Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Weine im hohen Norden Polens

Die beiden namenlosen Hunde des Weinguts

(c) Nilgün Burgucu

Polen der Boom beim Weinbau

Noch vor wenigen Jahren hätten die meisten Weinfreunde es wohl noch für einen schlechten Witz gehalten, doch inzwischen lieben und kennen die Polen nicht nur guten Wein, wie ich bei zahlreichen Verkostungen im In- und Ausland im Gespräch mit polnischen Kollegen erfahren konnte, sondern sie bauen ihn auch selbst erfolgreich bis in den Norden des Landes an.

Man mag gar nicht mehr an frühere Verkostungen denken, als nur ein kleiner Teil der Weine überhaupt genießbar war. Die Qualität hat sich inzwischen grundlegend verbessert, nachdem sich die Winzer international orientiert und das eigene Terroir und seine Möglichkeiten entdeckt haben. Die Zahl der Winzer und Rebfläche genau zu bestimmen fällt in dem stark wachsenden Umfeld schwer. Die Zahl steigt beständig und liegt wohl bei über 200 registrierten Winzern, die mehr als 1.000 Hektar Weinberge bewirtschaften. Auch juristisch hat sich einiges getan, so dass die Winzer nicht mehr so stark der staatlichen Willkür ausgeliefert sind. Schon 2002 schuf Polen ein nationales Weingesetz, das aber erst sechs Jahre später verabschiedet wurde und es der EU erlaubte, Polen offiziell als Weinland anzuerkennen. Es verpflichtet die Winzer, jede Flasche mit einer Steuerbanderole zu versehen, welche die Einhaltung der Qualitätsvorschriften garantiert.

Auch wenn die Zentren des Weinbaus im Süden Niederschlesiens, der Karpaten und vor allem der Region rund um das 200 Kilometer südliche Zielona Góra, das alte Grünberg liegen, so tut sich auch im Norden einiges. Einst galt Grünberg als nördlichstes Weinbaugebiet Europas. Damals schrieb der Agrarwissenschaftler Wilhelm von Hamm, dass in Deutschland schwerlich ein Wein bekannter sei als der Grüneberger. „Es ist sein Name in den Volksmund übergegangen zur Bezeichnung eines rechten Rachenputzers, und wer als echter Weintrinker von ihm hört, der schüttelt sich.“ Als die Grünberger Ratsherren Geld für eine Hinrichtung sparen wollten, ertränkte man den verurteilten Räuber einfach im Wein, statt einen Henker anzuheuern. Mit dem Wegzug der deutschen Bevölkerung aus Schlesien, endete dort auch der Weinbau, denn die Volksrepublik legte keinen Wert darauf. Das hat sich geändert. Heute sind junge Polen neugierig auf polnischen Wein.

Zwar hat Polen nach wie vor einen Ruf als Land der Wodkatrinker, die auch dem Bier gegenüber nicht abgeneigt sind, doch gewinnt Wein schon seit etlichen Jahren an Bedeutung. Im Laufe der letzten 15 Jahre verdreifachte sich der Durchschnittskonsum auf 6 Liter. Immer noch ein Bruchteil der 30 Liter, die jeder Deutsche im Jahr trinkt.

Zbigniew Turnau und seine Rotweine

(c) Nilgün Burgucu

Besuch in Polens größtem Weingut

Von Berlin aus sind es nicht einmal zwei Stunden Autofahrt nach Baniewicze. Beim Oderstädtchen Schwedt überquert man die Grenze und wird 20 Kilometer weiter landeinwärts von den zahlreichen gepflegten Rebstöcken überrascht, die Zbigniew Turnau dort vor nicht allzu langer Zeit angebaut hat.

„Herzlich willkommen in der polnischen Toskana“ begrüßt uns der 62-jährige strahlend, als wir ihn an einem sonnigen Herbsttag in seinem schönen alten Backstein-Weingut besuchen. „Den Sonnenschein können wir gut brauchen“ erklärt er, als er uns durch die roten Rebzeilen auf sandigen Lössböden führt, wo er in ein paar Wochen lesen will. „Das bringt noch einmal die nötige Süße in die Reben“. Sehr wichtig ist für ihn dabei der kleine angrenzende See, der nicht nur die Sonne spiegelt, sondern auch deren Wärme speichert und in den kalten Wintermonaten an die Umgebung abgibt.

Zbigniew Turnau gehört mit seinem Weingut zu den Profiteuren des Klimawandels, aber ganz unbekannt ist der Weinbau auch in dieser Region nicht. Schon vor Jahrhunderten baute man in der Gegend Wein an, bis die Auswirkungen der Kleinen Eiszeit im 16. Und 17. Jahrhundert und die Reblaus im späten 19. Jahrhundert zur Aufgabe des Weinbaus zugunsten anderer Erzeugnisse führten. So verschwand auch der „gute Stettiner“, den einst Theodor Fontanes Eltern tranken.

Man sieht es dem sprachbegabten Tausendsassa förmlich an, wie stolz er auf seinen Erfolg ist, als er uns das Weingut und die Weinberge zeigt, in dem neben neugezüchteten pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, den sogenannten PIWIs, auch klassische Rebsorten wie Riesling, Chardonnay und Pinot Noir gedeihen. Inzwischen ist es mit fast 34 Hektar Rebfläche das größte Weingut Polens.

(c) Nilgün Burgucu

Erfolgreicher Eiswein

Zbigniew Turnau öfnet seinen Johanitter-Eiswein

(c) Nilgün Burgucu

Als er im vergangenen Jahr seinen 2017er Johanniter Eiswein beim Internationalen PIWI Weinpreis einreichte, überzeugte der die Tester, die ihm als besten Wein der Verkostung mit 99 Punkten und Großem Gold auszeichneten. „Innerhalb weniger Stunden mussten wir bei eisigen -7° C mit 20 Mann gut 2,3 Tonnen Trauben lesen. Davon blieb nach der Pressung gerade mal ein Viertel übrig.“

Nicht schlecht für etwas, was nach einem Urlaub in Spanien 2010 eigentlich als Hobby begann. 2014 kam der erste Wein auf den Markt. Heute kann Turnau seinen Eiswein zum Preis von 49 Euro verkaufen. Billig sind auch die restlichen 150.000 Flaschen nicht. Unter 12 Euro bekommt man von ihm nur ein freundliches Lächeln.

Zbigniew spricht ausgezeichnet deutsch, was noch aus seiner Zeit als Ingenieur in der ehemaligen DDR stammt.

Das zum Weingut umgewandelte Landgut mit seinen rund 200 Hektar Land erwarb er nach der Wende recht preiswert und baut dort neben Wein auch Obst, Raps und Getreide an.

Heute sind seine Weine begehrt, doch als er anfangs bei den Banken nach einem Kredit für den Aufbau des Weinguts anfragte, schüttelte man dort nur verwundert den Kopf. „Was will der Spinner?“ dürften sie sich gefragt haben. „Hat er überhaupt eine Ausbildung zum Winzer oder Erfahrung mit Weinbau?“ – Nein! „Ist Westpommern ein Weinbaugebiet?“ Ebenfalls nein! Da war es für die gerade durch die Auswirkungen der US-Subprime-Krise torkelnden Banker ein Leichtes, Turnaus ehrgeiziges Projekt rasch abzulehnen.

Hybridrebe Rondo

(c) Nilgün Burgucu

Schwierige Aufbauzeiten

Ein guter Wäremespeicher- der nahe See

(c) Nilgün Burgucu

Doch Zbigniew gab nicht klein bei. Er holte seinen Cousin Grzegorz Turnau mit ins Boot, der als Liedermacher einer der bekanntesten und beliebtesten Musiker Polens ist Sein Sohn Jacek, der in Posznan Lebensmittelwirtschaft studierte, kümmerte sich indessen um die Kontakte zum Ausland und um die Beschaffung von wichtigen EU-Fördergeldern und soll später einmal das Unternehmen übernehmen.

Konnte Turnau im Anfangsjahr wegen der störrischen Banken nur rund 500 Rebstöcke auf einem ehemaligen Weizenfeld anpflanzen, so legte er in den Folgejahren eine Schippe drauf. 2013 waren es schon 20 Hektar, 2019 34 Hektar, was Turnau zum größten Winzer des Landes macht.

Der langsame Anfang erwies sich schnell als Segen, denn 2010 fehlte Turnau und dem ihn seit den Anfangstagen unterstützenden Tomasz Kasicki tatsächlich die von den Banken bemängelte Erfahrung. Kasicki hatte zwar Obstbau studiert, doch mit den Reben sammelte er erst beim Post-Graduate Weinbau-Studium in Krakau Erfahrungen.

Die eigentliche Expertise beim Weinbau stammt von Frank Faust, einem deutschen Ökowinzer. Der aus einer Rheingauer Winzerfamilie stammende Faust erwarb seine Kenntnisse bei seiner Lehre im Weltklasse-Weingut Robert Weil in Kiedrich. Turnau musste ihn förmlich überreden, regelmäßig als Kellermeister vorbeizuschauen. Erst einmal sorgte er dafür, dass der hohe Stickstoffgehalt des Weinbergs reduziert wurde, da dieser zwar für viel Wachstum aber nicht für Qualität sorgte.

Auch bei der Auswahl der passenden Reben erwies sich die Zusammenarbeit, die inzwischen in eine Partnerschaft mündete, sehr positiv. Faust kannte aus Deutschland die neu gezüchteten und gegen Pilzerkrankungen widerstandsfähigeren Hybridreben, die man in den letzten Jahren vermehrt als Alternative zu bekannten Rebsorten anbaut.

Oft weisen sie eine geschmackliche Verwandtschaft zu eingeführten und bekannten Rebsorten auf, wie der an Chardonnay erinnernde Solaris. Außerdem bieten sie sich für den Ökoweinbau an, da man auf das Spritzen mit Fungiziden weitgehend verzichten kann.

So wachsen neben Riesling, den Faust als Rheingauer nicht ignorieren wollte, die hybriden Weißweine Hibernal, Johanniter, Seyal Blanc und Solaris und bei den Rotweinen Cabernet Sauvignon, Regent und Rondo. Die Weine tragen deutlich Frank Fausts Handschrift, sind erstaunlich sauber vinifiziert und haben schöne Säure. Auch Faust hatte wohl anfangs nicht mit der hohen Qualität gerechnet und sieht eine positive Entwicklung voraus, wenn es gelingt die Spätfröste noch besser in den Griff zu bekommen. Sind die Weine momentan noch recht fruchtig und eher halbtrocken, so will Faust in Zukunft auch trockene Weine ausbauen.

Auch in Deutschland kann man einige von Turnaus Weine kaufen, obwohl der Exportanteil noch sehr gering ist. Für die Vermarktung der Weine in Polen war sicherlich Grzegorz Bekanntheit sehr hilfreich. Das Weingut ist bei polnischen Gästen bekannt und beliebt. Weinkenner wundern sich manchmal, wie man so weit im Norden und unter so schwierigen Bedingungen so gute Qualität erzeugen kann. Wenn Zbigniews mit seinen Weinen internationale Wettbewerbe, wie den in Wien beschickt, landen seine PIWI-Weißweine oft auf guten Plätzen.

Wenn Turnau heute neue Tanks und Fässer benötigt, sind die einstigen Bedenken der Banken wie zerstoben und man rennt ihm mit Angeboten förmlich die Tür ein. Inzwischen erkannten die Banken, dass auch im Norden des Landes mit den zahlreichen Seen Qualitätsweinbau möglich ist, da diese die frostigen Winter abmildern können, wenn man kluge Vorsorge gegen Frost und die stibitzenden Vögel trifft.

Beeindruckende Weine

(c) Nilgün Burgucu

Ordentliche Weine aus hybriden Reben

Ein besonderer Wein - der Ambre 2016

(c) Nilgün Burgucu

Bei der Verkostung präsentiert Zbigniew Turnau sichtlich stolz seinen im kleinen Holzfass ausgebauten 2018er Riesling Barrique, der bei den auch in Polen sehr hohen Temperaturen gedieh und dennoch erstaunlich frisch, trocken und apfelfruchtig ist. 2019 erhielt er den Preis als bester Wein des Landes. Sein Preis ist mit 23 Euro zwar recht hoch, doch für einen Spitzenwein angemessen. Der Winzer ist zuversichtlich, dass solch gute Ergebnisse auch andere Weinbauinteressenten aus der Region in den Winzerjob locken, die dann hoffentlich weniger Probleme bei der Kreditaufnahme bekommen. Auch der 2018er Solaris kann begeistern. Der runde und süffige Wein hat zwar mit 13,5 % viel Alkohol, ist aber seit seiner Einführung ein Bestseller des Weinguts. Dazu eignet sich wegen der geringen Menge und des hohen Preises der Gewinner des PIWI-Wettbewerbs nicht: der Johanniter-Eiswein in der kleinen 0,375-Liter-Flasche, der schön nach Honigmelone und reifer Birne schmeckte. Sehr angenehm auch der 2016er Ambre, ein für drei Wochen auf der Haut fermentierter trockener Solaris mit bernstein-oranger Farbe und kraftvollen Aromen von reifen Äpfeln und Orangenschale.

Als wir am nächsten Tag das knapp 60 Kilometer entfernte Szczecin erkunden, das Deutsche meist als Stettin kennen, finden sich Turnaus Weine in zahlreichen Restaurants, Clubs und Bars. Besonders die halbtrockenen Weißweine sind bei den jungen Polen sehr beliebt. Mich begeisterte vor allem ein erstaunlich guter, an Himbeere, Lakritze und Schokolade erinnernder im Barrique ausgebauter 2018er Pinot Noir, den er uns bei der Verkostung im Weingut vorenthalten hatte.

© Nilgün Burgucu

Weingut/Winnica Turnau

Tel. +48 91 307 91 31, Durchwahl 2,
podróżanie@winnicaturnau.pl.
www.winnicaturnau.pl.
Mo – Sa 11 – 17 Uhr
Besichtigung: 2,5 Std., Minimum 400 Zloty, ab 5 Pers. 80 PLN p-P.
Übernachtung (5 DZ): DZ 120-140 Zloty p. Zimmer/Nacht

Reiseinformationen Polen:

Polnisches Fremdenverkehrsamt Berlin:
info.de@polen.travel
www.polen.travel
Regionale Tourismusorganisation Westpommern:
(Zachodniopomorska Regionalna Organizacja Turystyczna ZROT)
info@zrot.pl
www.zrot.pl

Hier reift der Solaris im großen Holzfass

(c) Nilgün Burgucu

(c) Connaisseur & Gourmet 2020