Elsass einmal anders
Auf der Eurovelo 15, die über den Rhein führt
© Euregio Rhein-Waal / P. Gawandtka / ADT
Vom Weinberg bis zur Street Art
Straßburg, 12. Juni 2026
Das Elsass kann Flammkuchen, Fachwerk und Weinstraße – keine Frage. Doch hinter den bekannten Postkartenmotiven wartet eine Region, die immer wieder überrascht. Zwischen Mikrobrauerei und Brezelworkshop, grenzüberschreitender Fahrradtour und Street Art in historischen Festungsmauern zeigt sich das Elsass kreativ, entspannt und manchmal herrlich unkonventionell. Warum also nicht bekannte Erlebnisse einmal neu denken und das Elsass aus einem anderen Blickwinkel entdecken? Denn wer glaubt, schon alles gesehen zu haben, sollte nochmals genauer hinschauen.
frischt gezapft in der Brauerei Saint-Pierre
© Brasserie Saint-Pierre / ADT
Vom Weinberg in den Sudkessel
Im Elsass einmal „Winzer für einen Tag“ zu sein, gehört inzwischen fast schon zum guten Ton. Reben schneiden, Trauben lesen, ein Glas Riesling direkt beim Produzenten trinken – herrlich entschleunigt und ziemlich instagrammable. Kurz: Das Klischee lebt. Und ja, es macht Spaß.
Aber wie wäre es zur Abwechslung mit Hopfen statt Trauben? Denn das Elsass kann nicht nur Wein, sondern auch Bier – und zwar überraschend kreativ. Zwischen Straßburg und den Vogesen erlebt eine neue Generation von Mikrobrauereien gerade ihren großen Auftritt. Statt Kellerromantik gibt’s Sudkessel, statt Weinprobe eine Verkostung mit Pale Ale oder Rauchbier. Und das Beste dabei: Besucher dürfen oft selbst mit anpacken: Malz schroten, Hopfen dosieren, beim Brauprozess assistieren – plötzlich fühlt man sich weniger als Tourist und mehr als Braumeister auf Zeit. Dazu kommen charmante Brauereien mit Charakter, die zeigen, dass Bier wie der Weinbau eine lange Tradition haben. Also: Wer beim Elsass an Weinstraße denkt, erweitert den Horizont am besten mit einer Schaumkrone vor der Nase. Santé!
Brezeln drehen im Brotmuseum in Sélestat
© V. Eschmann / ADT
Flammkuchen gegessen! Schon mal Brezel gedreht?
Wer im Elsass unterwegs ist und dabei keinen Flammkuchen gegessen hat, ist vermutlich nur rasch durchgefahren. Denn der dünne Boden, Crème fraîche, Speck und Zwiebeln – das kulinarische Pflichtprogramm gehört einfach zum Elsass dazu. Am besten in einer gemütlichen Winstub, wo die ganze Entfaltung an Elsässer Charme auf einen wartet.
Doch wer glaubt, damit die elsässische Backkunst verstanden zu haben, unterschätzt die Brezel. Denn die goldbraune Teigschleife ist hier weit mehr als ein Snack für zwischendurch. Im Elsass wird sie zelebriert – und man kann sogar lernen, sie selbst zu formen. Zum Beispiel im „Maison du Pain d’Alsace“ in Sélestat. Dort dreht sich alles um Mehl, Handwerk und Hefeteig mit Tradition. Besucher dürfen kneten, rollen und vor allem versuchen, aus einem Teigstrang eine halbwegs ansehnliche Brezel zu formen. Was bei Bäckern federleicht aussieht, endet bei Laien gerne irgendwo zwischen Achterbahn und moderner Kunst. Doch gerade das macht den Reiz aus. Statt nur zu probieren, wird selbst gebacken – inklusive Mehl an den Fingern und großem Respekt vor dem Bäckerhandwerk. Und am Ende schmeckt die eigene Brezel sowieso am besten. Selbst wenn sie aussieht wie ein missglücktes Fahrradschloss.
Auf der Eurovelo 15, die über den Rhein führt
© Euregio Rhein-Waal / P. Gawandtka / ADT
Nach dem Weingenuss die Grenzen austesten
Die Elsässer Weinstraße ist ein Klassiker, den man erlebt haben muss. Fachwerkdörfer, Reben bis zum Horizont, dazu Radfahrer in Funktionskleidung, die aussehen, als hätten sie die Tour de France geplant. Ob mit Auto, E-Bike oder genussvoll im Wandertempo – das Ziel ist, den Weg mit Elsässer DNA und edlen Tropfen zu säumen.
Wer die Weinstraße bereits wie seine Hosentasche kennt, verlässt das klassische Postkarten-Elsass und probiert mal die mondänere Seite der Region aus. Denn rund um den Rhein wird aus einer Fahrradtour schnell eine internationale Angelegenheit. Auf grenzüberschreitenden Routen wechseln Radfahrer scheinbar nebenbei zwischen Frankreich, der Schweiz und Deutschland hin und her. Mal geht es durch kleine badische Dörfer, mal durch den Schweizer Jura, dann wieder durchs Elsass, vorbei an Rheinauen, Fachwerkhäusern und Picknickplätzen mit zwei Sprachen auf der Speisekarte.
Das Schöne daran: Die Grenze spielt hier plötzlich keine Rolle mehr – außer vielleicht beim Akzent. Statt einer klassischen Strecke entsteht ein kleines Europa-Abenteuer auf zwei Rädern. Nun wird klar, weshalb sich die Elsässer als Europäer verstehen.
Auf einem Apero-Boot im Hafen von Saverne
© Bartosch Salmanski
Straßburg für Entdecker- Saverne für Romantiker
Eine Fahrt mit dem Boot durch Straßburg eröffnet einen ganz anderen Blick auf die Stadt. Wer mit Batorama durch die Ill schippert und dabei an Fachwerkhäusern und dem Europaparlament vorbeigleitet wird sich fragen, wie viele Fotos vom Münster noch aufs Handy passen – all das hat definitiv seinen Reiz. Wer lieber entschleunigt, sollte statt der Sehenswürdigkeiten abzuhaken, lieber Kurs Richtung Saverne setzen. Das Städtchen am Rhein-Marne-Kanal zeigt, dass Bootsromantik auch ohne große Kulisse funktioniert. Dort tuckern Besucher statt im Ausflugsschiff auf kleine Elektro-Boote einfach selbst durch die Stadt - ohne Führerschein, aber mit Muße geht`s vorbei an alten Schleusen, begrüntem Ufer und man genießt die angenehme Erkenntnis, dass man keine E-Mails beantworten muss, wenn beide Hände am Steuer sind. Der Trend zum Vintage-Boot passt perfekt zur Atmosphäre: ein bisschen Retro, ziemlich entspannt und überraschend meditativ. Während Straßburg das große Panorama liefert, schenkt Saverne etwas Seltenes: Entschleunigung pur. Und manchmal ist genau das die größere Attraktion.
Next Level Streetart
Alte Bauernhäuser, traditionelle Handwerkskunst, historische Werkstätten gehören zu den bekanntesten Ausflugszielen der Region, an denen man das Elsass so erlebt, wie es sich auf nostalgischen Reisebildern vorstellt. Ein bisschen Zeitreise, ein bisschen Postkartenidylle.
Doch das Elsass kann auch überraschend laut, modern und rebellisch sein. Wer statt Trachten lieber Spraydosen sehen möchte, sollte einen Abstecher nach Neuf-Brisach machen. Hinter den Mauern der ehemaligen Vauban-Zitadelle trifft militärische Geschichte auf internationale Street-Art-Szene, denn heute dienen die alten Festungsmauern als gigantische Leinwand für Künstler aus aller Welt. Farben explodieren dort, wo früher Kanonen standen. Zwischen Graffiti, Urban Art und monumentalen Wandbildern entsteht ein Kontrast, der überraschend gut funktioniert. Gerade das macht den Ort spannend: Statt Heimatmuseum mit Geranienkästen gibt es hier Kunst mit Haltung, Humor und manchmal auch einer Portion Provokation. Das moderne Elsass zeigt sich nicht nur in Fachwerkhäusern – manchmal sogar auf Beton.
(c) Connaisseur & Gourmet 2026
