Zu Gast in den USA, Kanada und den Andenstaaten

Trotz Trump & Co einen Besuch wert

Wein, Bier, Wurst und Haute Cuisine in Seattle

Wein, Bier und Wurst und Haute Cuisine in Seattle

Wenn die Sonne scheint, ist das Panorama von der Aussichtsplattform der Space Needle in Seattle spektakulär. 184 Meter erhebt sie sich in den Himmel und erinnert etwas an das Modell des Rauschiffs Orion aus der SciFi-Serie Raumpatrouille. Vielleicht hat sie deren Autoren dort animiert, denn die Century 21 Weltausstellung von 1962, für die sie errichtet wurde, stand ganz im Zeichen des Wettlaufs ins All.

Nur wenige Meilen östlich ragt hinter dem Lake Washington die Gebirgskette der Cascades empor, deren höchster Gipfel, der meist schneebedeckte Mount Rainier keine 100 Kilometer südöstlich fast 4.400 Meter erreicht. Er ist, wie die meisten hohen Gipfel ein Vulkan und ein Glied des pazifischen Feuerrings, der von Feuerland kommend das Rückgrat des amerikanischen Kontinents bildet und sich dann von Alaska über die Aleuten bis zu den Inseln Indonesiens und Neuseeland zieht.

Nach Westen geht der Blick über den weiter Meeresarm Puget Sound hinüber zur gebirgigen Olympic-Halbinsel – Vampirfans als Schauplatz der Twilight-Saga vertraut.

Auf Schlemmertour

Auch Seattle selbst hat als Filmstadt einiges zu bieten. Mark Boeker, der eigentlich Schauspieler ist, doch für den Lebensunterhalt kleine Grüppchen von Feinschmeckern mit Savor Seattle durch die Gastronomie der Stadt begleitet, erzählt den teilnehmenden Damen mit Verschwörermiene, dass im Escala-Hochhaus gegenüber das Penthaus von Christian Grey liegt, in dem sich in „50 Shades of Grey“ die Studentin Anastasia dem sadomasochistischen Milliardär Christian Grey hingibt. Für uns hat er solche Leckerbissen nicht zu bieten, sondern präsentiert uns Seattles ausgesprochen lebendige Food Szene. Mit Microsoft im Vorort Redmond lockt einer der der größten Arbeitgeber immer wieder begabte junge Menschen aus aller Welt in die Region und auch Jeff Bezos von Amazon.com hat als Marktführer des internationalen Internet-Handels einen immer noch wachsenden Bedarf an kreativen Mitarbeitern.

Beim Bummel durch die Stadt fallen einem immer wieder ungewohnte grüne LKWs von AmazonFresh auf, die in Testmärkten wie Seattle die Lieferung von frischen Lebensmitteln übernehmen. Ein Service, der ab 2016 auch in Teilen Deutschlands angeboten werden soll.

Gastronomie-Pionier Tom Douglas hat ausgehend von seiner Dahlia Lounge mit eigener Bäckerei, wo er neben Torten handgemachtes Brot anbietet, die Stadt mit einer Reihe von Restaurants überzogen, die den Lifestyle der erfolgreichen jungen Einwohner und ihre Suche nach regionalem, nachhaltigen und organischen Essen bedient. Alle bieten schicke und schmackhafte Gerichte aus den Küchen der Länder. Seine Serious Pie-Lokale servieren richtig gute und krosse Pizza.

Am Pike Place Maktet

Uli Lengenfeld

(c) Michael Ritter

Ein paar Blocks weiter in Richtung Hafen kommen wir zum Pike Place Market, wo wir Uli Lengenberg treffen, bei dem Mark ab und zu mit seinen Gästen vorbeischaut. Bei Uli geht es um die Wurst. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der kräftige Zweimeter-Mann beliefert die Wetsider, wie die Bewohner Seattles wegen des häufigen Regens gern genannt werden, seit 15 Jahren mit „Uli’s famous sausage“. Nicht nur deutschstämmige Kunden lieben die Nürnberger und Thüringer Rostbratwürste, die aber nur einen kleinen Teil des Sortiments ausmachen. Neben der gut besuchten Bierstube im Besuchermagnet Pike Place Market baut er gerade eine Wurstfabrik in Taiwan, wo er zuvor lebte. Doch Seattles leicht regnerisches Meeresklima bekomme ihm besser, als die schwüle Hitze Taipehs, nur seien die USA leider sehr bürokratisch, klagt er. „In Deutschland entscheidest Du als Metzgermeister selbst über Dein Angebot. Hier brauchst Du für alles eine Genehmigung“. Gerne testet sich Mark bei seinen Touren durch das umfangreiche Angebot des Siegerländers mit unterschiedlichsten Schweine-, Hühner- und Lammwürstchen.

Dann geht’s weiter zu einem Kaffee im Gründungs-Laden eines weiteren Weltunternehmens aus Seattle: Starbucks.

Mit 191.000 Mitarbeitern ist es das größte Unternehmen des Triumvirats zusammen mit Amazon und Microsoft. Was 1971 als Kaffeerösterei mit angeschlossenem Verkauf begann, wurde gut ein Jahrzehnt später durch den Einstieg von Howard Schultz zum heute weltweit agierenden Kaffeehaus. Doch anderes als bei den beiden anderen Unternehmen, die ihre Gründer Bill Gates und Jeff Bezos quasi vom Reißbrett aus aufbauen, hat Schultz einen kleinen Laden groß gemacht und dann übernommen. Die Einrichtung ist bewusst rustikal gewählt. Kaffeesäcke, Holzkisten stehen an den Seiten und in den Regalen. Manchen Kaffeefreunden erscheint dies als Camouflage, denn mit 16,5 Milliarden Umsatz nehmen sie dem Kaffeeriesen Handwerkskunst nicht mehr ab. Auch ein Rechtsstreit mit äthiopischen Kaffeebauern und die Einbehaltung von Trinkgeldern der Arbeitnehmer und die Steuervermeidung in Europa haben dem Ruf des Unternehmens geschadet. Starbucks hat darauf reagiert und in Seattle Kaffeehäuser eröffnet, die ohne das weltbekannte Logo laufen.

Vom Clam Chowder zum Craft Beer

Ein Gericht aus Neuengland, das die Herzen aller Amerikaner erobert hat ist die aus großen Venusmuscheln zubereitete Muschelsuppe Clam Chowder. Sämig wie ein Eintopf wurde sie einst von französischen Seeleuten in die Neue Welt gebracht. Zubereitet wird die Suppe aus Venusmuscheln, Speck oder gepökeltem Schweinefleisch, gewürfelten Kartoffeln, Zwiebeln, weiterem Gemüse, Kräutern wie Dill und Thymian sowie Gewürzen. Der Gastronom Larry Mellums hat den Anspruch, die beste Clam Chowder der USA herzustellen und konnte in zahlreichen Wettbewerben die Menschen davon überzeugen. Heute ist Pike Place Chowder ein Paradies für Freunde der gehaltvollen Suppe.

Auf der anderen Straßenseite organisiert Mark für uns ein paar Streifchen Lachs bei Pike Place Fish, wo Erik Espinoza und seine Kollegen den Fischkauf zum vielbesuchten Toursitenspektakel machen und nach dem Kauf den fangfrischen Heilbutt zum Einpacken an den Stand werfen.

Den Abschluss von Marks Tour bildet meist die Pike Brewing Company, wo mehrere Probiergläser Ale auf die Gäste warten. Deren Gründer Charles und Rose Ann Finkel hatten sich damit 1989 ihren Traum vom Bierbrauen verwirklicht, nachdem sie sich in Europa in die vielfältigen Biere verliebt hatten, während in den USA damals fast nur dünnes Industriebier weniger Braukonzerne zu finden war. Oft sind es herbe bis fruchtige Ales oder cremige Stouts, die auch bei den weiblichen Gästen gut ankommen.

Die Schokoladenseite Seattles

Schokoladenfans können eine Chocolate Indulgence Tour buchen. Präsident Obama sei ein Fan von Fran’s Salted Caramels im Schokoladenmantel verrät Mark. Als Fran Bigelow ihre Patisserie 1982 eröffnete, musste sie viele ihrer Zutaten in Europa suchen, doch in den folgenden Jahrzehnten setzte in den USA eine Reniassance der kunsthandwerklichen Chocolaterie ein, an deren Spitze Manufakturen wie Fran’s zählen.

Fran ist mit dieser neuen Qualitätsoffensive nicht allein. Joe Whinney brachte mit seinem Startup Theo Chocolate erstmals fair gehandelte organische Kakaobohnen in den US-Markt – im boomenden Seattle ein Riesenerfolg mit täglichen Fabriktouren und delikaten Verkostungen.

Seattle für Fischliebhaber

Austern zum Frühstück

(c) Michael Ritter

Eine gute Adresse für Liebhaber von Austern sei ein Besuch bei den traditionsreichen Taylor Shellfish Farms zu empfehlen. Zwar sieht der Laden mehr wie eine Aufzuchtstation aus, doch die Vielfalt der Austern, die weiter nördlich im Puget Sound gezüchtet werden und die man dort im Becken aussuchen und verkosten kann, von der Kumamoto Auster über die Olympia und Shigoku Auster bis zur Virginica und Pacific Auster ist grandios.

Eine lokalen Spezialität ist die Elefantenrüsselmuschel oder kurz Geoduck. Mit bis zu 1,5 kg ist sie die größte Muschel der Welt und wird wegen ihres langen Rüssels auch Penismuschel genannt. Manche lieben die knackige Gurkentextur mit dem erdigen Aroma. Sushi-Fans können wir das Japonessa wärmstens empfehlen, das erstklassige frische Sushi und Sashimi mit einem leichten Latino Flair serviert. Bis 18.30 ist dort Happy Hour!

Kat Singh vor seinen Weinpreisen

(c) Michael Ritter

Auf Weintour in Woodinville

Neben den erwähnten kleinen Brauereien und Schokoladenfabriken haben sich auch Weinproduzenten im Umland Seattles angesiedelt. Einer davon ist der Zahnarzt Kit Singh. Seine Liebe zum französischen Wein ließ ihn vor sechs Jahren in Woodinville seine Lauren Ashton Cellars gründen, wo er seit 2009 Weißweine und Rotwein-Cuvées im Rhone-Stil herstellt. Eigene Weinberge hat er nicht, sondern kauft Trauben von Weinbauern am Red Mountain im trocken-heißen Osten des Landes. Mit der Cuvée Arlette begeisterte er die Tester vom renommierten Wine Enthusiast, die ihm vom Start weg 95 von 100 Punkten gaben.

Woodinville ist mit mehr als 140 Kellereien ein Hotspot für Weintrips von Seattle, bei denen man verschiedene Kellereien von Woodinville auf privaten, exklusiven Ausflügen und Verkostungen kennenlernen kann

Das Ziel der Kellereien von Woodinville ist es Weltklasse-Wein zu erzeugen und man kann in entspannter, angenehmer Atmosphäre etwas darüber lernen, wie in Washington Wein herstellt wird. Mit jeder Kellerei erfährt man ein bisschen mehr über die einheimische Geschichte der Weinherstellung und über die Kunst des Weinanbaus. Diverse Anbieter bieten Touren ab Seattle an, bei denen man mehrere Weingüter, wie Chateau Ste. Michelle, den größten Riesling-Hersteller der Welt, besucht, Weine verkostet und ein typisches Menü serviert bekommt.

Auf der Taste Washington

(c) Michael Ritter

Taste Washington Das beste von Seattle

Die exzellente Gastronomie Seattles bietet ein breites Spektrum davon an – wer früh kommt profitiert oft von der günstigen „Happy Hour“. Ein passender Termin, um die besten Weine und die großartige Gastronomie Seattles kennenzulernen ist die alljährlich Ende März/Anfang April stattfindende „Taste Washington“, die mit der Red & White Party im angesagten Restaurant AQUA by El Gaucho direkt an der Meerespromenade beginnt, wo Küchenchef Wesley Hood kleine Gerichte zu den Weinen verschiedener Produzenten kreiert hat, die ihre Reserves und Fassproben kommender Weine präsentieren.

Viele bezeichnen Taste Washington als ein Bacchanal. Bei den Tastings im CenturyLink Field Event Center kann man die Winzer treffen, die für den Event aus den entlegensten Teilen von Washington State angereist sind, um ihre Weine zu präsentieren.

In Seminaren zeigen sie einige ihrer Schätze und oft kann man bei Vergleichsverkostungen mit großen Namen aus Europa feststellen, dass die Winzer in Washington sich nicht verstecken müssen. Auf der Bühne zeigen die führenden Küchenchefs der Stadt ihr Können vor und mancher davon begleitet einen der Ausflüge zu besuchenswerten Farmen im Umland.

Sowohl Condor, Lufthansa und United bieten ab Frankfurt Direktflüge nach Seattle an, die Entdeckungsfreudige in 10 bis 11 Stunden in die Gourmethochburg an der US-Westküste bringen, mit Umsteigen dauert es ab 2 Stunden länger.

© Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2017