Literatur für Genießer und Reisende

"Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral"

Parzival und Gurnemanz

(c) BHF/Johannes Schremps

Was ist der Gral?

Bad Hersfeld, 04.07.2026

Die meisten von uns kennen Parzival vermutlich von der Opernbühne, für die Richard Wagner die mittelalterliche Geschichte in ein fast sechsstündiges Mammutwerk verwandelte, Ursprünglich ein mittelhochdeutscher Versroman Wolfram von Eschenbachs, den Wagner in seiner Oper Tannhäuser auftreten lässt, wurde er im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfasst und gilt als eines der bedeutendsten Werke der europäischen Literatur seiner Zeit. Darin verknüpft der Autor die klassische Artussage mit der mystischen Gralsthematik. Das Großwerk umfasste rund 25.000 paarweise gereimte Verse, die man in modernen Ausgaben in 16 Bücher aufgliedert.

Kunstvoll verzahnt von Eschenbach dabei Handlungsstränge eines Doppelromans, die von Aventiuren erzählen, den abenteuerlichen Geschicken zweier ritterlicher Hauptfiguren – einerseits Titelheld Parzival, dessen Name sich vom altfranzösischen „Perceval“ für mitten hindurch ableitet, der unwissend im Narrenkleid zum Gralskönig wird und Artusritter Gawain, der gefahrvolle Bewährungsproben durchlebt.

Die Epik um den legendären britischen König Artus war damals sehr populär und Parzivals Aufnahme in dessen Tafelrunde war eine der Durchgangsstationen seiner Suche nach dem Gral, die sich später als Voraussetzung für seine Bestimmung als Gralskönig erweist.

In Bad Hersfeld fand das Stück „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“ als wuchtige Eröffnungspremiere zum 75. Jubiläum der Festspiele statt. Dabei hat man die klassische Verserzählung in eine modernere, zeitgenössische Form gebracht und zeigt dem Publikum den Weg des Titelhelden vom unwissenden, naiven Jungen im Wald über blutige Ritterkämpfe bis hin zur Gralsburg. Unter dem Motto „Werde, was Du bist!“ setzt Regisseur Michael Schachermaier damit ein starkes Zeichen für die Menschlichkeit. Die Inszenierung lebt von der dynamischen Kulisse, die auf der Bühne der monumentalen Stiftsruine laufend verändert wird.

Schachermaier hat das Stück in eine völlig neue, straffe Bühnenfassung umgewandelt und das mittelalterliche Ritter-Epos in ein packendes Coming-of-Age-Drama verwandelt, das ohne Pause das Publikum zwei Stunden lang fesselt.

Die Inszenierung lebt von einer teils mystischen Atmosphäre im minimalistischen Bühnenbild von Volker Hintermeier. In der abstrakten Kulisse dominieren Schwarz, Weiß und vor allem Rot. Die Ausstattung ist spartanisch. Ein paar Stangen und Schwerter lassen Raum für die Lichteffekte. Begleitet wird die Handlung durch die rockige Live-Musik des US-Amerikaners Paul Wallfisch, wobei man sich fragt, warum der Musikalische Leiter am Volkstheater Wien bei diesem Festival für die breite Bevölkerung auf englische Songs setzt.

Parzival

(c) BHF/Johannes Schremps

Was ist der Gral heute?

Diese Frage stellen sich die Zuschauer, der Regisseur und unsere heutigen Philosophen. Die Handlung folgt dem naiven Jungen Parzival, der von seiner Mutter fernab der Welt, unwissend in den Wäldern großgezogen wird, um ihn vor dem Tod im Kampf zu bewahren. Nachdem er andere Menschen trifft, zieht es ihn unwiderstehlich zu den Rittern. Natürlich rächt sich sein wohlbehütetes Aufwachsen ohne Kontakte zur Außenwelt und er macht auf seiner Reise Fehler, wenn er vermeintlichen Regeln blinden Gehorsam wahrt und dadurch Schuld auf sich lädt. Er tötet den Roten Ritter, wird am Hof von König Artus aufgenommen und vom weisen Ritter Gurnemanz ausgebildet. Doch bei seinem ersten Besuch der Gralsburg versagt er kläglich durch falsche Zurückhaltung bei der erhofften Erlösung des leidenden Gralskönig Amphortas. Das stumpfe Gehorsam den Regeln gegenüber verhindert die entscheidende, erlösende Frage des Mitgefühls, was dann als Fluch auf ihm liegt und ihn jahrelang ziellos umherirren lässt.

Kundry und Amfortas

(c) BHF/Johannes Schremps

Die Bad Hersfelder Inszenierung

Was ist das Besondere bei der Bad Hersfelder Deutung des Grals? Hier ist es kein mystischer Kelch und kein sakrales Objekt (von dem - wieder bei Wagner - Parzivals Sohn Lohengrin in seiner Gralserzählung singt). In Bad Hersfeld erhöhnt man ihn zur bedingungslosen Empathier und Humanität. Erst als Parzival am Ende des Stücks nackt, verzweifelt und dann in Lumpen gehüllt alle ritterlichen Konventionen ablegt, findet er zur wahren Nächstenliebe und übernimmt Verantwortung.

Bei der Auswahl seines Protagonisten hatte Schachermaier eine glückliche Hand, indem er Thieß Brammer dafür auswählte, dem man die Transformation vom jungen Tölpel zum gereiften Mann in jeder Sekunde abnimmt. Der 35-jährige hat an der Ernst-Busch-Hochschule studiert und feiert in Bad Hersfeld sein Debüt.

Souverän taumelt er anfangs förmlich durch die Abenteuer, man sieht ihm seine emotionale Zerrissenheit und physische Erschöpfung an, wenn er den Helden mit körperlicher Präsenz darstellt. Als Lehrmeister beeindruckt Markus Gertken als Gurnemanz, der ihm Ritterkunde und Weltwissen vermittelt. Begleitet wird Parzival von einem starken Ensemble, dessen Mitglieder sich oft in mehreren Rollen bewähren müssen, wenn sie die Artus-Ritter und die Gralsgesellschaft verkörpern. Sehr überzeugend auch die starken Frauenfiguren – Varia Sjöström als Parzivals beschützende Mutter Herzeloyde und Melita Jurisic als mystisch-energische Gralsbotin Kundry – die – wie im wirklichen Leben - die Handlung maßgeblich vorantreiben und den Titelhelden stets zur Reflexion zwingen.

© Michael Ritter

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