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Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Nuoro - Kultur im Herzen der Barbagia

Stadtansicht Nuoro

Cattedrale di Santa Maria della neve, Nuoro, vista dal drone

Nuoro Kultur im Herzen der Barbagia

Man staunt, wie lang die Wege auf einer Insel sein können. Doch Sardinien ist – nach Sizilien – die zweitgrößte Insel im Mittelmeer. Unser Flieger aus Rom landete in dessen Hauptstadt Cagliari im Süden der Insel. Mit fast einer halben Million Menschen, die in und um Cagliari leben, ist sie auch der Magnet für viele Sarden, die nicht drüben auf dem Kontinent, wie sie das italienische Festland nennen, leben wollen. Doch unser Ziel liegt im Nordosten der Insel.

Gut 180 Kilometer sind es dorthin, wobei wir einen Bogen über die flachen Felder im Westen bei Oristano einschlagen müssen, da der direkte Weg durch Bergmassive versperrt ist. Die Provinzhauptstadt Nuoro liegt selbst am Fuße eines solchen Granitmassivs, dem 955 m hohem Monte Ortobene. Auch Nuoro ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Zahlreiche hässliche Betonburgen verschandeln die steilen Hänge, doch das dicht gedrängte Altstadtviertel im Zentrum konnte sich noch Reste desherben sardischen Charmes bewahren.

Literatur-Nobelpreisträgerin Grazia Deledda

Grazia Deledda 1926

Literatur-Nobelpreisträgerin Grazia Deledda

Der Ort gilt als Künstlerhochburg und mit viele von dort stammenden Dichtern und Denkern, allen voran Grazia Deledda, die der Stadt in der Barbagia einen gewissen Weltruhm verschaffte. 1871 in einem der ältesten Viertel der Stadt geboren, wurde sie Italiens erste Nobelpreisträgerin für Literatur. Fast zeitlos, dahinströmend im Rhythmus der Naturgezeiten, wirkt das Geschehen in „Schilf im Wind“, dem märchenhaften Hauptwerk der 1936 verstorbenen Autorin, dessen elegische Stimmung auf eindringliche Weise bezaubert. Man spürt darin, dass Sardinien anders als zahlreiche andere Inseln des Mittelmeeres, die seit der Antike im Licht der politischen und kulturellen Geschichte standen, lange Zeit im Schatten der Weltereignisse vor sich hin dämmerte. Mit ihrem Werk ermöglicht es Grazia Deledda, die poetische Schönheit ihrer Heimat zu entdecken.

Besonders gut vermag der Schauspieler und Autor Gianluca Medas diese Stimmung weiterzugeben, der uns auf dem literarischen Stadtrundgang begleitet und weiter zum Elternhaus „Casa Natale di Grazia Deledda“ aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führt, das in ein kleines Museum verwandelt wurde, in dem Besucher auf den Spuren der Künstlerin wandeln können. Unweit davon liegt auch das Geburtshaus des zwölf Jahre jüngeren Bildhauers Francesco Ciusa, dessen Skulptur „Die Mutter des Getöteten“ Anfang des letzten Jahrhunderts den ersten Preis der Kunst-Biennale Venedig errang.

Wilde Felsenberge der Barbagia

Rifugi Monte Ortobene 018

Die raue Natur der Barbagia

Doch die raue und unzugängliche Gegend um Nuoro, die Barbagia, mit ihrer wilden Schönheit feierten zu dieser kreativen Zeit auch andere Dichter, die der Rechtsanwalt Sebastiano Satta in seinen Gedichten oder sein ebenfalls als Jurist tätiger Verwandter Salvatore Satta, dessen Roman „Tag des Gerichts“ das Leben seiner Heimatstadt von den Hirten bis hin zu den Honoratioren treffsicher beschrieb und – da er sie nicht bloßstellen wolle – erst nach seinem Tod erschien.

Einige hatten da mehr Mut, wie der Schriftsteller Gavino Ledda aus dem nahen Siligo, der über seinen Ausbruch aus der Isolation und Knechtschaft, die ihm sein gewalttätiger Vater als Kind nach dem Krieg ausgezwängt hatte den eindrucksvollen autobiografischen Roman „Padre Padrone“ und das Leben im unwirtlichen Inselinneren schrieb, den die Brüder Traviani 1977 kongenial verfilmten.

Juwelier und Kulturfreund Fabio Rosas

(c) Michael Ritter

Die Magie d Inverno

Manchmal benötigt es zu solchen Befreiungsaktionen die Hilfe von Außenstehenden. Einer davon ist sicherlich Fabio Rosas, Inhaber eines Schmuckgeschäfts im Herzen von Nuoro, der alle zwei Jahre die Magie d’Inverno – den Zauber des Winters – in die Region holt. Winter ist zwar noch nicht, aber die Hotels haben eigentlich bereits Ende Oktober das Ende der Saison verkündet und machen nur durch den Auftrieb der Reichen und Schönen, die Fabio uns sein Team für die Veranstaltung aus allen Teilen Italiens in die Stadt holt. Es wirkt fast etwas irritierend, wenn der aktive Tausendsassa, bei dem sich bei mir sofort das Bild des Silberrückens einstellt, denn Fabio dominiert das Geschehen in der Stadt und die Honoratioren tun gut daran, sich mit ihm gut zu stehen.

Für die Veranstaltung, die von einer kleinen Messe der Luxus-Schmuck- und Uhrenhersteller wie Cartier, IWC, Gucci, Longines, Montblanc, Armani, Michael Kors, Breil, Salvini, Mikimoto und Pandora, um nur einige zu nennen, begleitet wird.

Montblanc verbindet das Wochenende mit einer regionalen Version seines Premio Montblanc und verleiht Personen, die sich für die Kultur Sardiniens und Nuoros verdient gemacht haben, einen Preis. In Ausstellungen und Vorträgen fördert er dabei auch kritische Stimmen, wie den Fotografen Gianluca Vasallo oder die Frauenrechtlerinnen von Onda Rosa.

Die Literatur hat bereits die alte Tradition, Religion und Folklore der Stadt beschrieben. Für einen tieferen Einblick nimmt und Fabio mit in das Volkskundemuseum, in dem er die Ausstellung organisiert hat. Das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde bietet in einer anschaulichen Sammlung, deren Texte man über eine App auch in englischer Sprache aus sein Smartphone holen kann, Informationen aus der Zeit von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Tage nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Exponate erzählen ihre Geschichte von der Alltagskultur des Alltags, vom Feldanbau, der Musik und vor allem von den Festen, von tiefen Glauben, aber auch vom weit verbreiteten Aberglauben der Bevölkerung.

Zimmer im Su Gologone

(c) Michael Ritter

Su Gologone Romantikhotel in der Supramonte

Ein Highlight ist auch das Romantikhotel Su Gologone unweit von Nuoro oberhalb einer gleichnamigen bläulich schimmernden Karstquelle bei Oliena. Es ist die Ikone des Tourismus in Sardinien und ein künstlerisches und kulinarisches Highlight, in dem man ganz spezielle Möbel und Einrichtungsgegenstände und eine hervorragende regionale Küche findet. Das charmante Hotel ist genau das Richtige für alle Liebhaber der Natur, die lange Spaziergänge und eine gute Küche lieben. Eingehüllt in die entspannende Stille der Weinberge und Olivenhaine, mit Myrte und Rosmarin geschwängerter Luft ist es ein Quell echter sardischer Gastfreundschaft. Bei der Einrichtung dominiert die weiße Farbe, die sich manchmal mit Pastelltönen mischt, himmelblauen Türen, alten Möbeln, Holztruhen und Wacholderbalken, typischen sardischen Stoffe und Gemälden, die einen auch wegen der sich über den Hang ausweitenden Gebäude eher an eine gemütliche Berghütte als an ein Luxushotel denken lässt.

Im stets gut gefüllten Restaurant rund um den Jahrhunderte alten Kamin mit alten Werkzeugen und Kupferkesseln und Keramik kann man typische Spezialitäten der Region und der Jahreszeit probieren. Die fruchtbare Gegend um Oliena ist reich davon: Gemüse, Fleisch, Käse, Olivenöl und Wein. Immer gibt es selbstgemachte frische Nudeln in verschiedenen Formen und Füllungen, die den Gaumen mit ihrem unwiederholbaren Geschmack verzaubern. Was passt besser dazu als ein regionaler Cannonau, wie in Sardinien der Grenache genannt wird, ein schon seit Jahrhunderten angebauter Wein von großem Charakter. Die besten sind rubinrot, voller Struktur, mit viel Alkohol, weichem Tannin, spürbarer Säure und feinem Duft von Kirsch- oder Pflaumenkonfitüre. Das Hauptanbauzentrum liegt etwas südlich in Jerzu.

Murales in Orgosolo

(c) Michael Ritter

Das wehrhafte Orgosolo und seine Murales

Ein Besuch lohnt sich auch im Städtchen Orgosolo im Herzen der Barbagia und des Supramonte-Gebirges. Zu Hochzeiten des sardischen Bandenwesens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war dies das Rückzugsgebiet für Banditen und Entführer. Giovanni Corbeddu Salis, der „König der Macchia“, gelangte durch seine Taten bei der sardischen Bevölkerung als Robin Hood Sardiniens Ruhm und Ansehen. Damals stürmten 500 bewaffnete Orgolesen den Ort Tortolì, um das Vermögen eines Großgrundbesitzers zu erbeuten, viele kamen dabei um. Diese Bardanas genannten Raubzüge haben seit der Römerzeit Tradition.

Beim Gang durch den Ort fallen einem sofort die zahlreichen Murales genannten Wandgemälde auf. Das erste davon entstand 1968 von einer anarchistischen Mailänder Gruppe, später lies sich der Kommunist und Zeichenlehrer Francesco del Casino aus Siena in Orgosolo nieder und begann 1975 anlässlich des 30. Jahrestag des Partisanenkampfes gegen den Faschismus mit seinen Schülern, Bilder an die Wände der Häuser zu malen.

(c) Michael Ritter

Die Wandmalereien drückten zunächst den Protest gegen den dort geplanten NATO-Truppenübungsplatz aus, doch auch korrupte Politiker und Industrielle, die Gelder für den Aufbau Sardiniens veruntreut haben, werden gebrandmarkt. Neuere Bildnisse kommentieren die Weltpolitik, andere stellen das einfache Hirten- und Dorfleben dar, setzen sich für die Erhaltung der Sardischen Sprache ein. Auch andere Künstler brachten später ihre Gemälde an den Fassaden an und trotz einiger Witterungsschäden sind sie meist noch in gutem Zustand.

Viele der Besucher kommen gerne wieder zurück auf die Insel, vielleicht auch um das smaragdgrüne Meer und die Strände auch abseits der berühmten Prominentenküste Costa Smeralda zu genießen und mehr zu erfahren über die große Tradition bei der Herstellung von Olivenöl und köstlichen weißen Weinen wie dem Vermentino di Gallura.

(c) Connaisseur & Gourmet 2017