Die schönsten Eckchen Deutschlands

Warum in die Ferne schweifen...

Auf Klosterreise durch den Harz

Klosterhotel Wöltingerrode

Schlosshotel Wöltingerode

(c) Michael Ritter

Klosterleben im Harz

Goslar, August 2026

Der Harz ist nicht nur ein Gebirge, sondern ein Gedächtnis. Wer durch seine Täler wandert, durch die Wälder streift oder in den kleinen Städten des Harzvorlandes verweilt, der begegnet überall den Spuren einer jahrtausendealten Geschichte - und nirgends wird diese Geschichte greifbarer als in den Klöstern, die sich wie ein stiller Kranz um das Gebirge legen. Walkenried, Wöltingerrode, Bad Gandersheim, Brunshausen: Diese Namen klingen wie Kapitel aus einem mittelalterlichen Geschichtsbuch, und tatsächlich sind sie das. Doch die Geschichte dieser Klöster ist nicht abgeschlossen. Sie lebt weiter - in alten Mauern, in gepflegten Kräutergärten, im Duft von Kräuterbrand und frisch gebrautem Klosterbier, in Rezepten, die Mönche und Nonnen über Generationen weitergegeben haben.

Dachboden des alten Klosters Wöltingerride

(c) Michael Ritter

Ein neuer Blickwinkel

Im düsteren Mittelalter beherbergte das Harzvorland eines der dichtesten Netze an Klöstern in Norddeutschland. Fruchtbare Böden, viel Wald und zahlreiche Bäche machten das Gebiet in strategisch günstiger Lage an den alten Handelswegen attraktiv für religiöse Gemeinschaften aller Art - Zisterzienser, Benediktiner, Benediktinerinnen, später auch Reformationsvertreter, die alte Klöster in evangelische Stifte umwandelten. Jede dieser Gemeinschaften hinterließ Spuren: in der Architektur, in der Landschaft, in der Kultur und nicht zuletzt in der Küche.

Die Ruinen des Klosters Walkenried

(c) Michael Ritter

Walkenried

Harzer Kniesteressen

(c) Michael Ritter

Im südlichsten Zipfel des Landkreises Göttingen, dort wo der Harz in sanfte Hügel zur Goldenen Aue ausläuft und das Tal der Oder das Gebirge verlässt, liegt Walkenried - Heimat eines der bedeutendsten Zisterzienserklöster Norddeutschlands. Gegründet im Jahr 1127 durch Mönche aus dem Kloster Kamp am Niederrhein, entwickelte sich das Kloster Walkenried binnen weniger Jahre zu einem wirtschaftlichen und geistlichen Zentrum von überregionaler Bedeutung und gründete mit Pforta bei Naumburg und Sittichenbach bei Eisleben schon bald eigene Tochterklöster.

Die Zisterzienser waren keine weltabgewandten Asketen: Sie waren Pioniere der Landwirtschaft, Meister der Wasserwirtschaft und geschickte Wirtschaftsmänner, die ihre Güter mit System bewirtschafteten. Als Miteigentümer des profitablen Bergbaus am Rammelsberg war dieser bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, als er zum Erliegen kam, eine der wichtigsten Geldquellen des Klosters.

Die Ruine der Klosterkirche, die heute zusammen mit dem Bergwerk Rammelsberg, der Altstadt von Goslar und der Oberharzer Wasserwirtschaft zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört und deren zerbrechliche Gotik wie ein steinernes Gedicht in den Himmel ragt, ist das bekannteste Bild Walkenrieds. Doch das Kloster war weit mehr als Architektur. Auf seinen Gütern, den sogenannten Grangien, betrieben die Mönche intensiven Ackerbau, Viehzucht und - wie nahezu alle Zisterzienserniederlassungen in Mitteleuropa - eine klostereigene Brauerei. Das Bier war im Mittelalter nicht zuerst Genuss, sondern Nahrung: kalorienreich, haltbar und keimfreier als das Wasser aus vielen Brunnen. Die Klosterbrauerei in Walkenried versorgte nicht nur die Mönche selbst, sondern auch Gäste, Arme und Pilger, die auf dem Weg durch das Gebirge hier Rast machten.

Nach der Reformation und der Säkularisation des Klosters im 16. Jahrhundert verschwanden viele dieser Traditionen, doch der Geist der Zisterzienser ist in Walkenried bis heute spürbar. Das Museum im Kapitelsaal dokumentiert die Geschichte des Klosters, und in der Region finden sich Bestrebungen, alte klösterliche Handwerke wiederzubeleben. Der Kräutergarten, der in den letzten Jahren an der Klosteranlage neu angelegt wurde, erinnert an die immense Bedeutung, die heilkundige Mönche der Pflanzenwelt beimaßen. Melisse, Baldrian, Eisenkraut, Liebstöckel und Hunderte anderer Kräuter wurden hier kultiviert - für die Apotheke ebenso wie für die Küche und die Destille.

Da der Harz von jeher seinen Bewohnern eher karges Leben ermöglichte, für das sie aber hat arbeiteten mussten, war auch das traditionelle Essen eher einfach, dafür aber schmackhaft und sattmachend. Eine Tradition, die man auch im KlosterCafé, der Gastronomie im Refektorium des alten Klosters genießen kann, sind die Harzer Kniesterkartoffeln: ungeschält auf dem Blech gebackene Kartoffeln mit Kümmel und Speck. Dazu gibt es frischen Kräuterquark, Harzer Käse, hausmachen Wurst und frisches Mett, eingelegtes Sauergemüse, Suppe und Kraut sowie hausgebackenes Klosterbrot und cremige Sauerrahmbutter. Dazu passt dann ein Harzer Hüttenbier-aus Altenau im Oberharz. Besonders beliebt ist dieses Angebot im Winter, wenn man während des Harzer KulturWinters die Ruinen und Klosteranlagen im Schein hunderter Kerzen bewundern kann

Verkostung in der Klosterbrennerei Wöltingerrode

(c) Michael Ritter

Wöltingerrode

Im Fasslaget

(c) Michael Ritter

Deutlich weniger bekannt als Walkenried, aber nicht weniger interessant, ist das Kloster Wöltingerrode bei Goslar. Rund ein halbes Jahrhundert nach Walkenried wurde es als Niederlassung der Benediktiner gegründet, doch schon wenige Zeit später in ein Zisterzienserinnenkloster umgewandelt. Lange führte das Kloster ein bescheideneres Dasein im Schatten des mächtigeren Walkenried. Dennoch war auch Wöltingerrode ein aktives klösterliches Wirtschaftszentrum: Die Nonnen erstellten Handschriften und Buchmalerei, betrieben erfolgreich Landwirtschaft, nutzten die Wasserkraft der nahen Bäche für Mühlen und Schmieden und pflegten eine eigene Kräuterkultur, die der medizinischen Versorgung der Umgebung diente.

Was Wöltingerrode heute besonders auszeichnet, ist seine relative Abgeschiedenheit. Das Gelände, auf dem das Kloster einst stand, ist heute größtenteils in ein angenehmes Klosterhotel umgewandelt worden. Doch die Kulturlandschaft ringsum - die alten Teiche, die Obstgärten, die Reste der Klostermauern - erzählt noch immer von einer Zeit, in der hier ein Leben in strenger Ordnung, aber auch in kreativem Wirtschaften gepflegt wurde. Nach einem Brand im Jahre 1676 gründete der damalige Propst eine Brennerei auf dem Klostergut, um finanzielle Mittel für den Wiederaufbau zu erwirtschaften. Es wurde der Grundstein der heutigen Klosterbrennerei Wöltingerrode. Es war eine turbulente Geschichte voller klösterlicher Harmonie, Wohlstand und Zufriedenheit. Doch Konfessionswechsel, Kriege, Zerstörung und Plünderung kamen auch über das Kloster und veränderte es. Die Werte des Brennens, den respektvollen Umgang mit der Natur, das handwerkliche Herstellen nach traditionellen Verfahren und Rezepten sowie das Bewusstsein, dass Gutes seine Zeit braucht, blieb bis heute erhalten.

Getränke mit mehr als 15% Alkohol wurden erst möglich, nachdem Arnaldus de Villanova von einem Kreuzzug das Geheimnis der Destillation nach Europa brachte. Bei der Destillation werden leichter verdampfbare Flüssigkeiten von schweren verdampfbaren Flüssigkeiten getrennt. Kein Brennvorgang gleicht dem anderen. Das Gespür des Brennmeisters und seine Erfahrungen sind ein wesentlicher Faktor für die Qualität des feinen Brandes. Gebrannt wird in zwei Durchgängen. Nach dem ersten Brennvorgang hat man den Rohbrand oder Raubrand, der dann unverändert ein zweites Mal gebrannt wird.

So erhält man einen bereits trinkbaren Brand, dem man als 96%igen Feinbrand gewinnt, der in seiner Reinheit und Qualität unübertroffen ist und als Basis aller edlen Feinbrände der Brennerei dient. Dazu wird er allerdingt durch Spindeln auf einen Alkoholgehalt von 38,5% reduziert. Durch die Lagerung in Eichenfässern kann zum Beispiel der Edelkorn in einem Jahr Aroma und Geschmack entfalten und zu einem Genuss reifen.

Auch wenn von den Zistersiensern heute wenig erhalten ist, sind sie uns doch mit einigen Lebensmitteln verbunden: Den Klosterkäse aus französischen Abteien, den Weinen aus den Klosterkellern und den genannten Destillaten, die häufig als Klostergeist oder Abtei-Likör noch immer produziert werden. Wöltingerrode steht exemplarisch für jene Klöster des Harzvorlandes, deren Tradition still weiterlebt - nicht in großen Produktionsstätten, sondern in regionalen Spezialitäten, in einer handwerklichen Kleinbrennerei, in der das Wissen von Generationen gepflegt wird.

Bad Gandersheimer Dom

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Von Traveler100 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Bad Gandersheim

Keine andere klösterliche Gründung im Harzvorland hat mehr Geschichte geschrieben als das Stift Gandersheim. Es ist schon einige Jahrhunderte älter und wurde im Jahr 852 von den Liudolfingern - dem Geschlecht, das wenig später als Ottonen Könige und Kaiser stellen sollte - gegründet. Gandersheim entwickelte sich zu einem der einflussreichsten Frauenstifter des mittelalterlichen Reiches. Es war - wie in späteren Zeiten Wöltingerrode - kein Kloster im strengen Sinne, sondern ein Damenstift, in dem adlige Frauen ein geistliches Leben führen konnten, ohne den engen Beschränkungen des Ordenswesens zu unterliegen. Sie behielten ihren eigenen Besitz, konnten das Stift verlassen, um zu heiraten, und genossen eine Bildung, die für Frauen ihrer Zeit außergewöhnlich war.

Aus dieser außergewöhnlichen Institution ging eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des frühen Mittelalters hervor: Hrotsvith von Gandersheim. Die um die Mitte des 10. Jahrhunderts lebende Frau, die man in der modernisierten Sprache meist als Roswitha von Gandersheim kennt, gilt als erste namentlich bekannte Dichterin des deutschen Raumes. Hochgebildet, verfasste sie Legenden, Heldenepen und sechs Dramen in Latein und etablierte sich so in der Nachfolge des antiken Komödie-Dichters Terenz - ein intellektuelles Unternehmen von erstaunlichem Ehrgeiz. Dass eine Frau dieser Zeit überhaupt lesen, schreiben und die antiken Klassiker rezipieren konnte, verdankte nicht nur sie dem Stift Gandersheim, das Bildung als Teil seiner geistlichen Aufgabe verstand.

Neben den intellektuellen Traditionen pflegte das Stift aber auch wirtschaftliche Kompetenz. Gandersheim besaß ausgedehnte Ländereien, Mühlen, Fischteiche und - in späteren Jahrhunderten gut belegt - einen eigenen Weinberg und eine Brauerei. Während man heute meist nur Hybrid-Reben in Regionen nördlich des 50. Breitengrads anbaut, war bis zu Zeiten des Westfälischen Friedens, der den verheerenden Dreißigjährigen Krieg beendete, Weinbau in der Region weit verbreitet. Zwar war der Stiftswein bescheiden im Vergleich zu den schon damals namhaften und großen Rheinweinen, doch hatte er symbolischen Wert: Er war Ausdruck des Reichtums und der Selbstständigkeit einer Institution, die sich stets als ebenbürtig mit den großen Abteien des Reiches verstand. Auch Kräuterliköre und Destillate gehörten zum wirtschaftlichen Repertoire des Stiftes, auch wenn die genauen Rezepte der Nachwelt verloren gegangen sind.

Die Stiftskirche St. Anastasius und Innocentius zählt zu den schönsten ottonischen Kirchen im Norden Deutschlands. Heute liegt die nicht nur im Volksmund auch Bad Gandersheimer Dom genannte Kirche mitten im Zentrum der kleinen Kurstadt und zieht zusammen mit den Bad Gandersheimer Domfestspielen im Sommer alljährlich zahlreiche Besucher an. Die Festspiele finden seit 1959 vor der Kulisse der Stiftskirche statt und sind das bekannteste Theaterfestival Niedersachsens. Wer durch die Gassen der Altstadt flaniert, kann in kleinen Läden regionale Spezialitäten erwerben.

Kloster Brunshausen

Brunshausen

Nur einen Kilometer von Bad Gandersheim entfernt liegt Brunshausen. Dort kann man sich auf eine Zeitreise zu den Anfängen der Gandersheimer Geschichte begeben, denn hier lag die erste Heimat des späteren Stifts, an dem die Liudolfingerin Oda und ihr Gemahl Liudulf um das Jahr 852 eine erste klösterliche Gemeinschaft gründeten, deren Sitz später nach Gandersheim verlegt wurde. Doch das kleine Kloster in Brunshausen blieb bestehen, erst als Priorat des Gandersheimer Stifts und später mit einer eigenen Wirtschaftsstruktur.

Es war die von Martin Luther angestoßene Reformation, die den alten und teilweise verkrusteten Klöstern in Norddeutschland neues Leben ermöglichten. Wie viele andere Klöster im Norden wurde auch Brunshausen in ein weltliches Domänengut umgewandelt. Die Klostergebäude wurden zu Scheunen, Ställen und Wohnhäusern - ein Schicksal, das ihnen paradoxerweise den Verfall ersparte, der andernorts vielen aufgegebenen Klöstern drohte. So blieb auch die romanische Klosterkirche St. Georg aus dem 12. Jahrhundert bis heute erhalten und gehört zu den stimmungsvollsten Sakralräumen der Region. Ihre schlichten, fast archaisch wirkenden Formen erinnern daran, wie früh hier Gemeinschaftsleben im religiösen Sinne begann.

Nach einer wechselvollen Geschichte verwandelte man das Kloster im letzten halben Jahr des Zweiten Weltkriegs in ein Konzentrationslager, das als Außenlager des KZ Buchenwald diente. Wenige Meter entfernt ließ der Flugzeughersteller Heinkel von einer örtlichen Werkzeugfabrik Teile für seine als Nachtjäger "Moskito" bekannten Flugzeuge produzieren.

Im Oktober 1944 kamen für die Arbeit die ersten 200 Häftlinge daus Buchenwald an, später kamen weitere aus Dachau und Sachsenhausen. Bis zu fast 600 Häftlinge mussten als zu Höchstleistungen gedrängte Zwangsarbeiter unter extrem schlechten Bedingungen versuchen zu überleben. Die ersten Monate in der verwahrlosten und winterkalten Kirche des aufgelösten Klosters. Viele erkrankten an Tuberkulose und starben entkräftet. Als das Lager Anfang April 1945 aufgelöst wurde, folgte ein dreiwöchiger Todesmarsch ohne Wasser und Nahrung nach Dachau. Nur noch ein Bruchteil der Gefangenen erlebte dessen Befreiung durch die amerikanischen Truppen. Der damals mit seiner Kollegin Marguerite Dumas verheiratete französische Schriftsteller Robert Antelme war als Résistance-Kämpfer einer der Gefangenen.

Nach Frankreich zurückgekehrt schrieb er sein bedrückendes Buch Das Menschengeschlecht, das Leben und Sterben im KZ und auf dem Transport schildert. Es wurde zum autobiographischen Standardwerk über die industrielle Massenvernichtung. Antelmes Sprachstil vermittelt einen guten Eindruck der Todesmaschinerie. Er selbst war durch die erlebten Gräuel ein gebrochener Mann. Heute erinnert in der Klosterkirche und in Teilen der Klostergebäudes ein Museum an die Geschichte Brunshausens, des Stiftes Gandersheim und auch der kurzen KZ-Vergangenheit.

Inzwischen ist das Domänengut Brunshausen in Privatbesitz der Familie Löning und beim Spaziergang durch den Garten und Innenhof kann man die Figuren des Autodidakten Bernhard Löning entdecken, der sich über die Jahre einen Namen mit seiner Kunst gemacht hat. Seine Keramiken und Betonskulpturen gehen mit der Bepflanzung und den Gebäuden eine eigenwillige Symbiose ein. Angefangen hatte er damit in den späten 1970er Jahren als er als landwirtschaftlicher Berater arbeitete.

Sein Sohn Benno und Schwiegertochter Anna, die heute nach Rückkehr aus New York den Klosterhof mitCafé, Gästehaus und Hofladen betreiben, sind interessante Gesprächspartner für alle Liebhaber regionaler Produkte, denn man pflegt dort traditionelle Handwerkstechniken und vermittelt sehr authentisch die klösterliche Vergangenheit des Orte. Kräutergärten nach mittelalterlichem Vorbild werden angelegt und gepflegt - ein Zeichen dafür, dass das Wissen der Mönche und Nonnen nicht vollständig verloren gegangen ist. Zwischen April und Oktober haben die Lönings im Garten die Brunshäuser Wunderkammer eingerichtet, wo gemütliche Sitzgelegenheiten und üppig gefüllte Bücherregale zum Verweilen einladen. Der Ort bietet die richtige Stimmung, um zur Ruhe zu kommen und die kleine Auszeit zu genießen. Im Gästehaus wird bewusst auf Radio und Fernsehen verzichtet, ein Esszimmer lädt zum gemütlichen Abend ein und ein kleines Lesezimmer zum Schmökern. Großartig der Haus & Hofladen, dessen exzellente Auswahl man nicht erwarten würde. Erstklassiges Werkzeug liegt neben Bürsten, ausgewählten Gewürzmischungen, Feinkost und Destillaten. Da freut man sich auf eine Tasse Kaffee im Café́ im Klosterhof, die der Familie hilft, den Garten zu pflegen und weiterzuentwickeln.

Cornelia und Florian Mangold in ihrem Café

(c) Michael Ritter

Brau- und Destillationskunst

Im Harzvorland spiegelt sich die Geschichte in einer Reihe von regionalen Spezialitäten wider. Der Harzer Kräuterlikör ist dabei vielleicht die bekannteste Spezialität der Region. Auf Basis verschiedener Wildkräuter, die auf den Wiesen und in den Wäldern des Harz und seines Vorlands gesammelt werden - Waldmeister, Schafgarbe, Wermut, Thymian, Quendel, wilder Majoran - stellte man ein Destillat her, das sowohl als Digestif als auch als Hausmittel bekannt ist. Manche der heute noch erhältlichen Rezepturen gehen auf klösterliche Überlieferungen zurück. Wenige Kilometer von Walkenried entfernt liegt die traditionsreiche Destillerie Nordhausen. Auch sie hat Niedersachsen-Bezug, nachdem Ernst Albrecht, der einstige Ministerpräsident des Landes und Vater der EU-Ratspräsidentin Ursula von der Leyen, im Jahr 1991 den einst größten Spirituosenhersteller der DDR als Vorsitzender des Aufsichtsrats und Miteigentümer übernahm. Später wurde das erfolgreiche Unternehmen Teil der ihrerseits von Rotkäppchen-Mumm übernommenen Eckes AG.. Nordhausen ist vor allem für ihren Korn bekannt - den Nordhäuser Doppelkorn, der seit dem 16. Jahrhundert hergestellt wird und als einer der ältesten deutschen Kornbrände gilt. Dass die Tradition der der Klöster später in die weltlichen Brennerei eingeflossen ist, kann man vielerorts erfahren. Die Mönche lehrten, die Laien perfektionierten - und was einst als Heilmittel begann, wurde zur später zur regionalen Spezialität.

Zum Beispiel der Schierker Feuerstein, den man verarbeitet als Praline zum Beispiel in der Konditorei Mangold in Bad Lauterberg genießen kann. Vor über 100 Jahren hatte in dem kleinen Ort, der heute zu Wernigerode gehört, der Apotheker Willy Drube ein gutes Gespür für das ideale Zusammenspiel wohlschmeckender Kräuter und Wurzeln. Nahe des Brockengipfels gelegen, hatte sich Schierke als Luftkurort einen Namen als "St. Moritz des Nordens" gemacht und Drube kreierte für seine Apotheke “Zum Roten Fingerhut” ein Getränk, das die Kunden nach einem guten Essen genießen konnten. Sein Wissen über die Kräuter, ihre Wirkung, ihren Geruch und Geschmack ließen ihn so lange experimentieren bis er das perfekte Rezept im Jahr 1908 gefunden hat. Der Schierker Feuerstein war geboren.

Besonders pittoresk ist der Blick auf die kleinen Handwerksbrenner der Region. In den Dörfern rund um den Harz haben sich in den letzten Jahrzahnten mehrere Kleinbrenner etabliert, die mit regionalen Rohstoffen - Äpfeln aus alten Streuobstwiesen, Kirschen aus Hausgarten, Wildkräutern aus dem Wald - hochwertige Brände und Liköre produzieren. Einige davon berufen sich explizit auf die klösterliche Tradition und kooperieren mit historisch interessierten Gruppen, um alte Rezepturen zu rekonstruieren. Das Ergebnis sind Destillate von hoher Qualität, die als regionale Spezialität eine eigene Identität entwickeln und sich bewusst von industriellen Produkten abgrenzen.

Die Spirituosenmanufaktur Hammerschmiede in Zorge wurde vor gut 40 Jahren gegründet und bietet seit Anfang des Jahrtausends exklusive Liköre, Spirituosen und Brände an – ausschließlich aus natürlichen Produkten. Auch dort darf ein harztypischer Kräuterlikör nicht fehlen, doch dazu gibt es über fünfzig exzellente Spirituosensorten. Besonders stolz ist man dort auf den hauseigenen Single Malt Whiskey.

Wie Schottland und Irland ist auch der Harz traditionell eher eine "Arme-Leute-Region", die durch diverse Landesherren regelrecht ausgeplündert wurde und wo man der Natur die Lebensgrundlagen mühevoll abringen musste. Das Klima eignete sich gut für Gerste, das durch seine Granen robuste aber undankbarste Getreide. Da viele Bewohner des Harzes im Bergbau arbeiteten, hatten sie als Bergfreiheiten einige Privilegien, wie die Befreiung vom Wehrdienst und das steuerfreie Brau- und Brennrecht. War das Ergebnis der Brände damals meist nur für den Hausgebrauch, hat sind bei den neuen Brennern das Ergebnis deutlich perfektioniert. Der Elsburn der Manufaktur gilt als mildester Whiskey der Region. Seinen Namen hat er vom Tal der Els, die durch Zorge fließt. Mit Emperor’ s Way hat man dort einen holzgeräucherten Single Mal im Angebot, der auf die Hochmoore und den Torf des Oberharz verweist. Damals mussten Kaiser und Könige im Mittelalter hier auf ihren Reisen zu den Pfalzen und Reichstagen vorbeikommen.

Einen Überblick über das Brauwesen kann man sich im Brauhaus Goslar verschaffen. Im Herzen der Altstadt gelegen, lädt das Gasthaus seit Jahrhunderten zum Verweilen, Schmausen und einen Glas der allseits beliebten Gose ein. Gose gilt als das Harzer Urbier und hat, wie die Stadt, seinen Namen vom Flüsschen, das einige Meter hinter dem Brauhaus durch den Ort fließt. Die Spuren des Traditionsbieres lassen sich bis ins Jahr 995 zurückverfolgen, als Kaiser Otto III. es genossen haben soll. Sein Geschmack machte es zum Exportschlager und nachdem die Stadt 1552 die Rechte am Rammelsberger Bergbau an das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel verlor, etablierte man als freien Reichsstadt den Bierexport als Ersatzwirtschaft und vergab mehr als 380 ”Braugerechtigkeiten” – das Recht, Bier herzustellen. Gebraut wurde damals nach der Spontangärung, bei der die Maische in offenen Gärbottichen in den Kellern lagerte. Die Bierhefen gelangten dann spontan von den feuchten Decken und Wänden der Gewölbe in die Kessel und gärten den Sud - wenn alles gut lief - zu Bier. Sonst war das Ergebnis Essig. Ab 1800 konnte man Bierhefe gezielt züchten und einzusetzen, was die Qualität verbesserte. Doch Goslar blieb bei der Spontangärung, was letztendlich aber die Produktion einige Zeit später zum Erliegen brachte. Seit 2004 hat Braumeister Odin Paul die Herstellung des naturtrüben obergärigen Harzer Urbieres übernommen.

Unweit vom Harz liegt im Vorland auch die alte Hansestadt Einbeck, der Geburtsort des Bockbiers. Mit der Vergabe des Stadtrechtes im Jahr 1240 durch die Söhne Heinrichs des Löwen war auch ein Braurecht für die Bürger verbunden. Das im Mittelalter gebraute obergärige Bier galt als Luxusware und wurde über weite Strecken, unter anderem bis nach Italien, exportiert. Um die dafür nötige Haltbarkeit zu erreichen, braute man Bier mit höherem Alkoholgehalt. Dazu maischte man es mit einem ungewöhnlich hohen Stammwürze Gehalt ein. Das vergorene Resultat war ein schweres, alkoholreiches Bier, das man noch heute nicht nur vor Ort verkosten kann. Auch die Wittelsbacher in München ließen sich erst beliefern und kopierten dann das Ergebnis in ihrem Hofbräuhaus.

Harzer Roller

Harzer Käse 13 WikiCheese Lokal K.jpg
Von Elke Wetzig - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Der Harzer Roller

Kein Artikel über klösterliche Nahrung im Harz und seinem Vorland wäre vollständig ohne den Harzer Roller. Dieser kleinen, schroffen Käsesorte aus Sauermilch verdankt die Region einen Ruf weit über die deutschen Grenzen hinaus. Manchmal nennt man ihn auch Hand- oder Körnerkäse und er ist eines der wenigen deutschen Lebensmittel mit geschützter geografischer Angabe. Hergestellt wird er traditionell ohne Zugabe von Lab. Es ist die natürliche Milchsäuregärung, die ihm Unverwechselbarkeit verleiht, die er durch seinen kräftig-säuerlichen Geschmack hat. Auch die Klöster pflegten ihre eigene Käsekultur und perfektionierten die Kunst der Milchverarbeitung auf ihren Gütern.

Daneben galt der Honig als Süßungsmittel und Basis fermentierten Met, ein Getränk, das im Mittelalter weit verbreitet war und Bier in seiner Bedeutung kaum nachstand.

Für die Klöster waren Bienen nicht nur als ein frommes Haustier, sondern wirtschaftliche Ressource. Bienenwachs brauchte man für die Kerzen - Strom gab es noch nicht - und diese waren ein Grundbedürfnis jeder nicht nur religiösen Gemeinschaft.

Auch die Bäckerei war in den Klöstern wichtig, denn Brot war im Mittelalter das Grundnahrungsmittel schlechthin, und Klöster, die über Mühlen und Getreide verfügten, konnten ihr Brot selbst herstellen. Dunkelbrote aus Roggen, Mischbrote mit Kümmel und Fenchel, feine Weizensemmeln für hohe Festtage - die Bandbreite der klösterlichen Brotproduktion war erstaunlich groß. Heute gibt es wieder zahlreiche kleine Bäckereien am Harzrand, die Brote anbieten, die nach traditionellen Rezepten gebacken werden, einige davon explizit als Klosterbrot angeboten.




Hospiz Großes Heiliges Kreuz Goslar

(c) Michael Ritter

Verbindende Elemente

Doch was verbindet die besuchten Klöster, wie Walkenried, Wöltingerrode und Brunshausen miteinander? Sie zeigen, dass Gemeinschaft, Handwerk und Spiritualität keine Gegensätze sein müssen. Die Klöster waren nicht wirtschaftlich erfolgreich trotz ihrer religiösen Ausrichtung, sondern wegen ihr. Es war das Bewusstsein von Verantwortung für das Land, die Menschen und die Zukunft, die Mönche und Nonnen oft stärker zu Leistungen antrieb als den herrschenden Adel. Auch in Landwirtschaft, Handwerk und Wissenschaft.

Für manche Menschen unserer Zeit ist diese direkte Verbindung zwischen geistiger Haltung und handwerklicher Exzellenz wichtig und man würde sich freuen, wenn die Zahl derer stiege, die erkennen, dass es besser ist, Produkten aus traditioneller Herstellung den Vorzug gegenüber industriellen Produkten zu geben. Das ist einer der Gründe, die heute Menschen antreibt, solche in Manufakturen erzeugten Produkte zu erleben und sich nicht von der Werbung für Massenartikel einlullen zu lassen. Es geht dabei nicht um Nostalgie, nicht um eine romantisierende Verklärung des Mittelalters, sondern um den Wunsch nach Authentizität, nach Produkten mit Geschichte, nach einem Bewusstsein davon, dass das, was man isst und trinkt, nicht irgendwo herkommt und irgendwie hergestellt wurde. sondern mit einem bewussten Impetus. Das Kunsthandwerk, das im Großen Heiligen Kreuz in Goslar angeboten wird, ist ein gutes Beispiel für die Brauchtumspflege.

Vieles davon scheint fast untergegangen, doch einige Stätten, wie Harzer Klöster und Traditionsbetriebe haben dieses Bewusstsein über Jahrhunderte kultiviert. Die Ruinen, verwandelten Gebäude, restaurierten Kirchen sind deshalb keine toten Denkmäler, sondern lebendige Erinnerungen. Und ihre aus der Tradition erwachsenen Produkte sind aktive Beiträge zu einer regionalen Identität, die sich ihrer Geschichte bewusst ist und aus ihr Kraft schöpft.

Wer den Harz und sein Vorland mit offenen Augen bereist kann all das entdecken: in den stillen Mauern Walkenrieds, in der Brennscheune Wöltingerrode, in der ottonischen Würde Bad Gandersheims und in der Frühzeit und Jetztzeit Brunshausens. Wer dann abends in den noch bewohnbaren Klöstern oder einem der kleinen Gasthäuser der Region sitzt, mit einem regionalen Kräuterlikör die Verdauung fördert oder ein handwerklich gebrautes Bier aus der Region trinkt, wird vielleicht spüren, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist und weitergeht.

(c) Michael Ritter


Gose-Bier im Alten Brauhaus

(c) Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2026