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Lublin - Begegnung mit dem Holocaust

Majdanek

Alians PL KL Majdanek Lublin,10 10 2008,PA100050

DAS KONZENTRATIONSLAGER MAJDANEK

Obwohl es „nur“ rund 17 Monate als Konzentrationslager bestand, ist Majdanek den meisten Deutschen ein Begriff. Es war es eines der letzten großen Verfahren gegen ehemalige SS-Angehörige, das zwischen 1975 und 1981 in Düsseldorf stattfand. Deutschland sah sich nach dem Eichmann-Prozess in Israel gezwungen, selbst ebenfalls die schleifende Verfolgung der NS-Täter zu intensivieren.

Nach langjährigen Ermittlungen klagte man Teile der Wachmannschaft an. 350 Zeugen, darunter 215 Häftlinge, mussten sich erneut dem Schrecken der KZ-Haft aussetzen. Viele der Verteidiger waren teils selbst braun angehaucht und Mitglieder von Neonazi-Organisationen. Der Prozess endete wegen der Schwierigkeit eines konkreten Nachweises von Mord und Beihilfe zum Mord mit relativ milden Urteilen. Eine Aufseherin wurde zu lebenslanger Haft, die anderen wurden zu wenigen Jahren verurteilt oder freigesprochen.

Was 1941 als Lubliner Kriegsgefangenenlager der Waffen-SS begann, wurde ab Anfang 1943 bis zur Befreiung im Juli 1944 als Todeslager genutzt. Zwar starben dort nicht die anfangs angenommen 1,7 Millionen Menschen, sondern nach aktuellen Forschungen „nur“ 78.000, doch auch das sind 78.000 Tote zu viel.

Die Nazis hätten sich kaum einen besseren Ort suchen können. Lublin war für Juden ein ganz besonderer Ort, denn dort stand die weltgrößte Talmudschule, die Chachmei Lublin Jeschiwa. Das Grab von Jaakow Jizchak Horowitz auf dem jüdischen Friedhof, einem einflussreichen Verfechter des Chassidismus, glich einer Wallfahrtsstätte.

DIE "JOURNEY TO POLAND"

Jahr für Jahr kommen noch mehr junge Menschen zu Besuch in die Stadt: 30.000 davon aus Israel, das eine besondere Klassenfahrt ausreichtet, auf deren Programm der Besuch polnischer Konzentrationslager steht, in denen ihre Vorfahren durch Hunger, Kälte, Krankheit, schlechte Behandlung und Erschöpfung oder durch Mord, wie bei Henio und seinem Vater, von deutschen Nationalsozialisten ums Leben gebracht wurden.

Beim meinem kurzfristig organisierten Kurzbesuch im konzentrationslager Majdanek fallen die Kids ins Auge. Schon bei Öffnung der Gedenkstätten stehen ihre Busse auf den Parkplätzen und viele der oft mit einheitlichen Kitteln gekleideten Jugendlichen filmen ihre Erlebnisse mit dem Handy und zeigen sie auf YouTube, was das israelische Bildungsministerium, das die Reisen fördert, unterstützt. 1988 hatte man mit dem Programm begonnen, den Jugendlichen das Grauen von Hitlers „Endlösung“ vor Augen zu führen, das nicht nur in Polen zu einem Blutbad geführt hatte.

Auch andere junge Menschen kommen Jahr für Jahr zu Besuch in die Stadt. 30.000 davon aus Israel, dessen Bildungsministerium eine besondere Klassenfahrt ausrichtet, auf deren Programm der Besuch von Konzentrationslagern steht, in denen ihre Vorfahren von deutschen Nationalsozialisten durch Hunger, Kälte, Krankheit, schlechte Behandlung und Erschöpfung oder durch Mord, wie bei Henio und seinem Vater, ums Leben gebracht wurden.

1988 hatte man in Israel mit dem Programm begonnen, um den Jugendlichen das Grauen von Hitlers „Endlösung“ vor Augen zu führen, die nicht nur in Polen zu einem Blutbad geführt hatte. Es hat fast etwas von einem Initiationsritual, wenn sich die riesigen Gruppen auf den Weg zu den Orten des Grauens macht, an die sich jede Israeli erinnert. Sieben Tage lang sind sie in Polen unterwegs, besuchen vier Konzentrationslager, drei Massengräber und zwei Ghettos. Eine Reise zu den Toten, ihren Ursprüngen und oftmals zu sich selbst. Denn als Juden und Israelis gehören sie zu den Betroffenen. Mit Bildern und Filmclips dokumentieren sie ihre Freundschaften aber auch das Grauen: die Baracken, die Schießstände, die Gaskammern, die Verbrennungsöfen.

"Journey to Poland" nennt man die Reise und wer sich die Mühe macht bei YouTube danach zu suchen, findet zehntausende solcher Clips. Fröhliche Bilder des jugendlichen Miteinanders werden überblendet von Bildern von Verbrennungsöfen und Massengräbern.

Wie fühlt sich ein junger Mensch, der in diesem Jahrtausend geboren wurde, wenn man Ihm die Gräuel auf diese Weise nahebringen will? Fühlt er Trauen und Schmerz wie seine Vorfahren, die noch direkt damit konfrontiert wurden? Untersuchungen lassen daran zweifeln. Die Reise nach Polen schafft weniger Anteilnahme als Gespräche mit Überlebenden oder Filme über den Holocaust.

Journey to Poland

Day 4- Raising the Israeli flags in Majdanek (b&w) (45078448)

"Fühl den Schmerz"

"Ich kann immer noch nichts fühlen“ sagt mir der 17-jährige Noam aus Tel Aviv, den ich beim Besuch am Umschlagplatz des Warschauer Ghettos treffe. Mich verwundert as nicht, wenn man das symbolische Denkmal sieht, das an einen offenen Güterwagen erinnern soll, mit dem die Juden der damals größten jüdischen Siedlung der Welt in die Gaskammern der Vernichtungslager geschickt wurden. Dabei sollen die Teenager ein Gefühl entwickeln. Das ist die wichtigste Aufgabe der Tour, wenn man sie dem Trauma der Shoa aussetzt und sie in großen Gruppen zusammengepfercht in den Waggons der Todestransporte stehen. Dunkel ist es darin, kein Licht und immer noch drängen weitere Menschen nach. Vor einem Massengrab haben die Nazis an nur einem Tag 800 Kinder erschossen. Die Jugendlichen sollen sich in eines der Opfer hineinfühlen. Wie war sein Name? Wie sah es aus? Wo kam es her? Was machten seine Eltern?

Die Selbsterfahrung bringt viele der jungen Menschen an ihre Grenze, Tränen fließen, die Nerven gehen durch, sie versuchen sich mit Schreien zu befreien. Ihnen gelingt, was ihren Vorfahren verwehrt blieb, die sich der kalten Bürokratie der Unmenschen ausgesetzt sahen. Mit der aus Lublin gelenkten „Aktion Reinhardt“ hatten diese beschlossen systematisch mehr als zwei Millionen Juden und Roma aus dem Gebiet des Generalgouvernements zu ermorden.

Die Kids werden bei dieser Klassenfahrt an ihre Grenzen gebracht. Viele weigern sich, die Gedanken zu Ende zu denken.

Was würden sie selbst in so einer Situation tun? Würden sie als Stärkere ebenfalls auf die unter ihnen liegenden Schwächeren treten? Nur um ein wenig länger am Leben zu bleiben?

Ich erinnere mich, als ich vor Jahren von Krakau nach Frankfurt flog. Mein Sitz war inmitten einer Gruppe älterer Amerikaner. Als ich meinen etwas jüngeren Nachbarn fragte, ob ihnen Polen gefallen habe, sahen mich viele verwirrt an. Der Mann klärte mich auf. Er sei Reiseleiter, sagte er, und mit einer Gruppe Überlebender auf Besuch in Auschwitz-Birkenau gewesen. Viele waren damals noch Kleinkinder. Ihre Blicke drücken aus, was die israelischen Jugendlichen am liebsten abschotten möchten: Schmerz, Hilflosigkeit, Trotz und die auch nach Jahrzehnten noch aufsteigende Wut auf die gefühlskalten Täter.

"Das jüdische Volk lebt!" lautet das Credo der Polenreise der jungen Israelis. Sie soll den Willen stärken oder zumindest den Willen schaffen, die Heimat zu beschützen. Bei der Reise kommen sie in Kontakt zu polnischen und manchmal auch zu deutschen Jugendlichen. Da stehen sich die Urenkel der Täter und der Opfer gegenüber. Beide wissen um die Taten. Eine Begegnung von Trauer und Schande? Vermutlich nicht. Das Weltbild hat sich seitdem verschoben.

Was beim Beobachter übrig bleibt, ist ein ambivalentes Gefühl. Verständnis für den Überlebenskampf und Angst vor Aus- und Abgrenzung und Feindschaft in einer Zeit, in der Menschen über Religionen und Regionen hinweg Brücken bauen und aufeinander zugehen müssen, um gemeinsam zu überleben.

Lublin

Lublin, Stare Miasto - Brama Krakowska i Plac Lokietka (2009-06-12)

PRACHTVOLLE BELLE EPOQUE-BAUTEN

Lublin liegt im Osten Polens, nicht weit entfernt von der Grenze zur Ukraine und zu Weißrußland. Die ganz große Zeit der Stadt liegt schon ein paar Jahrhunderte zurück. Während der Lubliner Union profitierte die Stadt von ihrer einstigen Lage im Herzen des Landes zwischen Kiew und Breslau an der Via Regia. Doch die Kriege der letzten Jahrhunderte verschoben die Grenzen des Landes gleich mehrfach. Damals bewohnten Galizien so viele Volksstämme, wie kaum einen anderen Teil des Landes.

Beim Bummel vom Grand Hotel Lublinianka, das liebevoll restauriert und luxuriös eingerichtet in einem über hundert Jahre alten Bankgebäude im Stil des Belle Epoque untergebracht ist, fällt einem schnell das große Talent der Polen auf die Schäden durch Zerstörung stimmig zu restaurieren.

Früher diente der von palastartigen Bauten gesäumte zentrale Litauer-Platz Militärparaden zum Aufmarsch, heute gestaltet man ihn aufwändig zur Fußgängerzone um. Der Name erinnert an die Zeit ab 1569, als Lublin ein wichtiges und reiches Zentrum der Adelsrepublik war, die von Riga im Norden bis in die Ostukraine und an die Grenze des Habsburger Reichs reichte.

Lublin

Lublin wieza spod trybunalu.jpg
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BESUCH IN DER ALTSTADT

Schnell ist man in der Altstadt, die noch immer hinter dem mächtigen Backsteinbau des Krakauer Tors liegt. Nicht alle Bauten aus dem 15. bis 17. Jahrhundert überstanden den deutschen Angriff wenige Tage nach Kriegsbeginn, da Lublin im Kriegsfall Ausweichquartier des polnischen Präsidenten werden sollte.

Nach wenigen Metern erreichen wir den Rynek, den Markt der Stadt. Zahlreiche Bars, Cafes und Restaurants säumen den Markt und die Straße, die herunter zum Grodzka-Tor führt.

Eines davon ist das Mandragora. In die Fensterhöhlen der oberen Etagen hat man vergrößerte Porträts aus dem Archiv eines jüdischen Fotografen platziert. Auch wenn heute weniger als 20 Juden in der Stadt leben, spürt man, wo man geht und steht, das Gedenken an die jüdische Vergangenheit – sei es durch temporäre Ausstellungen von Schautafeln, sei es durch Pflastersteine, welche die Grenzen des jüdischen Ghettos markieren. Das war nicht immer so, doch dazu später.

Latkes

Ukrainian potato pancakes

KULINARISCHES JÜDISCHES ERBE

Das Mandragora ist ein jüdisches Restaurant. Die Zeiten, als die Stadt und viele kleinere Nachbargemeinden einen eigenen Rabbi hatten, sind lange vorbei. Auch die Köchin und Inhaberin des Restaurants ist selbst Christin. Mit der jüdischen Küche pflegt sie eine Tradition, die sie von ihrer jüdischen Großmutter übernommen hat.

Viel von der alten jüdischen Tradition Lublins ist verlorengegangen. Doch im Mandragora kocht man koscher, auch wenn ihr das offizielle Siegel der laufenden Überwachung durch einen Rabbi fehlt. Einmal im Monat kommt ein Mashgiah aus Warschau vorbei und überprüft, ob die Gerichte nach den koscheren Prinzipien zubereitet werden.

Die Gerichte ihrer jüdischen Großmutter sind typisch für die aschkenasische jüdische Küche Osteuropas, wie „jüdischer Kaviar“, gehackte Hühnerleber mit

Zwiebeln, Walnuß und Eiern, die mächtige halbe Ente, mit Äpfel gestopft, mit Honig glasiert und dann mit Tzimmes, auf niedriger Flamme gekochten und süß-pikant abgestimmten Möhrenscheiben, serviert oder Latkes, die typischen jüdischen Kartoffelpuffer, die sie nach einem Rezept von 1914 zubereitet. Manch einer sagt, dies sei das beste Restaurant in Lublin und Umgebung. Viele jüdische Gäste aus Israel und dem Rest der Welt nehmen das Angebot jedenfalls gerne an, denn für sie ist Lublin ein Ort des Gedenkens geworden.

Vom Ghetto und vom ehemaligen jüdischen Viertel sieht man heute nicht mehr viel. Einst lag es rund um die Burg, jenseits des Grodzka-Tors, das Ältere immer noch Judentor nennen. Die Nationalsozialisten hatten mittendrin auf der Burg ihr Gestapo-Gefängnis errichtet.

Burg

Stare Miasto w Lublinie - kaplica sw. Trójcy i donzon na zamku.jpg
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DIE DREIFALTIGKEITSKAPELLE IM SCHLOSS

Eine Brücke führt heute vom Grodzka-Tor herüber zur Burg. Kunstfreunde lassen sich nicht durch den im 19. Jahrhundert errichtet neogotischen Neubau blenden und gehen direkt zur königlichen Dreifaltigkeitskapelle aus dem 14. Jahrhundert, an deren Wänden und Decken kunsthistorisch wertvolle byzantinische und altrussische Malerei aus der Zeit der Jagiellonen erhalten blieb. Eine schöner Mix westlicher und östlich-orthodoxer Stile.

Nachdem die Deutschen die Stadt 1939 eingenommen hatten, erschossen sie die polnische Intelligenz und siedelten die jüdischen Bewohner ins Ghetto um, das auf engsten Raum bis zu 26.000 Menschen beherbergen musste, bevor sie deportiert und ermordet wurden. Die Synagogen, Geschäfte und Wohnhäuser wurden abgerissen. Nach dem Krieg bekleckerten sich auch die Polen nicht mit Ruhm, als sie die frei gewordene Fläche mit Neubauten, großflächigen Plätzen und Straßen Projekten verplanten.

Teatr N.N.

Tomasz Pietrasiewicz, 2017-03-16.jpg
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JÜDISCHE ERINNERUNG IM TEATR N.N.

Tomasz Pietrasiewicz ist einer der Väter des Teatr N.N. im Grodzka-Tor. Statt des erwarteten Theaters entstand dort in den vergangenen 25 Jahren ein Museum. „Als wir uns der Vergangenheit bewusst wurden, die mit diesem Teil unserer Stadt verbunden war, mussten wir die Geschichte der Lubliner Juden im Holocaust lebendig halten“, erzählt unser Führer. Selbst die Straßen des jüdischen Viertels hatte man mitsamt ihren Bewohnern ausradiert. „Wir wollen diese Menschen vor dem Vergessen bewahren“. Zusammen mit Helfern sammelte das Team Berichte, Interviews, Fotografien, Briefe und andere Erinnerungsstücke von 1.600 Überlebenden und Zeitzeugen. Über jedes der 1.500 von Juden bewohnten Häuser der Stadt, von denen der Großteil durch kommunale Sanierung verschwunden ist, legten sie einen Ordner an. In 43.000 Aktendeckeln, einer für jeden Lubliner Juden des Jahrs 1939 sammeln sie alle verfügbaren Informationen.

Eine mühsame Arbeit in den Archiven und mit der Hilfe von Familien der Opfer. Vor einigen Jahren erhielt das Zentrum vom Deutschen Historischen Museum 70 Farbaufnahmen vom Lubliner Ghetto, die ein Wehrmachtssoldat 1940/41 aufgenommen hatte. Eines davon zeigt - wandgroß vergrössert - die Altstadt mit Burg und jüdischem Viertel.

2007 brachte die israelische Künstlerin Neta Żytomirska-Avidar zu einer Ausstellung ein Album von Familienfotos mit. Auf einigen davon war ihr Couisin Henio Zytomirski zu sehen, der 1933 in Lublin zur Welt kam. Zu seiner Einschulung entstand das letzte Foto von ihm. An diesem Tag überfielen die Deutschen Polen, zwangen später die Familie zur Umsiedlung ins Ghetto. Am 9. November 1942 starb der 9-jährige zusammen mit seinem Vater in der Gaskammer von Majdanek.

Der Historiker Piotr Brozek legte für ihn auf Facebook ein Profil an, in dem er dieses letzte Foto des Jungen veröffentlichte und an sein Leben erinnerte. Henio wurde so – mit einer kontrovers geführten Diskussion - zum personifizierten Schicksal der im KZ getöteten Juden.

Viele Lubliner Juden teilte das Schicksal Henios, doch einige konnten dem Grauen entfliehen. Vom 3. bis 7. Juli 2017 hoffen die Organisatoren auf ein möglichst viele ihrer Nachfahren bei einem großen Treffen der weltweit verstreuten Abkömmlinge des ehemaligen jüdischen Schtetls ihrer Stadt.

Lublin

(c) Mexxicana CC0 via Pixabay

DIE FEIERN ZUR 700-JAHR-JUBILÄUM

Als sich Lublin vor einigen Jahren als Europäische Kulturhauptstadt 2016 bewarb, unterlag man Breslau. Doch dann beschloss man, im Jahr 2017 den 700. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte mit einem Veranstaltungsreigen zu feiern.

Stolz erinnert man sich dabei zum Beispiel an den „Zauberer von Lublin“, ein Buch von Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, der im Umland der Stadt aufwuchs und herrlich ironisch den Artisten, Zauber- und Liebeskünstler Jascha Masur aus dem späten 19. Jahrhundert ein Denkmal setzt. Jascha zieht von Ort zu Ort, von Abenteuer zu Abenteuer und demonstriert dabei seine magischen und artistischen Talente. Immer wieder bricht er die Herzen der Frauen, versucht dem Glauben seiner jüdischen Vorväter zu entfliehen und nach eigenen Gesetzen zu leben. Singer entging dem Holocaust, da er schon 1935 seinem älteren Bruder nach New York folgte.

An diesen Zauberer erinnert auch der regelmäßig stattfindende „Carnaval Sztukmistrzów“ mit Magiern und Akrobaten aus aller Welt. 2017 wird es vom 22. bis 30. Juli durch die 40. Europäische Jonglierkonvention, Europas größtes Jonglierfestival, ergänzt. Die Stadt verwandelt sich dann in ein wahres Paradies für Slackliner, die ihre Hochseile zwischen den Gebäuden der Altstadt spannen und über den Köpfen der zahlreichen Einwohner, Studenten und Besucher balancieren.

Mit ausreichend Publikum dürfen sie rechnen, denn mit 340.000 Einwohnern ist Lublin die größte Stadt Ostpolens. Besonders in den Abendstunden ist unübersehbar, dass fünf Universitäten und zahlreiche Hochschulen mehr als 100.000 Studenten in die Stadt gezogen haben, die das Durchschnittsalter der Bevölkerung deutlich senken. Die Milchbars, Kneipen und Restaurants der Stadt sind stets gut gefüllt.

Zamosz

BESUCH IN RENAISSANCE-STÄDTCHEN ZAMOSZ

Wir fahren von Majdanek weiter in Richtung Südosten. Das kleine Städtchen Zamosc liegt unweit der Grenze zur Ukraine, nur 110 Kilometer entfernt von Lemberg. Das Stadtbild überrascht, denn was uns hier begegnet, hat mehr mit Italien gemein, als mit Polen. Zu Recht, denn entstanden ist die Idealstadt ab 1578 nach den Plänen des venezianischen Architekten Bernardo Morando.

„Padua den Norden“ nannte man die Stadt, die nach der Renovierung in den 1970er Jahren schon früh Aufnahme in der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes fand. Vom Turm des Rathauses mit seiner prächtig geschwungenen Freitreppe hat man einen schönen Blick auf die Stadt und das Umland. Morandos Kollegiatskirche gehört zu Polens schönsten manieristischen Kirchenbauten und die Stadt bietet mit einem gut aufgebauten Audioguide in deutscher Sprache einen erstklassigen Begleiter für einen individuellen Rundgang durch die Stadt und die in den alten Festungsanlagen untergebrachten Militärmuseen.

Den Namen gab der Stadt ihr Gründer Jan Zamoyski. Der umfassend gebildete Magnat hatte in Padua studiert, war zeitweise sogar Rektor der Universität Padua und bekleidete während der Lubliner Union mit Litauen die höchsten Staatsämter.

Zamoyski war clever. Um die Stadt schnell erblühen zu lassen, lud er Armenier, Griechen und Juden ein, die am Großen Markt einige der schönsten Gebäude errichten ließen. Noch heute kann man in einem davon erstklassig armenisch essen. Bis vor kurzem leiteten seine Nachfahren die Geschicke der Stadt.

Kasimierz Dolny

Kazimierz Dolny 102

BESUCH IM WEICHSELORT KAZIMIERZ DOLNY

Auf der Weiterfahrt nach Warschau steht ein kurzer Besuch von Kazimierz Dolny auf dem Programm. Die Kleinstadt am östlichen Weichselufer ist wegen ihrer bezaubernden Lage und der historischen Altstadt beliebt für Ausflügler, Kurzurlaube oder eine Zweitwohnung.

Über der Stadt thront die Schlossruine aus dem 16. Jahrhundert. Im Zentrum zeugen die beiden von Freskenschmuck überwucherten Bürgerhäuser Zum Heiligen Nikolaus und zum Heiligen Christophorus vom einstigen Reichtum seiner Bewohner – aber auch von deren wenig diskreten Sinn für die Kunst.

Wie in Zamosc hatte man auch hier armenische, griechische und jüdische Kaufleute die Ansiedlung gestattet. Leider legten die folgenden Kriege die anfängliche Aufbruchsstimmung lahm, denn der florierende Getreidehandel durch die Verschiffung kam bald durch Kriege und die anschließende Teilung Polens zum Erliegen.

Der Schönheit dieser vielen deutschen Gästen noch völlig unbekannten Region Polens tut dies jedoch keinen Abbruch.

© Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2017