Ratschläge für Musik & Oper

A Chorus Line oder Singing in the Rain

Ensemble

(c) BHF/Steffen Sennewald 2024

Wie passend, dass die Regie in der nicht vorgesehenen Regenpause den Klassiker „Singing in the Rain“ einspielte. Fans cineastischer Klassiker erinnerten sich an Gene Kellys dem Film seinen Namen gebende Tanz- und Gesangseinlage, die darin so mühelos erschien. Auf der Bühne der Stiftsruine sorgt Regen dagegen für echte Probleme, denn diese wird – anders als Orchestergraben und Zuschauerraum – nur an der Rampe vom Zeltdach geschützt und auch das erfolgreiche Broadway-Musical „A Chorus Line“, dass an diesem Nachmittag auf dem Programm der Bad Hersfelder Festspiele steht, ist gespickt mit Tanz- und Gesangseinlagen.

Samantha Turto

(c) BHF/Steffen Sennewald

Bei einer Szene im Musical steht der Sturz eines der Künstler im Drehbuch, der dann ins Krankenhaus muss. Bei Nässe auf dem Parkett kann das jederzeit passieren. Alle sind entsetzt und Zach fragt, was sie tun würden, wenn sie nicht mehr tanzen könnten und diese Karriere beendet wäre? So wunderte sich niemand, dass auch in Bad Hersfeld beim einsetzenden Sommerregen die Regie eine 20-minütige Pause verkündete. Doch als danach die Bühne wieder trocken geschruppt ist, setzt erneut Regen ein. Was tun? Abbrechen und eventuell das Eintrittsgeld rückerstatten? Die Festspielleitung entschloss sich, weiterzuspielen. Das führt zwar während der Regenphasen beim Cast zu einigen Stürzen, doch die gehen zum Glück glimpflich aus und enden nicht im Hospital

Im Musical stellt Star-Choreograph Zach (dargestellt vom Musical-geschulten TV-Darsteller Arne Stephan) unterstützt von seinem Assistenten Larry (der tänzerisch beeindruckende Brite Alan Byland) ein Ensemble für ein neues Musical zusammen. Er sitzt, wie für einen Regisseur üblich, meist mitten im Zuschauersaal. Es ist ein knallharte Ausleseprozessbei dem die Bewerber ihr Bestes geben müssen, um eine Chance zu haben. 17 schaffen es nach dem ersten Vorsprechen und Tanzen in die Auswahl, doch nur acht von ihnen werden am Ende benötigt. Zach fordert mehr von den Darstellerinnen und Darsteller ein, als „nur“ singen, tanzen und spielen zu können. Sie sollen ihm vor versammelter Mannschaft ihr Leben erzählen, warum sie Tänzer geworden sind – ein Seelen-Striptease. Die Handlung basiert dabei zum größten Teil auf den Leben der Darsteller der Original-Besetzung.

Die Idee dazu hatte der Regisseur und Choreograf Michael Bennett. Die Musik stammte von Marvin Hamlish, die Gesangstexte von Edward Kleban und das Buch schrieben James Kirkwood junior und Nicholas Dante. Die auch in Bad Hersfeld gespielte deutsche Fassung stammt von Robin Kulisch.

Nach seinem Start Off-Broadway wurde „A Chorus Line“ mit dem Umzug ins renommierte Shubert Theatre mit über 6.000 Vorstellungen das bis dahin erfolgreichste Broadway-Musicals und lief 15 Jahre lang bis 1990. Auch die Verfilmung im Jahr 1985 mit Michael Douglas in der Rolle des Zach sorgte für volle Kinosäle. Anders als im Film zeigt das Musical, dass Zach früher selbst einmal als Tänzer auftrat. In Bad Hersfeld startete das Stück bereits 2024 und wurde von Publikum und Kritik gefeiert, weshalb man es auch 2025 wieder auf den Spielplan setzte.

Für Zach sind die meisten Darsteller und Darstellerinnen am Anfang für Zach nur Nummern, die sich aufgeregt an der weißen Linie auf der Rampe nebeneinander aufstellen. Jeder und Jede hat eine eigene Geschichte, einen eigenen Hintergrund und Grund mit dem Tanz zu beginnen. Manche sind miteinander verbandelt, manche suchen schon seit einiger Zeit einen Job, andere sind neu inu New York nd hoffen dort auf den Durchbruch. „If I can make it there, I’ll make it anywhere!“ sang schon Frank Sinatra und diese Hoffnung treibt viele von denen, die frisch in die Stadt kommen, um ihre Chance zu ergreifen - wenn man sie ihnen denn bietet. Viele schummeln beim Alter, denn das ist wie Bühnen-Erfahrung Auswahlkriterium beim Casting.

Zach lässt Larry die Setcards einsammeln, die strahlende Gesichter zeigen. Die Kamera fängt ihn oft am Regiepult ein, wo er im Laufe des Castings seine Notizen macht. Er fordert die bewegenden Geschichten der einzelnen Künstler ein. Schnell wird klar, dass es nicht (nur) die Spreu vom Weizen trennen will, sondern ein als Team funktionierendes Ensemble bilden möchte. Das geht nur, wenn sich nicht jeder hinter einer Fassade verbirgt, sondern zeigt, dass Selbstzweifel und Nervosität mit Angst und Wettbewerbsdruck kämpfen. Darum drehen sich auch die Songs, die mal Einzelne, mal mehr oder minder offen die ganze Mannschaft anstimmt von „Ich hoff, ich schaff es“ über „Das krieg ich hin“ bis zu „Oh, Gott, ich brauch’ den Job“.

Auch in diesem Sommer übernahm die renommierte Regisseurin und Choreografin Melissa King die Leitung des mitreißenden, berührenden Stücks mit einem brillanten Ensemble. „Die Figuren haben wir in vielen Gesprächen mit den Darstellern entwickelt und uns gemeinsam gefragt: Wie komme ich zu dem Punkt, dass ich diese Worte sage.“ Eigentlich hätte die an der US-Elite-University Yale als Juristin ausgebildete Amerikanerin Richterin werden sollen, doch ihre mit viel Verve inszenierte Choreografie zeigt, dass auch die Entscheidung des Herzens gut getroffen war. Heute sind ihre Inszenierungen von den deutschsprachigen Musical-Bühnen, die mit Bernsteins West Side Story am Mannheimer Nationaltheater ihren Anfang nahmen, kaum wegzudenken.

Etliche der Darsteller waren schon 2024 bei der Premiere dabei, teils kehrten sie in ihren Rollen, teils mit neuen Aufgaben zurück. Gut gefallen hat uns Pascal Cremer in der Rolle des Bobby, der seine unglückliche Kindheit mit übertriebenen Witzchen übertünchen möchte, was bei den anderen Künstlern nicht gut ankommt. Auch Olivia Grassner, die schon in den Sommernachtsträumen begeisterte, kam beim Publikum wieder gut an, nicht so bei Zach, den die rollenmäßig mit viel Selbstvertrauen präsentierte Lockerheit ärgert. Die ihr trotz ihrer Talente den Einzug ins Ensemble verdirbt. Myrthes Monteiro spielte wieder Diana, die über ihren schrecklichen Schauspielunterricht an der High Scholl informiert („Nichts“). Einige der Darsteller sind ausgezeichnete Tänzer, wie Johan Vandamme als Mike beim Stepptanz beweist, doch gut tanzen können alle. Auch Paul möchte ungern seine Vergangenheit preisgeben, gibt dann aber sehr emotionale Einblicke in Kindheit und Jugend, einen Drag-Act und die Konfrontation mit seiner Männlichkeit und Homosexualität, die seine Eltern dazu bringt, ihn zu verleugnen. Mit Samantha Turner hat Melissa King die Partie der Cassie neu besetzt. Cassie hat bereits als Solistin Erfolge gefeiert und macht ihrem langjährigen Ex- Partner Zach in einem persönlichen Gespräch klar, dass sie sich nicht als Star sieht. Der findet sie zu gut für den Chor, doch letztendlich überzeugt sie ihn, dass sie mit der Arbeit im Chor wieder "nach Hause kommen" will und ihre Leidenschaft für den Tanz ausdrücken kann ("The Music and the Mirror"). Auch bei den anderen Künstlern bewies King viel Gespür bei der Besetzung. Sehr geglückt ist die für viele Stücke in der Stiftsruine notwendige große Orchesterbesetzung, die Gesang und Tanz optimal begleitet. Das gut eingespielte Orchester der Bad Hersfelder Festspiele spielte unter der Leitung von Christoph Wohlleben.

© Michael Ritter

A Chorus Line von James Kirkwood & Nicholas Dante, Musik Marvin Hamlisch, Liedtexte Edward Kleban, Deutsche Fassung Robin Kulisch, Stiftsruine Bad Hersfeld, Bad Hersfelder Festspiele, Besuchte Aufführung 12. Juni 2025, 15 Uhr

Arne Stephan als Zach

(c) BHF/Johannes Schembs 2024

(c) Connaisseur & Gourmet 2026