Zu Gast (nicht nur) in Euopas Weinregionen

Spannende unbekanntere Ziele entdecken

Blütenpracht rund um den Bodensee

Hafen Lindau

(c) Michael Ritter

Frühlingserwachen rund um den Bodensee

Hafen Lindau

(c) Michael Ritter

Er ist nicht nur der größte See Deutschlands, sondernd auch der tiefste und bei weitem wasserreichste See unseres Landes: der Bodensee. Doch er gehört uns nicht allein, wie eine junge Kollegin von ihrem Chefredakteur lernen musste, der sie bei ihrem ersten Artikel, in dem sie ihn „Schwäbisches Meer“ nannte, an die Landkarte zitierte und sie fragte: „Wo liegt Ihrer Meinung nach Schwaben?“. Der Punkt ging an ihn und künftig mied sie die in Deutschland nach wie vor beliebte Bezeichnung in Artikeln über den malerischen See.

Eigentlich sind es ja „zwei Seen und ein sie verbindender Flussabschnitt des Rheins“ (so steht es in
Wikipedia), die den Bodensee ausmachen - der Überlinger See, der Untersee und der sie verbindende Obersee, der mit einer Länge von 63 km und einer Breiten von bis zu 14 km dominiert und von den meisten eher als der eigentliche Bodensee angesehen wird - und nicht als „Flussabschnitt“. Redet man von der „Bodenseeregion“ reicht diese oft weit ins Hinterland und neben den direkten Anrainern Deutschland, Österreich und der Schweiz, rechnet sich auch das Fürstentum Liechtenstein dazu.

Claudius und Janine Haug

(c) Michael Ritter

Biowinzer auf Deutschland südlichstem Weinberg

Haugs Weinberge am Bodensee

(c) Michael Ritter

Die Region hat einiges an Highlights zu bieten, wie wir schon am Abend der Anreise vom Biowinzer Claudius Haug erfahren. Deutschland höchsten Weinberg besitzt er zwar nicht, da hat ein anderer Biowinzer aus Baden-Württemberg die Nase vorn, doch nahe am Bodensee liegt der südlichste Weinberg Deutschlands. Bis auf 500 Meter Höhe klettern seine Reben hinauf, malerisch durchbrochen von Apfelplantagen und dem Wanderer bieten sich dort weite Blicke über den Bodensee auf die schneebedeckten Gipfel der Schweizer und Österreicher Berge.

Im Moment hat Claudius Haug und seine Frau Janine jede Menge zu tun, denn neben dem Weinbau muss er auch seine Apfelbäume abernten. „Heute Nacht muss ich da noch ein paar Stunden ran“ erzählt er uns, als wir aus den Weinbergen zurückkommen und er uns an Janine weiterreicht, damit wir auch einmal reinschmecken können. Im April verwandelt sich nämlich der neue Probierraum des Weinguts in eine Besenwirtschaft. „Rädle“ oder „Rädlewirtschaft“ nennt man das hier am bayrischen Ufer des Bodensees rund um Lindau. Für viele Besucher der Region ist es ein Muss, wenn er und seine Kollegen für ein paar Wochen oder Monate ihren selbst erzeugten Wein und Most zusammen mit einer zünftigen Brotzeit anbieten. Claudius Haug macht das gerne aber nicht so lang wie maximal erlaubt, dazu fehlt ihm im Familienbetrieb die Zeit und der Wein.

Eine Spezialität des Haugschen Rädle ist sein vinature orange, ein Weißwein, der wie ein Rotwein ausgebaut wird. Dazu lässt man die Trauben auf der Schale gären lässt. Der Souvignier Gris ist trüb und orange-gold. Im Glas entfaltet der orange Wein ein durchaus individuelles Aroma und duftet nach reifen Mirabellen, Rhabarber und Mandarine mit einer deutlich erdigen Note. Wenn Ihnen die Rebsorte nichts sagt, geht es Ihnen wie vielen anderen Weinfreunden, die sich noch nicht mit den pilzwiderstandsfähigen Züchtungen (kurz PiWi) auseinandergesetzt haben. Hierbei handelt es sich um eine Kreuzung aus dem bekannten Cabernet Sauvignon und Bronner, einer anderen vom St. Laurent abstammenden Piwi-Sorte. Sie steht meist für kräftig-stoffige Weine. Wer mag kann im Freundeskreis ein Käsefondue „selber kochen“. Manchmal gibt es abends dazu noch Livemusik.

Seinen Wein baut Claudius auf mehreren Weinbergen rund um Lindau an, einer davon ist die „Lindauer Spitalhalde“, die ihren Namen vom alten „Heilig-Geist-Spital“ hat, das früher selbst über Jahrhunderte Weinbau betrieb. Der Name „Halde“ benennt dabei im Alemannischen die sonnigen Südhänge der Endmoränen. Als südlichster Zipfel des bayrischen Weinbaus gelegen sind die Winzer hier dem Weinbaugebiet Württemberg als Bayrischer Bodensee angegliedert.

Hafen Lindau

(c) Michael Ritter

Botanischer Rundgang durch Lindau

Fahrt auf dem Bodensee

(c) Michael Ritter

Das malerische auf einer Insel gelegene Lindau war bis 1803 freie Reichsstadt. Zauberhaft der Gang durch die unter Denkmalschutz stehende Altstadt mit ihrem prächtigen gotischen Rathaus, das später im Stil der Renaissance umgebaut wurde. Heute lebt nur knapp jeder zehnte der Lindauer in diesem historischen Zentrum, das besonders im Sommer bei den Touristen sehr beliebt ist und mit bis zu jährlich 800.000 Übernachtungen eine sprudelnde Einnahmequelle ist. Alle Jahre wieder tagen die Nobelpreisträger in Lindau, für die man kürzlich die Inselhalle umgebaut und mit dem zertifizierten Biorestaurant Deck 12 ausgestattet hat.

Man merkt dem Städtchen an, dass die Bewohner ein Händchen für Gärten haben. Berta Müller ist selbst Floristin und nimmt uns trotz des regnerischen Wetters auf einen Botanischen Rundgang durch die blühende Gartenstadt. Entlang des Ufers zum Bodensee haben sich an den alten Befestigungsanlagen an mehreren Stellen ein reicher, alter Baumbestand und zahlreiche Beete mit Heilpflanzen versteckt – immer wieder steht man vor mittelalterlichen Häusern oder Kirchen. Liebevoll gestaltete Blumenbeete an den schönsten Stellen der kleinen Stadt entfalten ihre volle Blütenpracht. Immer im Mai sind in der Stadt die Gartentage Lindau zu Gast und locken ebenfalls viele Gäste auf die Insel.

Eigentlich hatten wir einen Rundgang durch den städtischen Lindenhofpark geplant, doch der Regen macht uns einen Strich durch die Rechnung. Doch zum Glück hat Lindau mehr zu bieten – zum Beispiel im Kunstmuseum am Inselbahnhof, wo noch bis zum 29. September 2019 eine Ausstellung über das Welt von Friedensreich Hundertwasser informiert. Unter dem Titel „Traumfänger einer schöneren Welt“ zeigt die Sonderausstellung des Kulturamts und der gemeinnützigen Hundertwasser Privatstiftung Wien originale Gemälde, Grafiken, Architekturentwürfe und einen kostbaren Knüpfteppich des vor 19 Jahren auf einer Schiffspassage verstorbenen Künstlers. Der international bekannte Zukunftsvisionär, Utopist und Aktivist war ein kontrovers diskutierter Künstler, dessen intensiv leuchtenden und farbenfrohen Werke durch seinen allumfassenden Friedensgedanken und den Anspruch entstanden, mit seiner Kunst die Welt zu verschönern und zu verbessern.

Villen von Bad Schachen

(c) Michael Ritter

Alte Pracht Bad Schachen

Wir sind gleich neben dem Lindenhofpark im einige Kilometer westlich gelegenen Stadtteil Bad Schachen untergekommen. Majestätisch prunkt dort am Seeufer das prachtvolle alte Jugendstil-Grandhotel Bad Schachen. Einst an einer Eisen-Schwefelquelle errichtet ist es seit über einem Vierteljahrtausend in Familienbesitz und macht vom Service, der gepflegten Ausstattung, dem schönen Wellnessbereich mit Hallenbad und großzügiger Saunalandschaft einen erstklassigen Eindruck. Bei den Preisen der Zimmer und Gastronomie spürt man die Nähe zur Schweiz. Winzige Einzelzimmer kosten pro Nacht mit reichhaltigen Frühstücksbuffet ab 132 Euro, wer auf den See und die Schweizer Berge blicken will, muss mindestens 37 Euro mehr berappen. Ein Doppelzimmer mit Balkon zum See kostet pro Person und Nacht ab 136 Euro. Bei Parkplatzgebühren zwischen 9 und 15 Euro pro Tag wählen einige Gäste offenbar die kostenfreien Parkmöglichkeiten entlang der Zufahrt zum Hotel.

Das Hotel liegt direkt an der kleinen Anlegestelle von Bad Schachen, von wo aus der Gast mit den Linienschiffen Ausflüge nach Lindau und Rorschach am gegenüberliegenden Schweizer Ufer unternehmen kann. „Bayrische Riviera“ nannten die Bewohner stolz die dort seit dem späten 19. Jahrhundert entstandene Kur- und Villenlandschaft.

Zauberhaft das zum Hotel gehörende Parkstrandbad Bad Schachen, ein Kleinod der Jugendstil-Epoche, das 1924 der Theaterarchitekt Max Littmann errichtete, der nicht nur den Theaterbau in Deutschland reformierte, sondern auch das Münchner Hofbräuhaus errichtete. Zu diesem Höhepunkt der hölzernen Badearchitektur am Bodensee haben Hotelgäste kostenfreien Zugang.

Ein paar Meter weiter liegt die Villa Lindenhof mit ihren dem weltweiten Frieden verpflichteten Friedensräumen und dem Englischen Garten, einer der der bedeutendsten Parkanlage der Region. Der Lindauer Handelsherr Friedrich Gruber, der es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Italien zu Ansehen und Wohlstand gebracht hatte, ließ sich vom Münchner Architekten Franz Jacob Kreuter die Villa bauen und vom Düsseldorfer Gartenkünstler Maximilian Friedrich Weyhe den gut sieben Hektar großen Park im Stil des typischen englischen Landschaftsgarten anlegen. Geschwungene Wege, künstlich geschaffene Hügel, kleine Bäche und Wäldchen machen den seit 1956 im Besitz der Stadt Lindau befindlichen Park zu einem Schmuckstück am Bodenseeufer.

Bregenzer Seebühne

(c) Michael Ritter

Kulturstadt Bregenz

Köstliche Küche am Bodensee

(c) Michael Ritter

Wer mag, kann den Bodensee bequem an Deck eines der 31 Linienschiffe erkunden, die von März bis Oktober die Anlagestellen anlaufen. Wir nehmen von Lindau die direkte Verbindung nach Bregenz, die uns in knapp einer Stunde in den benachbarten österreichischen Vorarlberg bringt. Durch die links vom bayrischen Löwen und rechts von Deutschlands südlichsten Leuchtturm bewachte Hafeneinfahrt geht es hinaus auf den See. Die Fahrt entlang des Bregenzer Ufers bietet interessante Einblicke auf die Seebühne der Bregenzer Festspiele, wo 2019/20 Verdis Oper Rigoletto auf dem Spielplan steht.

Wer bei der Reise auf das Auto verzichtet, bekommt mit der Bodensee Card Plus ein attraktives Angebot, denn neben diversen im Preis enthaltenen Eintritten für Museen, Parks und Seilbahnen kann man an 2 von 3 oder 4 von 7 Tagen auch die Schiffe der Vereinigten Schifffahrtunternehmen kostenfrei nutzen.

Wie Lindau hat auch Bregenz seine Uferpromenade prachtvoll mit Blumenrabatten geschmückt. Vom Anleger aus ist man in wenigen Minuten bei der Seebühne der Bregenzer Festspiele. Neben einer immer wieder einfallsreichen Bühne nutzt man beim Spiel auf dem See die einzigartige Kulisse des Bodensees. Nach bescheidenen Anfängen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich das jedes Jahr im Juli und August stattfindenden Festival gemausert und lockt inzwischen alljährlich mit seinem alle zwei Jahre wechselnden Programm weit mehr als 100.000 Besucher in die Region. Auch die Technik der Aufführungen der Seebühne hat Maßstäbe für Open-Air-Konzerte gesetzt. BOA – Bregenz Open Acustics – nennt man das einzigartige Beschallungskonzept, das Professor Wolfgang Fritz, der einstige Cheftonmeister der Wiener Staatsoper für das Spiel auf dem See seit 1969 entwickelt hat. Beim „Bregenzer Richtungshören“ kann der Zuschauer sowohl die Position als auch die Bewegung der Solisten exakt akustisch wahrnehmen und verfolgen.

Ein ziemlich komplexes Konzept, bei dem 820 Lautsprecher rund um den offenen Zuschauerraum richtig an- und ausgesteuert werden müssen, wie mir Fritz vor Jahren bei einem gemeinsamen Besuch in Sevilla verriet, wo er seine akustischen Erfahrungen aus Bregenz für Carmen und Fidelio an Originalschauplätzen einbringen sollte. Wenn das Wetter nicht mitspielt findet die Oper im benachbarten Festspielhaus statt, das auch für die anderen Veranstaltungen des Festivals genutzt wird.

Doch die Vorarlberger Landeshauptstadt hat aber auch sonst kulturell einiges zu bieten. An der Bregenzer Kulturmeile entlang des Bodensees hat man mit dem 2013 errichteten Neubau des Vorarlberg Museums und dem 1997 vom Schweizer Architekten Peter Zumthor gebauten Kunsthaus Bregenz KUB, der dafür den begehrten Mies-van-der-Rohe-Preis für Architektur gewann zwei attraktive Museen eröffnet, die viel Platz für spannende Ausstellungen bieten.

Einen einzigartigen Blick auf Bregenz, die umliegenden 240 Alpengipfel und den Bodensee kann man vom gut 600 Meter über dem See liegenden Pfänder, dem Hausberg von Bregenz bekommen, zu dem hinauf eine Seilbahn vom Zentrum führt. Für Besitzer der Bodensee Card Plus ist die Fahrt frei. Auch Wanderer lieben den Pfänder, denn er bietet von der kleinen Rundwanderung bis zur ausgedehnten Wanderung ein gut ausgebautes und beschildertes Wegenetz. Wie wäre es zum Beispiel mit einer rund vierstündigen Tour über den Käse-Wanderweg, bei dem man viel über den tollen Bergkäse der Region erfahren kann.

Blick vom Karren

(c) Michael Ritter

Dornbirn und der Karren

Regenwolken über dem Bodensee

(c) Michael Ritter

Besonders während der Festspiele bietet das kleine Bregenz mit seinen knapp 30.000 Einwohnern oft zu wenige Betten für Besucher, die deshalb ins nahe Dornbirn ausweichen. Dort lockt mit der Rappenlochschlucht eine der größten Schluchten Mitteleuropas, die auf spektakulären Wegen erkunden kann. Einst konnte man am Eingang der Schlucht das große Rolls-Royce Museum mit gut 100 Originalfahrzeugen besuchen, das inzwischen nach dem Tod seines Gründers und der Aufteilung auf dessen Söhne auf zwei Museen aufteilt wurde.

Eine Seilbahn führt uns auf den 971 Meter hohen Karren mit phantastischer Sicht über das Rheintal, die benachbarten Berge und den östlichen Bodensee. Das Panoramarestaurant mit seiner Terrasse und den bodentiefen Glasfenstern bietet eine für ein Ausflugslokal überraschen gute Gastronomie und eine gelungene Weinkarte.

Ornithologen können im Vorarlberger Rheindelta zwischen dem Alten Rhein und der kanalisierten Dornbirner Ach im Auwald mit Streuwiesen, Röhricht, Schlickflächen und Flachwasserzonen mit Fernglas und Kamera auf die Vogeljagd begeben. Seit 1982 ist es als „Feuchtgebiet internationaler Bedeutung“ und „Important Bird Area“ ein wichtiger Rastplatz für heimische und durchreisende Vögel. Läuft man im Frühjahr den Dammweg entlang, sieht man dort Teichrohrsänger und Rohrammern, aber auf den Riedwiesen auch die dort rastenden Steinschmätzer sowie Braun- und Schwarzkehlchen. Seeschwalben suchen in der nahen Fußacher Bucht nach Nahrung. Die Lagune ist seit Jahren Brutgebiet für Lachmöwen und Flussseeschwalben und in den austrocknenden Riedwiesen versuchen sich Kiebitz, Bekassine, Uferschnepfe und Schafstelze an der Brut.

Ernst Möhl im MoMö

(c) Michael Ritter

Madame Bluescht und die Apfelblüte

Saftlade im MoMö

(c) Michael Ritter

Am nächsten Morgen geht es über den Rhein in die Schweiz. Schnell sind wir im Kanton Thurgau, den die Schweizer gerne auch scherzhaft «Mostindien» nennen, denn der Obstbau mit dem einst berühmten Thurgauer Birnenmost war hier einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Mit seinen sanften Hügeln ist das 70 Kilometer lange Thurgauer Bodenseeufer ideal zum Radfahren und Wandern auf rund 900 Kilometer beschilderten Radwegen. Wenn sich im Frühjahr die Knospen der Obstbäume öffnen verwandelt sich die Landschaft in ein wahres Blütenparadies, die man auf einer Fahrradtour erkunden kann. Da die Natur keinen Terminplan einhält, hat „Madame Bluescht“ von Thurgau Tourismus die Obstbäume gut im Blick und gibt Interessenten telefonisch unter +41 71 531 01 30 Auskunft, ob und was am Schweizer Bodensee gerade blüht – mitsamt Insidertipps zu passenden Erlebnis- und Übernachtungsangeboten. „Zuerst öffnen sich Zwetschgen, dann Kirschen und zum krönenden Abschluss die Apfelblüten“ erzählt sie bei einem Treffen stolz und auf der leichten Bluescht-Velotour durch das rosa getupfte Blütenmeer, die am Bahnhof Romanshorn beginnt, den man auch mit dem Bodensee-Schiffen erreicht, kann man sie erkunden.

Wer selbst kein Fahrrad dabei hat, kann am Bahnhof normale Räder und E-Bikes mieten. Die gut 30 Kilometer lange Strecke führt erst hinauf zum teils 800 Jahre alten Wasserschloss Hagenwil, die mit frischen regionalen Spezialitäten zur Rast einlädt und dann weiter durch Streuobstwiesen bergauf zum Ruggisberg mit seiner malerischen Kapelle und dem Weitblick über den Bodensee. Dann geht es weiter bergauf zum Schloss Dottenwil und durch kleine Dörfer zurück zum Bodensee.

In Arbon lohnt der Besuch im gut gemachten neuen MoMö Museum der Familie Möhl in dem das Mostereihandwerk interaktiv präsentiert wird. Mit dem Namen spielt dessen Patron Ernst Möhl auf das MoMA in Big Apple New York an und nennt sein Haus das Museum of Modern Öpfel. Beim Gang durch die Ausstellungshalle erfährt der Besucher interaktiv viel vom langen Weg vom Apfel zum gepressten und vergorenen Saft, den notwendigen Geräten und den Aufstieg des Familienunternehmens zum nationalen Saftproduzenten. Dabei hat Möhl beim Bau auf regionale Materialien geachtet. Unter der Ausstellungshalle gärt der Most in riesigen Fässern aus Thurgauer Eiche. Den Bau des millionenteuren Museums verdankt man dem Platzmangel der Fachhochschule in Wädenswil, wo das Mosterei Museum früher zu Hause war, die ihre Ausstellungsexponate dem neuen Museum für dreißig Jahre zur Verfügung stellen.

Im Saftladen im Eingangsfoyer kann man sich noch einmal stärken und die Produkte, wie den leckeren Saft vom Fass, den holundrigen Cider Swisey oder den modernen Möhl Cider Clan probieren bevor es entlang des Bodenseeufers zurück zum Ausgangspunkt in Romanshorn geht.

Kartause Ittingen

Ittingen Ansicht

Kultur und Wein die Kartause Ittingen

Wir fahren weiter im Thurgauer Hinterland des Bodensees nach Warth-Weiningen und zur Kartause Ittingen, in der man 900 Jahre Baugeschichte verfolgen kann. Die Kartause war mir bereits früher beim Züricher Swiss Wine Tasting aufgefallen, einer Präsentation der besten Schweizer Winzer und Weine im Schiffbau des Zürcher Schauspielhaus.

Rund um die Kartause, die nach der Säkularisierung Mitte des 19. Jahrhunderts in Privatbesitz übergegangen war und von der Besitzerfamilie bis 1977 als landwirtschaftlicher Musterbetrieb geführt wurde, baut man auf rund 10 Hektar Wein an. Mit 66 ha Kulturland, 32 ha Wald uns einer Alp in den Bergen gehört das Gut weiterhin zu den größten im Kanton.

Auch nachdem man die Kartause 1977 in eine Stiftung überführte und sie für fast 50 Millionen Schweizer Franken gründlich restaurierte, wollte man den klösterlichen Wert der Selbstversorgung zeitgemäß weiter pflegen. Außer Wein pflanzt die Stiftung auf je zwei ha Obst und Hopfen an und betreibt den Gutsbetrieb zum größten Teil mit Hilfe der Insassen eines Behindertenwohnheims auf dem Gelände. Auch ein Hotel und ein Kultur- und Bildungszentrum sind Teil der Anlage. Sehr schön sind die Gäste im Hotel mit seinen 68 gemütlichen Zimmern untergebracht. Ein Hingucker ist der Neubau des Restaurants „Zur Mühle“ mit dem integrierten Mühlrad aus dem alten Gut. Serviert werden authentische und schmackhafte Speisen, die Küchenchef Jürgen Stöckel am liebsten als 0-Kilometer-Menu anbietet, bei dem alle Zutaten aus eigenem Anbau stammen oder von hauseigenen Produzenten weiterverarbeitet wurden. Ohnehin stammen 95 Prozent der Kartäuser Küche aus Schweizer Produktion und mit rund 200 Produkten aus eigener Produktion ist das Restaurant ziemlich einzigartig in der Region.

Die Stiftung sieht in dem 0-Kilometer Menu einen wichtigen Beitrag zur Regionalität und CO2-Reduktion. Da beträgt der Weg vom Melkstand in die hofeigene Käserei von Käsemeister Ruedi Tritten gerade mal 200 Meter.

Der hübsche von Gärtnerin Monika Fischer gepflegte Kräutergarten liegt einen Katzensprung von der Küche entfernt, ebenso die eigene Fischzucht und der Wein, bei dem meist auf die edlen Tropfen aus dem Keller der Kartause zurückgriffen wird. Zum Frühstück kennen die Mitarbeiter manchmal die Namen der eierlegenden Hennen. Brot wird täglich frisch im Holzofen gebacken, dazu gibts Fleisch aus der eigenen Metzgerei, Joghurt, Käse und Molke aus der Käserei, Äpfel vom Hof, Kräutertee aus der Gärtnerei, hausgemachte Konfitüre und vieles mehr. Wo immer möglich aus eigenen Betrieben - mit null Kilometern und gutem Gewissen.

Im alten Klostergebäude mit Teilen eines Wehrturms aus dem 12. Jahrhundert hat man das Kunstmuseum Thurgau mit seiner Sammlung des 1957 verstorbenen Thurgauer Malers Adolf Dietrich, einem der bedeutendsten Schweizer Künstler des letzten Jahrhunderts und Werken anderer Thurgauer Künstler sowie Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst untergebracht. Daneben widmet sich das Ittinger Museum dem Leben der Mönche und hat als künstlerischen Höhepunkt die Klosterkirche, das eigentliche Zentrum der Kartause. Ein Barockjuwel, dessen Mönchschor mit dem Chorgestühl des Thurgauer Schnitzers Chrysostomus Fröhli mehrere Jahre harter Arbeit zeigt. Schön auch das Refektorium, in dem einst die Mönche speisten. Neben der Kirche ist es der am reichsten ausgestattete Raum der Kartause Ittingen, die in Zeiten der Reformation nicht unberührt blieb. Im nahen Zürich lösten die Predigen Zwinglis einen Bildersturm aus, der 1524 mit dem Ittinger Sturm, der Zerstörung der Kartause durch die Bauern, ihren Höhepunkt erreichte und den Prior mitsamt den Mönchen zur Flucht zwang. Zum Wiederaufbau im Jahr 1541 spendete man ein fein gearbeitete Eingangsportal mit dem Doppelwappen von Ittingen und Prior Petrus Frei. Auch vom 14. Jahrhundert ist noch viel Bausubstanz erhalten, wie die Spitzbogenfenster der Kirche und der kleine Kreuzgang.

Kartause Ittingen 0122

Leben wie ein Kartäuser

Ein kontemplativer Ort. Die Kartäuser, die das Kloster im 15. Jahrhundert übernahmen, verfügen über eine ausgeprägte Spiritualität. Ihr Orden verbindet eremitische und monastischen Lebensweise mit Gott im Zentrum. Charakteristisch ist das Schweigen, die Einsamkeit und das Gebet. Das hat sich natürlich in der Architektur niedergeschlagen. Rund um den neuen großen Kreuzgang liegen die Häuschen der Mönche mit eigenen Gärten.

Der Zugang vom Kreuzgang führt in die Werkstatt, da ein Teil der Zeit manueller Arbeit gewidmet ist und der Mönch Brennholz für den Ofen selber sägen und spalten muss. Gegenüber lag der Zutritt zum mit einer Mauer von der Außenwelt abgeschlossen Garten und zur Latrine. Der mit einem Kachelofen beheizte Wohnraum diente zum Studium, Schreiben und Essen, ein kleinerer Nachbarraum zur Andacht. Dazwischen lag das schrankartige Kastenbett mit Öffnung nach beiden Seiten. So konnte man im Winter die Wärme besser halten.

Die kleinen Mönchsklausen reizen Sie? Dann nichts wie hin. Die Kartause bietet den Aufenthalt darin als einmaliges Ferienerlebnis an. Der Gast wohnt eine Woche „wie damals“ in einer der ehemaligen Mönchsklausen, braucht aber weder selbst das Holz für die Heizung zu spalten noch selbst zu kochen, denn das reichhaltige Frühstück ist enthalten.

So kann man klösterliches Leben hautnah spüren und erleben. Die bewusste Reduktion des Interieurs erinnert an das einsame, stille Leben der Kartäuser Mönche und schafft den wahren Luxus der Ruhe und Rückzugsmöglichkeit. Ein eigenes kleines Gärtchen vor der Klause lädt zum Verweilen ein.

Sie mögen es gerne moderner? Auch da hat die Kartause etwas anzubieten: das Bubble-Hotel bietet im Plastik-Iglu Übernachtungen unterm Sternenzelt. Auch hier inklusiv reichhaltigem Frühstücksbuffet mit den feinen Ittinger Köstlichkeiten aus dem Gutsbetrieb. WC und Dusche gibt es nicht. Da muss man sich auf die öffentliche Toilette im Kloster begeben, doch steht den Gästen ein separates Badezimmer mit Dusche im Hotel zur Verfügung. Bei der Buchung müssen Sie flexibel sein, denn die Bubble ist auf Jahre ausgebucht.

Der schöne Garten der Kartause geht auf die Restaurierung vor 40 Jahren zurück, wobei der Kräutergarten die Gastronomie und den Klosterladen versorgt, während der rekonstruierte mittelalterliche Klostergarten Schulungszwecken dient. Das Thymianlabyrinth ist Ort der Kontemplation und im Prioratsgarten hat die amerikanische Konzept- und Installationskünstlerin Jenny Holzer Steinbänke aufgestellt. Im Sommer entfalten rund 200 Rosensorten im Garten eine bezaubernde Farbenpracht.

Mainau

Besuch auf der Blumeninsel Mainau

Am nächsten Morgen geht es zurück nach Deutschland. Konstanz ist dabei ein Nadelöhr, da die Schweizer Autobahn hier in eine Bundesstraße übergeht. Wir umgehen die Staus so gut wie möglich, indem wir über kleine Nebenstraßen zu unserem Ziel fahren: der Blumeninsel Mainau im Überlinger See. Eine Brücke verbindet sie mit dem Festland.

Blumenfans lieben die 45 ha große Mainau mit ihrer spannenden Geschichte. Gründer der einzigartigen Parkanlage war Lennart Graf Bernadotte, ein schwedischer
Ihr Ehemann Philipp Haug kümmert sich unter anderem um den Versuchsweinberg. Seinen Bruder Claudius hatten wir bereits am ersten Abend im Weingut der Familie in Lindau kennengelernt. So schließt sich der Kreis.

Adliger und Urenkel des badischen Großherzogs Friedrich I. Als sich der junge Graf als Enkel des schwedischen Königs in die Fabrikantentochter Karis Nissvandt verliebte und sie heiratete, musste er aus dem Königshaus austreten und auf die mögliche Thronfolge verzichten. Er blieb nicht der Einzige, so dass beim Tode Gustav VI. Adolfs 1973 letztlich neben seinem Onkel Bertil nur noch der heutige König Carl XVI. Gustav als Thronfolger übrigblieb.

Von seinem Vater erhielt Lennart Bernadotte die einst dessen Großvater gehörte Insel Mainau, da dieser selbst keine Verwendung dafür hatte. Der Park war verwildert, doch Lennart plante, die ganze Insel zum touristisch nutzbaren Park auszubauen. Erst kam der Zweite Weltkrieg dazwischen, den die Familie in Schweden verbrachte. Lennart machte Karriere als Fotograf und gewann mit seiner Firma durch die professionelle Umkopierung der Amateuraufnahmen der Pazifik-Überquerung des Norwegers Thor Heyerdahls auf dem Floss Kontiki zwei Oscars.

Nach Kriegsende kehrte er auf die Insel Mainau zurück, organisierte das erste Treffen der Nobelpreisträger in Lindau und rief als Präsident der deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1961 den Bundeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ ins Leben. Mit der „Grünen Charta für die Mainau“ setzte er damals Maßstäbe auf dem Gebiet des Landschafts- und Naturschutzes.

Neben vier Kindern aus dieser Ehe wurde er nach der Scheidung und der Heirat mit seiner 35 Jahre jüngeren persönlichen Assistentin Sonja Haunz noch einmal Vater von fünf weiteren Kindern, die heute zum Teil auf der Insel arbeiten. Sonja, deren Vater als Verwaltungsdirektor auf der Mainau arbeitete ist mehr oder weniger auf Mainau aufgewachsen und lernte den Grafen schon als Teenager kennen.

Neben ihrem Bruder Björn Graf Bernadotte af Wisborg leitet heute Bettina Gräfin Bernadotte af Wisborg die Geschicke des namhaften Tourismusmagneten. Als Nachfolgerin ihrer Eltern betreut sie ehrenamtlich die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau.

Ihr Ehemann Philipp Haug kümmert sich unter anderem um den Versuchsweinberg. Seinen Bruder Claudius hatten wir bereits am ersten Abend im Weingut der Familie in Lindau kennengelernt. So schließt sich der Kreis.

Nicht jeder ist ein Freund von so viel professionell und geschäftstüchtig präsentierter Blütenpracht, doch die Mainau hat viele Fans. Zwischen 150 Menschen im Winter und 300 in der Blumensaison arbeiten im ganzjährig geöffneten Park in Gärten und Gewächshäusern. Alles ist straff organisiert und erwirtschaftet - ohne öffentliche Subventionen –einen Jahresumsatz von rund 27 Millionen Euro. Dabei waren die Besucherzahlen schwankend. Kamen in den Anfangstagen der Mainau im Nazideutschland durch Organisationen wie „Kraft durch Freude“ rund 50.000 zahlende Besucher im Jahr, so stieg die Zahl nach der Wiedervereinigung auf mehr als zwei Millionen, die nicht nur einen Rundgang machen und Bäume und Blumen bewundern, sondern oft auch Geld für Andenken und die Gastronomie in der Kasse des Hauses Bernadotte lassen.

Als Bettina Bernadotte als studierte Tourismus-Betriebswirtin die GmbH übernahm, war sie daran interessiert, die Eigenkapitalquote zu erhöhen, die Kosten zu reduzieren und die Einnahmen zu steigern, denn das war dringend nötig, nachdem in den Vorjahren Überschwemmungen und Stürme der Insel übel mitgespielt hatten. Die Besucherzahlen hatten sich in 15 Jahren halbiert. Deshalb sollte die Insel ihre Wetterabhängigkeit reduzieren und mehr Bankette, Tagungen und Firmenveranstaltungen anlocken.

Gleich zu Beginn machte sie sich Bettina bei den Bewohnern des Umlands unbeliebt, als sie den freien abendlichen Inselbesuchs abschaffte und stattdessen ein „Sonnenuntergangsticket“ anbot, das als Verzehrgutschein die abendliche Gastronomie ankurbeln sollte. Schon ihre Eltern hatten Anfang 2000 mit dem Schmetterlingshaus eine neue Attraktion eingeweiht, die auch bei kritischem Wetter die Rentabilität erhöhte. Dazu dient auch das Palmenhaus neben dem Schloss, das in den 90er Jahren von der Gemeinde nur während der Wintermonate genehmigt wurde und während der Frühjahrs- und Sommermonate wieder abgebaut werden musste und so hohe Kosten verursachte. Vor gut 10 Jahren genehmigte der Gemeinderat Bettina Bernadotte aus Gründen des Wetterschutzes eine befristete Ganzjahresnutzung. Die Besucher sind dafür dankbar, denn jedes Jahr nehmen über 3.000 Exemplare faszinierender Orchideen mit ihrem Blütenreichtum die Besucher mit auf eine Reise in fremde Welten und verwandeln das Palmenhaus in ein Paradies, wo Phaleonopsis in leuchtenden Rosa- und Weiß mit Vanda-Orchideen, Cattleyen und exotischen Raritäten kunstvoll in Szene gesetzt werden.

Überlingen

(c) Pixabay CC0

Überlingen - mehr als Pfahlbauten

Manche Besucher kommen mit einem der regelmäßigen Bodensee-Schiffe auf die Insel. Auch wir nutzen nach dem Besuch das Schiff, um in 40 Minuten hinüber nach Überlingen zu gelangen.

Zuerst einmal fährt die MS „Baden“ das direkt gegenüberliegende Unteruhldingen an. Vor Tausenden von Jahren lebten die Menschen dort in Holzhütten über dem See. Neben Funden in Deutschland konnte man auch Fundamente in der Schweiz nachweisen, auf denen nach Ansicht der Wissenschaftler die Menschen Häuser aus Holzpfählen errichteten, die sie in den Seegrund rammten.

Die 23 heute zu besichtigenden Pfahlbauten sind Nachbauten, doch Überreste der Seehäuser und anderer Artefakte aus dem Neolithikum und der Bronzezeit von 4.000 bis 850 vor Christus können im fünf Hektar großen Freiluftmuseums besichtigt werden.

Bei einem Spaziergang entlang des Bretterwegs über dem See können Besucher ein Gefühl für das Leben in dieser prähistorischen Gemeinde bekommen.

Vor einigen Jahren hat der SWR zwei Familien eingeladen, in einem TV-Experiment zwei Monate lang das harte jungsteinzeitliche Leben in solchen Pfahlbauten am eigenen Leibe zu erfahren.

Der Museumsleiter, der Archäologe Gunter Schöbel, hatte das Experiment mit initiiert und damit das Interesse an dieser weitgehend unbekannten Epoche unserer Geschichte in der Bevölkerung geweckt. Trockene Wissenschaft ist seine Sache nicht. Schöbel möchte seinen Besuchern die Authentizität eines Freilichtmuseums bieten, das die Gegenwart durch die Realität der Vergangenheit erklärt.

Mit Erfolg. Jährlich bis zu 300.000 Besucher, darunter über 100.000 Schüler, machen Unteruhldingen zu einem der bestbesuchten Freilichtmuseen Europas. 2011 wurden die Überreste zahlreicher historischer Pfahlbausiedlungen, darunter auch ein südlich des Museums gelegene Pfahlbaufeld auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO gesetzt.

Gelände der Landesgartenschau

(c) Michael Ritter

Landesgartenschau 2020 Überlingen

Von Unteruhldingen geht es entlang des von Wald und Weinbergen bewachsenen Ufers, vorbei am Wohnhaus Martin Walsers nach Überlingen, dessen altes Zentrum uns am Landungsplatz mit der Statue des Bodenseereiters empfängt.

Den Auftrag dafür hat man dem Bildhauer Peter Lenk erteilt, der seit vielen Jahren am Bodensee lebt und arbeitet und in seinen Skulpturen gerne auf satirische Art von ihm empfundene gesellschaftliche Missstände darstellt. Einige Jahre zuvor hatte er für die Konstanzer Hafeneinfahrt die imposante Imperia geschaffen und seine Überlinger Auftraggeber erwarteten von ihm eine Darstellung des Reiters aus Gustav Schwabs populärer Ballade Der Reiter und der Bodensee. Lenk interpretierte den Auftrag ziemlich frei und schuf einen widerwilligen Gaul, auf dessen Rücken der freudlose und vor Unbehagen starre Martin Walser die Zügel in der Hand hält, der statt Stiefel Schlittschuhe trägt. In einem Flugblatt erklärte der Künstler „Dichter – unsterblichkeitsberechtigt – Eiskunstläufer zu Pferde auf den zugefrorenen Seen Deutscher Geschichte. Er steigt erst ab, wenn das Eis gefährlich dünn wird, dann dreht er seine Pirouetten.“ Lenk spielt damit auf die Kontroverse bei der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels an. Walser war über die unfreundliche Darstellung an seinem Wohnort nicht begeistert und mied den Landungsplatz fortan. „Da wohnt man 30 Jahre in einer Stadt, und dann stellen sie einfach so etwas auf“ beschwerte er sich bei den Kollegen vom SPIEGEL.

Schon seit einiger Zeit wirbt Überlingen für sich als „Gartenstadt am Bodensee“. Das dürfte 2020 mehr denn je zutreffen, denn für das kommende Jahr hat sich die Stadt die Mittel für die Ausrichtung der Landesgartenschau gesichert und damit eine Reihe von Garten- und Parkflächen im Zentrum und entlang des Bodenseeufers neuentwickelt und reanimiert.

Unter dem Motto „Erfrischend – Grenzenlos – Gartenreich“ will man dabei mit der ersten Landesgartenschau am Bodensee 179 Tage lang nicht nur zu Land, sondern auch zu Wasser punkten. Mit dem neuen Uferpark im Westen der Stadt auf rund sechs Hektar sollen lauschige Plätze unter schattigen Bäumen und Stauden mit Rasen- und Wiesenflächen zum Spielen und Entspannen einladen und damit vor allem Familien anlocken, die die große Sandfläche und die Riesenschaukeln für Groß und Klein als neuen Lieblingsspielplatz nutzen können.

Wer kneippen möchte, kann dort einfach in das größte Kneippbecken der Welt hineintreten – den Bodensee.

Doch auch innerhalb der Stadt werden die vorhandenen Gartenflächen qualitativ aufgewertet, miteinander verknüpft und zum Teil der Öffentlichkeit wieder neu zur Verfügung gestellt. Zusammen mit den Villengärten beim ehemaligen Haus des Gastes, das dann als Pflanzenhaus genutzt wird, den Menzinger Gärten, Rosenobelgärten und St.-Johann-Graben konnten so die Fördergelder für die Schaffung attraktiver Ausstellungsbereiche genutzt werden. Auch die Innenstadt soll durch Umgestaltung des Landungsplatzes und der Uferpromenade attraktiver werden.

Doch schon heute können Besucher auf dem Überlinger Gartenkulturpfad einen grünen Rundgang durch die Innenstadt antreten. Kaum jemand erwartet die herrlich-schattigen Parks, verwunschenen Gärten und begrünten Festungsanlagen am Rande der Altstadt. Der Pfad führt auf rund vier Kilometern vollständig ausgeschildert durch die schönsten Parks, Gärten und Grünflächen Überlingens mit wunderbaren Ausblicken über den See und die Altstadt.

Mit seinem Badgarten, des früheren Kapuzinerklosters, dem von Rotbuche und Linde begrenzten Kurpark am See und dem durch seinen Artenreichtum beeindruckenden Stadtgarten besitzt die Stadt ein wunderbares Ensemble von Parkanlagen aus dem 19. Jahrhundert, als Überlingen zur beliebten Kur- und Bäderstadt wurde. Gartenfreunde können damit auch vor und nach der Landesgartenschau einen weiteren Aspekt der Gartenarchitektur am Bodensee erleben und werden sicherlich gerne wiederkommen, denn es gibt noch sehr viel mehr links und rechts vom Bodensee zu entdecken.

© Michael Ritter

Köstliche Küche am Bodensee

(c) Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2019