Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Die Marken - Heimat des Verdicchio

Blick über die Marken

Italiens beste Rotweine, wie Amarone, Barolo, Barbaresco, Brunello und Chianti Classico, um nur einige zu nennen, haben schon lange Eingang in die Weinkeller von Weinfreunden in aller Welt gefunden, doch seit ein paar Jahrzehnten tut sich auch etwas an der Weißweinfront. Friulano und Pinot Grigio aus dem Collio, Vitovska und Malvasia vom Karst, Trebbiano di Lugana und Custoza vom Südufer des Gardasees, Greco di Tufo und Falanghina aus Kalabrien, Vermentino von Sardinien finden nicht nur Aufnahme in die elitäre Riege der 3-Gläser-Weine des Gambero Rosso, sondern auch in die Weinkarten experimentierfreudiger Sommeliers.

Verdicchio-Reben

(c) Michael Ritter

Die Renaissance des Verdicchio

Bambule der Fattoria Coroncino

(c) Michael Ritter

Die Marken bilden die Mitte Italiens, liegen quasi an der Wade des „Stiefels“. Hier vereint sich das wilde Temperament des Südens mit der Eleganz des Nordens. Der größte Schatz der Region – abgesehen von Trüffeln, die hier in ausgezeichneter Qualität gedeihen und über die wir schon einmal berichtet haben – ist der weiße Verdicchio, der inzwischen zu den wichtigsten Weißweintrauben Italiens zählt.

Meist wird er reinsortig ausgebaut, je nach Typ im Stahltank, im großen Holzfass oder (seltener) im Barrique. Er hat einen ganz charakteristischen Duft nach Aprikosen, Fenchel und Salbei und dabei eine feine Würzigkeit, die ihn uns ungehemmt genießen lassen. Die Marken etablieren sich damit Jahr für Jahr mehr als Italiens Top-Weißwein-Region und drohen die alte Übermacht der Rotweine zu kippen.

Im Schatten der benachbarten Toskana und Umbriens sind sie für Entdecker ein mehr als empfehlenswertes Reiseziel, an die auch diese Region mit ihrem Mix aus Oliven, Weizen, Wein, den befestigten Örtchen auf den Hügeln, bewaldeten Bergen und den zur Küste strömenden Flüsschen ein wenig erinnert. Kaum eine andere Region Italiens ist stärker vom Tourismus geprägt als die nahe Adriaküste, an der sich allsommerlich Touristenmassen am Strand räkeln. Dennoch bleibt das Landesinnere mit seinen geschichtsträchtigen und hübschen Städtchen erstaunlich unentdeckt.

Eines davon ist das von beeindruckenden Stadtmauern umgebende Jesi, Heimat des Verdicchios, der meist nur Italienkennern wirklich bekannt ist. Die schon seit den Zeiten der Etrusker gepflanzte Rebsorte wird hier seit dem 14. Jahrhundert angebaut. Als „Verdicchio dei Castelli di Jesi” hat sie den Status eines “Classico Superiore”.

Ampelographisch stammt die Traube von der mittelitalienischen Trebbiano- oder der süditalienischen Greco-Familie ab. Der spät reifende Wein ist zwar wuchsstark aber ertragsschwach. Dicht gepackt ist die Traube fäulnisempfindlich, braucht viel Pflege und liebt die gute Durchlüftung des Weinbergs. In seiner einfachsten Form ist der knackig-frische Wein ein preiswerter Durstlöscher, den man – im großen Stahltank großer Weinkeller abgefüllt - auf den Getränkekarten vieler einfacher Lokale findet.

Was lange als billiger Industriewein bei italienischen Weinliebhabern verschrien war, hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert zu einem knackigen aber stoffigen Wein entwickelt, der als Classico und Riserva mit einer großartigen Struktur perfekt zu Meeresfrüchten und Fisch passt. Die einfacheren Weine der beiden DOCs sind fast alle unkompliziert, beeindrucken durch ihre schöne salzige und ans nahe Meer erinnernde Mineralität und die feine Bitternote und sind in der Basisqualität schon zu Preisen um die 6 Euro zu bekommen.

Jesi

(c) Michael Ritter

Bummel durch Jesi

Stuckgallerie im Palazzo Pianetti in Jesi

(c) Michael Ritter

Beim Bummel durch Jesi kann man sich davon gut überzeugen. Das historische Zentrum ist voller Kultur und sehr lebendig. Zuvor beeindruckt die auf römischen Fundamenten errichtete gewaltige Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert. Riesige Stützpfeiler und mächtige Wehrtürme sichern sie ab und heute wie vor 600 Jahren umschließt sie die engen Gassen der Altstadt, die zu Entdeckungsreisen verlocken.

In einem der Altstadt-Gebäude ist das Istituto Marchigiano di Tutela Vini, zu Hause. Das regionale Konsortium der Weine der Marken ist stolz auf die Produkte der Region. Sportfans kennen die aus Jesi stammende Florettfechterin Elisa Di Francisca. Die Sportlerin des Jahres holte mehrfach Gold bei Olympiade, Welt- und Europameisterschaften und vertritt das Konsortium weltweit als Botschafterin für den Verdicchio.

Der frühere Stadtstaat mit seinen 40.000 Einwohnern geht auf Umbrer und Etrusker zurück. Von den Römern ging er an Byzanz, dann an die Kirche und die Grafschaft Marche. Friedrich II., der spätere große Stauferkaiser, wurde 1194 in einem Zeltlager auf dem alten römischen Forum im Zentrum der Stadt geboren und verlieh ihr später den Rang einer Reichsstadt. Nach dem Ende der Staufer rangelten sich Adelsfamilien um die Macht bis man sie 1447 an den Kirchenstaat verkaufte und ihr wirtschaftlicher Niedergang begann.

Jesi war einst eine Stadt der Künste. Der Renaissancekünstler Lorenzo Lotto schuf berühmte Werke für die Kirchen der Stadt und die Komponisten Giovanni Battista Pergolesi und Gaspare Spontini wuchsen hier auf. An Pergolesi erinnert das 1798 eröffnete Theater an der großen Piazza della Republica, das man nach ihm benannte und in dem allherbstlich ein anspruchsvolles Opernprogramm über die Bühne geht.

An der nahen Piazza Colocci zeugt der aus der Renaissance stammende Palazzo della Signoria mit dem zum Sprung ansetzenden Löwe über dem Eingang von der einstigen Macht. In seinem Inneren beeindruckt Andrea Sansovinos dreirangiger Innenhof.

Viele Einwohner und Besucher schlendern abends bei der „passeggiata“ über den pfeilgeraden Corso Matteotti, der sich bis zum abschließenden Torbogen durchs historische Zentrum zieht, kehren in die Bars und Cafés ein und tauschen sich aus. Biegt man nach links ab, gelangt man zur via XV Settembre mit dem pompösen Palazzo Pianetti. Wer unvorbereitet eintritt, wird schier erschlagen von der Rokokopracht in seinem Inneren und den üppigen Stuckaturen entlang der 76 Meter langen Galerie.

Im Palast ist die Pinoteca Comunale zu Hause, die neben Werken regionaler Künstler sehenswerte Arbeiten Lorenzo Lottos beherbergt. Wunderschön liegt dahinter ein kleiner Park, von dem man weit in die Landschaft blickt.

Wer den Blick weiterhin genießen will, dem sei die neben dem Theater liegende Hostaria dietro le Quinte empfohlen, das wahrscheinlich beste Restaurant der Stadt. Niemand erwartet beim Eintreten die herrliche Terrasse mit dem kleinen Garten. Schon die ausgefallenen Vorspeisen lohnen den Besuch, ausgezeichnet der gebratene Oktopus mit halbtrockener Zwiebel, Erbsen und Fenchel. Exzellenter Begleiter zum Dessert: der Bambule, ein Verdicchio di Jesi Passito von der Fattoria Coroncino.

Coroncino

Werinberge in den Marken

(c) Michael Ritter

Die beiden Verdicchio DOC Anbaugebite

Zurück zum Wein: Die Rebfläche für den Verdicchio dei Castelli di Jesi liegt derzeit bei rund 3.000 Hektar. Die des Verdicchio di Matelica, auf den wir später zurückkommen werden, ist mit gut 300 Hektar wesentlich kleiner. Noch immer gibt es industriell gefertigte Verdicchios in der einst typischen Amphorenflasche, doch inzwischen haben die einst unerfahrenen kleinen Winzer und einige Genossenschaften dazugelernt und die Weine, die wir auf der Reise verkosten, unterscheiden sich massiv von den fast öligen gelben Weinen, die ich während des Studiums bei Besuchen der Region in den Trattorien im Hinterland vorgesetzt bekam.

Damals merkte man, dass die Winzer im Chianti-Gebiet den Kollegen aus den Marken einen Schritt voraus waren. Inzwischen haben sie aufgeholt und das Konsortium achtet bei den DOC und DOCG-Weinen streng auf Qualität.

Stefano Antonucci von Santa Barbara

(c) Michael Ritter

Stefano Antonucci und sein Weingut Santa Barbara

Unser erster Besuch führt uns zum Weingut Santa Barbara und damit gleich zu einem der besten Produzenten der Marken und lokalen Stars der Weinszene: Stefano Antonucci. Die Weine des früheren Bankiers zeichnen sich durch frische Frucht und Eleganz aus. Das milde Mikroklima und die frische Meeresluft geben den seinen Weinen ihren ganz eigenen Charakter.

Seine rund 40 Hektar Rebfläche erstrecken sich von den Hügeln am Meer bis zu den Füßen den Apennin im Hinterland. Verdicchio aller Preisklassen machen fast drei Viertel seiner Produktion aus passen alle sehr gut zum Essen. Antonuccis Verdicchio Le Vaglie aus spät gelesenen Trauben, im großen Holzfaß ausgebaut, bekommt man in Italiens Supermärkten schon für rund 9 Euro und er bietet damit ein Preis-Leistungs-Verhältnis, dass einen fast süchtig werden lässt. Obwohl er selbst seine Weine am liebsten frisch trinkt, ist Stefano immer wieder begeistert von der Komplexität der alten Jahrgänge, die manchmal an Grand Crus aus dem Burgund erinnern.

Kein Wunder also, dass etliche Weinexperten rund um den Globus Verdicchio zu den größten Weißweinen Italiens zählen und dringend davon abraten, ihn zu früh als kaum abgefülltes „Baby“ zu trinken. Wer dem Wein ein paar Jahre Reife, also je nach Qualität bis zu fünf oder gar zehn Jahre und mehr in der Flasche gönnt, tut sich selbst einen Gefallen. Nicht nur bei Stefano Antonucci, auch bei weiteren Vertikalverkostungen durften wir erleben, dass ältere Weine aus den Jahren des letzten Jahrzehnts mit toller Reife und Komplexität beeindrucken und DIE Highlights der Recherchereise waren.

Für eine gute Selektion oder einen Riserva muss man in Deutschland meist um die 12 € ausgeben, wer große komplexe Verdicchio Riservas, wie Santa Barbaras Castelli dei Jesi Verdicchio Riserva DOCG Stefano Antonucci zu schätzen weiß, bekommt für rund 40 Euro einen großen Wein mit exotischer Finesse und feinem Schmelz. Auch andere Topweine liegen annähernd in dieser Preislage. Unser Tipp: Wer eine Kiste (oder mehr) des Le Vaglie zehn Jahre im Keller vergisst, wird voraussichtlich nicht enttäuscht werden.

Bei den einfacheren Weinen ist es oft eine Frage des Typs, ob man fruchtbetonte Weine oder ein vom langen Hefelager im Stahl geprägtes Produkt bevorzugt, das reif und mineralisch durch sein Rückgrat überzeugt.

Jesis bestes Hotel, das Hotel Federico II. liegt leider rund 4 Kilometer außerhalb der Altstadt in der Nähe des Industriegebiets, doch spürt man davon in dem großen umgebenden Privatpark nichts. Nur etwa 10 Minuten vom Flughafen Ancona entfernt, bietet das sehr saubere und moderne Hotel alle Annehmlichkeiten mit Spa, Wellness Center und riesigem Hallenbad.

Le Vaglie

Giovanni Marotti Campi

(c) Michael Ritter

Marotti Campi

Lacrima di Morro d"Alba bei Marotti Campi

Lacrima di Morro d'Alba

(c) Michael Ritter

Am nächsten Morgen steht ein Besuch bei Marotti Campi auf dem Programm. Das mit 56 Hektar mittelgroße Weingut liegt im Ort Morro d´Alba, der namensgebend für den Lacrima di Morro d’Alba (Die Träne des Schwarzen) war, einem - wie der Name schon vermuten lässt – Rotwein aus der gleichnamigen Rebsorte Lacrima, aus dem das Weingut neben dem im Stahltank ausgebauten Basiswein Rubico, der etwas an den einfachen Dornfelder erinnert, den sehr viel ansprechenderen kräftigen Superiore Orgiolo voller Frucht und Würze, mit deutlichen Noten von Wacholder, Pfeffer, Heidelbeere und Lavendel herstellt. Ein Wein mit einer sehr schönen Säure. Bei der Verkostung mehrerer Jahrgänge zwischen 2003 und 2013 gefielen uns der 2010er mit seiner leichten Altersnote und der 2006er besonders gut.

Ihren Namen hat die Traube vom austretenden Saft der vollreifen Beeren, der volkstümlich als „Weinen von Tränen“ interpretiert wird. Die edle autochthone Rebe, die mit ihrer Namensvetterin vom Vesuv und der Tafeltraube Lacrima di Maria nichts außer dem Namen gemein hat, war wegen des schwierigen Anbaus bis auf 7 Hektar ausgerottet, verkauft sich heute aber zu etwas höheren Preisen als der Verdicchio.

Inhaber Giovanni Marotti Campi setzt seinen Schwerpunkt dennoch vor allem auf den Verdicchio, der uns sehr beeindruckte. Giovanni ist davon überzeugt, dass eine längere Reifung dem Wein gut tut und er an Struktur gewinnt. Konzentriert, füllig und modern angehaucht, verleugnen seine Weine nicht die klassische, typische Art. Allerdings kennt er seine Weine auch und rät zur Vorsicht. Zwar könne man sie schon gut trinken, wenn sie auf den Markt kämen, würden sich dann allerdings wieder für ein paar Jahre verschließen und erst später mit den dazugewonnen Reifenoten echten Trinkspaß verursachen, was er uns bei einer Vertikalverkostung einiger älterer Jahrgänge des Verdicchio dei Castelli di Jesi Salmariano , eines Classico Superiore DOC Riserva, zeigte. Der Wein ähnelt seinem kleinen Bruder Luzano, toppt diesen aber an Kraft, Dichte, Reife und Intensität. Verwendet werden dafür sehr spät gelesene Trauben, die am Gaumen ein großartiges geschmackliches Feuerwerk auslösen. Ein schöner Begleiter für kräftige Fischgerichte.

Weinlieferung

(c) Michael Ritter

Modernste Technik im Weingut Casalfarneto

Passito aus Verdicchio

(c) Michael Ritter

Wir verlassen das Weingut und fahren weiter ins Landesinnere nach Serra de‘ Conti, einem kleinen Örtchen mit einer ebenfalls fast vollständig erhaltenen Stadtmauer. Von einem grünen Hügel, rund 350 m über dem Meeresspiegel überblickt man die sanften Täler und weitere mittelalterliche Dörfer. Das dort gelegene Weingut Casalfarneto wurde 1995 gegründet, umfasst drei alte Landhäuser und einen hochmodernen in den Hügel verborgenen Weinkeller. Seinen Namen erhielt es von den Jahrhunderte alten Eichen, die für dieses Gebiet typisch sind. 32 der 60 Hektar Land sind dem Weinbau gewidmet. Auch hier dreht sich das Geschäft hauptsächlich um Verdicchio dei Castelli di Jesi Classico, doch auch Montepulciano, Sangiovese, Cabernet und Merlot gönnt man 5 Hektar.

Das Weingut unter seinem technischen Direktor Danilo Solustri kombiniert gekonnt althergebrachte Methoden mit neuster Technik und baut den Wein in kleinen Fässern aus, um so gut wie möglich die Charakteristik jedes einzelnen Weins zu bewahren.

Der Castelli di Jesi Verdicchio Riserva DOCG Classico Crisio zählt zusammen mit dem sehr schönen Grancasale 2013 und dem Cimaio 2013 mit ihrem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu den Entdeckungen der Reise. Auch die Kollegen vom Gambero Rosso, die ihm drei Gläser gaben, waren ganz hingerissen und schrieben über den 2013er Jahrgang :„Dieses Jahr sollte der Crisio der Wein mit den meisten Gläsern sein; die faszinierende Nase von Ingwer, Zitrus und rauchigen Nuancen findet sich in einer bewundernswerten Balance und einem profunden Finale am Gaumen wieder." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das nahe Meer holt man nicht nur in der Hostaria dietro le Quinte auf den Teller. Auch die Hostaria Santa Lucia di Gianni Giacani beeindruckt beim Abendessen durch seine gekonnt präsentierten und frischen Fischgerichte und Meeresspeisen. Die Weinkarte lässt eine exzellente Begleitung durch passende Verdicchios zu (und nicht nur das).

Casalfarneto

Weinberge in den Marken

(c) Michael Ritter

Moncaro - Supergenossenschaft für Verdicchio

Werinberge in den Marken

(c) Michael Ritter

Nach dem Frühstück fahren wir nach Montecarotto, einem weiteren der die Hügel dominierenden mittelalterlichen Dörfer. Dort hat die Winzergenossenschaft Moncaro Terre Cortesi ihren Sitz. Das eindrucksvolle Weingut entstand durch den Zusammenschluss der für ihre hohe Weinqualität bekannten Kooperativen Montecarotto, Conero und Aquaviva Picena. Mehr als 600 Weinbauern mit gut 1.600 Hektar Rebfläche werden von ihr gut vertreten. Die Weinberge liegen in den besten Anbaugebieten der Marche.

Mit angenehm weichen, fruchtigen und finessenreichen Weinen zielt man auf den internationalen Markt und bietet zu kleinen Preisen Weine, die sich nicht hinter den Weinen der anderen Topwinzer verstecken müssen. Allein in Montecarotto mit seinen 800 Hektar Reben, stehen 450 Hektar für die Produktion von Verdicchio dei Castelli di Jesi Classico bereit. Die Lagen werden peu a peu auf ökologische Bewirtschaftung umgestellt. Dabei ist die Genossenschaft ein Pionier bei der Auswahl lokaler Hefen und der Klonauswahl, die man in Kooperation mit ein paar Universitäten vorantreibt.

Die Genossenschaft hat einen wesentlichen Anteil an der Renaissance der Verdicchio in Italien und im Ausland. Der sympathische und weltoffene Önologe Giuliano D'Ignazi ist ihr technischer Direktor und hat dabei nicht nur eine erstklassige junge und dynamische Mannschaft, sondern profitiert auch von der Expertise des beratenden Önologen Riccardo Cotarella. Seit einigen Jahren hat das Weingut einen neuen Reifungskeller und für Weinproben eine sehr hübsche Vinothek.

Weine, wie der Riserva Vigna Novali, überzeugen durch fruchtige Aromen, ausgefeilte Strukturen, angenehme Harmonie und bereiten viel Trinkfreude. Klares Gelb mit goldenen Reflexen, komplexer Duft nach reifen Früchten, Anis und gelben Blüten und balsamischen Noten. Der Verdicchio aus spät gelesenen, überreifen Trauben passt gut Räucherfisch und Risotto. D’Ignazi ist ein Freund komplexer und reifer Weine und man merkt ihm bei der Verkostung förmlich an, dass er seinen 2013er Jahrgang lieber noch vom Markt fernhalten möchte. „Der Wein braucht noch ein paar Jahre“, sagt er. „Er gewinnt mit der Zeit an Komplexität ohne seine Frische einzubüßen.“ Als Highlight holt Giuliano D’Ignazi noch eine Flasche vom Jahrgang 2001 aus dem Keller, deren Petrolnote an einen gereiften Riesling von der Mosel erinnert und nicht nur den Önologen begeistert. Schade, dass man solche großartigen alten Verdicchios nur noch sehr selten findet - ausser bei den Passito-Süßweinen. Unbedingt probieren sollte man auch den Passito der Genossenschaft. Der Tordiruta 2006 ist wohl einer der gelungensten Verdicchio-Süßweine den wir probiert haben: goldgelb leuchtend von einem wundervollen Bukett exotischer Früchte, Honig, gelber Pfirsich, Vanille und Ananas. Man möchte den lieblichen Geschmack gar nicht mehr missen.

Moncaro

Moncaro 2

Weinberge von Matelica

(c) Michael Ritter

Vorbei an der Grotta di Frasassi nach Matelica

Dabei macht es einen Unterschied, ob man sich für die Weine von den Castelli dei Jesi entscheidet oder für Weine aus dem knapp eine Autostunde westlich gelegenen kleineren und kühleren Anbaugebiet Matelica, von deren umgebenden Berghängen man schon einen Blick auf den massigen Monte Subasio werfen kann, an dessen Westhang der Heilige Franz sein Kloster in Assisi baute. Die Fahrt führt entlang des Esino auf einer autobahnähnlich ausgebauten Schnellstraße durch den Regionalpark Golla della Rossa.

Wer mag kann einen Abstecher zur beeindruckenden Grotta di Frasassi unternehmen, einer der spektakulärsten Karsthöhlen Europas.

Der Apennin prägt hier das kontinentale Klima und als im Oktober 2016 nach dem verheerenden Beben von Amatrice die Erde erneut bebte, blieb die Provinz nicht ohne Schäden. Bis zu 1.500 Meter steigen die Gipfel des nahen Apennin an.

Roberto Potentini von Belisario

(c) Michael Ritter

Belisario und der Verdicchio di Matelica

Essen im Il Mosaico

(c) Michael Ritter

In der 1971 gegründeten Genossenschaft Belisario ist der Önologe Roberto Potentini deren Direktor. „Unsere Weinberge liegen auf 420 bis 900 Metern Höhe“, sagt er und zeigt uns die 300 Hektar, die fast das gesamte Anbaugebiet des Verdicchio di Matelica DOCG darstellen, von einem Aussichtspunkt oberhalb der Stadt. Deutlich höher als in den Castelli di Jesi, wo nicht einmal die Spitzen der Bergdörfer über 400 Meter Höhe liegen. Für den Wein bringt das eine frischere und präsentere Säure. Der 56-jährige Potentini hat sich schon an der Universität über den Verdicchio di Matelica DOC graduiert. Zu Beginn bringen die Trauben seiner Verdicchios viel Zucker, hohe Säure und einen niedrigen Ph-Wert mit. Die richtige Voraussetzung für eine langsame Alterung des Weins, der in dem Anbaugebiet meist etwas dichter ist, als bei den Konkurrenten aus Jesi.

Der strohgelbe Riserva Cambrugiano ist ein guter Beleg dafür. Mit seinem kräftige an reife und exotische Obstnoten erinnernden Aromen und der Mineralnote beim Abgang ist er vollmundig und von guter Struktur und Harmonie.

Der Cambrugiano war 1988 der erste Riserva-Verdicchio und wird seitdem mit kurzer Maischegärung oder Cryo-Mazeration hergestellt. Dabei werden die Trauben nach dem Abbeeren gemahlen und bleiben dann bis zu 24 Stunden bei niedrigen Temperaturen auf den Schalen liegen, ohne dass der Most dabei gären kann. Die so entzogenen Farbpigmente und Phenole reichern den Wein später geschmacklich an. Seine Reifung erlebt der Wein im Stahltank und - zum Teil - im Eichenfaß. Ein sehr gelungener Wein.

Wie so oft in Italien merkt man auch im empfehlenswerten Ristorante Il Mosaico, dass die Fischgerichte schon wenige Kilometer vom Meer nicht mehr automatisch dominieren, sondern auch Gerichten der Bergregion Platz bieten und eine interessante Kombination auf den Teller zaubern. Die Stozzapreti (Priesterwürger) sind ein lokales ohne Eier aber mit würzigem Ragout zubereitetes Nudelgericht.

Belisario

Das Teatro Piermarini

(c) Michael Ritter

Das Teatro Piermarini

Aida in Matelica

(c) Michael Ritter

Beim Bummel über den Corso Vittorio Emanuele durch das historische Zentrum der 10.000 Einwohner-Stadt stehen wir schnell vor dem Tor des 1805 von Giuseppe Piermarini erbauten Theaters. Die Besonderheit ist die Enoteca und Bar im schmalen Foyer, die uns Potentini ganz stolz zeigt und an der man den frischen Sekt Cuvèe Nadir Brut bekommt, den Belisario im Chamat-Verfahren aus Verdicchio produziert. Doch das Geheimnis liegt im eindrucksvollen Theatersaal, einem Spätwerk des Architekten Piermarini, dessen bekanntestes Theater, das Mailänder Teatro alla Scala, jedem Opernfreund ein Begriff ist.

In einem winzigen Örtchen, das erst wenige Jahre vor dessen Eröffnung zur Stadt ernennt wurde, hätte man so etwas nicht vermutet. Was hätte ein schönerer Abschluss eines gelungenen Kurzbesuchs im Reich des Verdicchio sein können. Eins steht fest: der letzte Besuch in der Region bleibt dies nicht.

© Michael Ritter/praegnant.info







Oktopus in der Hostaria dietro le Quinte

(c) Michael Ritter

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