten. Ganz oben gewähren zwei 360-Grad-Panoramaplattformen einen Rundumblick auf Brocken und Nationalpark Harz. Mutige können den gläsernen Skywalk nutzen, der einen Blick 45 Meter in die Tiefe gewährt. Für den Abstieg steht neben Treppe und Aufzug eine besondere Attraktion zur Verfügung: die "Rasantia", eine 110 Meter lange Erlebnisrutsche nicht nur für jugendliche Nutzer ab eine Mindestgröße von 130 cm. Wenn nicht Wind und Regen dafür sorgen, dass Fahrstuhl und Rutsche nicht nutzbar sind, ist der Turm barrierefrei zugänglich und öffnet im Sommer täglich von 9:30 bis 18:00 Uhr.

Hoffnung auf Erneuerung

Oben auf der Panoramaplattform zeigen große Bildtafeln, wie die Umgebung während der Bauzeit ausgesehen haben. Man kann also selbst einschätzen, ob es mit dem Wal bergauf oder weiter bergab geht.

Experten sehen trotz des dramatischen Anblicks der Waldschäden auch Chancen. Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer sah bei einem Besuch des Nationalparks eine dynamische und natürliche Waldentwicklung, denn überall entsteht neues Leben. So soll langfristig ein klimaresistenterer Mischwald entstehen.

Die Natur sich selbst zu überlassen, kann durchaus eine Lösung sein. Wo Monokulturen der Vergangenheit verschwinden, haben andere Baumarten wie Birken, Buchen und andere Laubbäume eine Chance sich zu etablieren und erobern bereits die Kahlflächen.

Tourismus im Wandel

Da man die Schäden nicht verstecken oder ignorieren kann steht der Harzturm als Symbol für den Wandel des Harzer Tourismus. Er biete den Besuchern die Chance die Transformation der Landschaft bewusst zu erleben und zu verstehen. Zwar sind die Waldschäden eine ökologische Katastrophe und verändern das Gesicht der Region grundlegend, doch der Harzturm bietet eine neue Perspektive auf diese Transformation. Die Zukunft wird zeigen, ob aus den Ruinen der alten Fichtenwälder tatsächlich ein resilienterer, klimaangepasster Wald entstehen kann. Der Harz ist in einer Phase des Übergangs.

Eintrittspreis für Erwachsene 12 Euro, Kinder ab 6 Jahren 7 Euro. Diverse Rabatte, z.B. bei Ausfall des Fahrstuhls 10 % Rabatt. Eerlebnisrutsche 3,50 Euro.
© Michael Ritter

Auslauf der Rasantia-Rutsche vom Harzturm

(c) Michael Ritter

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