Die schönsten Eckchen Deutschlands

Warum in die Ferne schweifen...

60 Jahre Badische Weinstrasse

Schätzle Junior und Schloss Neuweier

(c) Nilgün Burgucu

Genießer-Frühling an der Badischen Weinstraße

Riesling im Bocksbeutel

(c) Nilgün Burgucu

Rund 200 Kilometer windet sich die Badische Weinstraße von Baden-Baden im Norden zum Südwestzipfel Deutschlands in Weil am Rhein mit einer Schleife um Kaiserstuhl und Tuniberg. Wegen der zahlreichen gemütlichen Dorfgasthöfe und der regionalen Spezialitäten von Spargel bis Speck nennt man sie auch gerne "Badens Schlemmerstraße".

Dabei war die Weinstraße nicht unbedingt die Idee der Badener, doch als die Nachbarn im Elsass 1953 die Route du vin und die Pfälzer selbstbewusst die „Deutsche Weinstraße“ ins Leben riefen, reagierten sie blitzschnell und eröffneten im Folgejahr feierlich die „Badische Weinstraße“.

Sie wurde schnell zu einem Magneten für all diejenigen, die Landschaftserleben und Weingenuss miteinander verbinden wollten. Im Zick-Zack-Kurs führt sie durch eine von Deutschlands schönsten Genießer-Ecken. Am Wegesrand liegen Weinorte, über denen sich der Westrand des Schwarzwalds und die Vorberge des Oberrheintals erheben.

Es ist eines der besten Anbaugebiete Badens, das man mit PKW oder Fahrrad durchquert und immer wieder laden Weinwanderwegen und Weinlehrpfaden zum Erkunden, kleine Winzerbetriebe und große Winzergenossenschaften zum Verweilen und uralte Fachwerkhäuser, Burgen, Schlösser, Klöster und Museen zum Besichtigen ein.

Baden-Baden und seine Osterfestspiele

Auch wer nicht die ganze Strecke machen möchte, dem bietet sich das mondäne Baden-Baden als glanzvoller Auftakt an. Gerade erst sind dort die Osterfestspiele zu Ende gegangen, mit denen sich die Stadt eine Spitzenposition im Wettbewerb der Klassik-Festivals erobert hat. Es gelang ihr die Berliner Philharmoniker, eines der besten Orchester der Welt, von Salzburg in den zum Festspielhaus umgebauten alten Bahnhof der Kurstadt an der Oos zu locken.

Im Mai 2014 feiert die Badische Weinstraße ihr 60-jähriges Jubiläum und wird dafür um zusätzliche attraktive Routen durch die Weinregionen Kraichgau und die Badische Bergstraße erweitert. Alle neun badischen Weinbauregionen beteiligen sich an den Festlichkeiten und laden die Gäste zu über 150 Veranstaltungen wie der Badischen Weinmesse in Offenburg.

Die hausgemachten Maultaschen im Landhotel

Wein-Guide Octav Reutter

(c) Nilgün Burgucu

Im Baden-Badener Ortsteil Neuweier liegt das Landhotel Traube, in dem der Gast eine regionale Küche vorgesetzt bekommt. Einige davon wurden zu Klassikern, wie die Hausgemachte Maultasche auf Blattspinat mit Schweizer Käse gratiniert oder in der Brühe mit Zwiebeln. Die Maultaschen kann man sich auch vakuumiert als kleines Mitbringsel mit nach Hause nehmen. Weinliebhaber, wie der Baden-Badener Wein-Guide Octav Reutter führen nicht nur im Mai Gäste auf kulinarischer Weinwanderung durchs Baden-Badener Rebland, bei der es viel über den Ortenauer Wein zu erfahren gibt.

Dabei geht es mit herrlichen Ausblicken auf Weinberge, Rheintal und Vogesen entlang des Ortenauer Weinlehrpfades. Am Ende der Weinwanderung wartet dann im Schloss Neuweier ein vom Sternekoch Armin Röttele kreiertes Menü mit Köstlichkeiten aus der badischen Küche, Sekt und mehreren badische Weinen.

Sterneküche und ordentliche Weine in Neuweier

Schätzle Junior und Schloss Neuweier

(c) Nilgün Burgucu

Im Schloss Neuweier ist Kellermeister Robert Schätzle für den Wein zuständig. Der Spross einer Winzerfamilie vom Kaiserstuhl war schon lange auf der Suche nach einem hervorragenden Weingut. Als dessen Vorbesitzer, der Frankfurter Architekt Helmut Joos, durch sein Engagement beim neuen Berliner Flughafen finanziell ins Trudeln geriet, konnte sein Vater das grundlegend restaurierte und denkmalgeschützte Anwesen mit Hotel und Sternerestaurant kaufen. „Das Anwesen lebt vom Restaurant und vom Weingut“ sagt Schätzle Senior und auch Gäste der Osterfestspiele finden dort gute Aufnahme.

Meist ist es Riesling, der auf 18 Hektar Rebfläche wächst. Schätzle füllt sie traditionell im Bocksbeutel ab.

Schon vor gut 20 Jahren hat in seiner Nachbarschaft Reinhard J. Strickler in der Nachbarschaft den Traditionsbetrieb Gut Nägelsförst vom Deutsche Bank-Gründer Rudolf von Koch erworben. Der frühere Hersteller von Tiefkühlpizza baute das Weingut durch kluge Investitionen und den Erwerb von Toplagen wieder auf und überzeugt mit Riesling bis hinauf zur erstklassigen Beerenauslese.

Jacob Duijn - Ein Holländer produziert erstklassig

Während Schloss Neuweier am Fuß des Mauerbergs sitz, erhebt sich die Ruine von Burg Windeck auf einem Bergsporn hoch über dem Bühler Stadtteil Kappelwindeck. Direkt unterhalb der Ruine liegt der gleichnamige Gasthof und die Weinberge, die heute Jacob Duijn bewirtschaftet. Wie der Name richtig vermuten lässt, ist Jacob kein Schwarzwälder, sondern ein weinbesessener Holländer.

Der einstige Sommelier bei Witzigmann und Verkaufsleiter eines der führenden deutschen Weinimporteure machte sich vor 20 Jahren sein umfangreiches Wissen zu Nutze und ging selbst unter die Winzer. Kein Riesling - „Pinot Noir ist mein Leben“ bekennt der sympathische Biodynamiker und produziert konsequent nur Weine aus dieser Rebsorte, die zu den Besten gehören, was man in Deutschland bekommen kann. In ihrer Komplexität und Kraft erinnern sie an Burgund.

Die Winzergenossenschaften

Die Affenflaschen der Affentaler WG

(c) Nilgün Burgucu

Etwas weniger komplex sind die Weine der Affentaler Winzergenossenschaft in Bühl. Schon seit 1250 bauten die Zisterzienserinnen aus dem Kloster Lichtental dort im Affental Wein an. Zum Affen macht sich aber niemand. Der Name rührt von einer alten Wallfahrtskapelle her, wo das Ave Maria im Volksmund bald zum Affen wurde. Auf 240 Hektar entstehen dort überwiegend Riesling und Spätburgunder. Zum Jubiläum bietet man neben Wanderungen durch die Weinberge auch Auftritte der „Affentaler Frauenzimmer“ der Winzerin Doris Kist und der Journalistin Beate Kierey.

Immer noch erkennen viele die Flaschen auf den ersten Blick, nachdem man seit den 40er Jahren einen Affen auf die Weinflasche fixierte. Diese traditionelle "Affenflasche" ist Markenzeichen der Winzergenossenschaft im In- und Ausland.

Kappelrodeck hat sich einen Namen als „Rotweindorf“ gemacht. Mit der Hex vom Dasenstein hat dort eine weitere der badischen Winzergenossenschaften ihren Sitz. Rund 70 Winzerfamilien bewirtschaften die 178 Hektar Rebberge, die ihren Namen 1971 nach der alten Sage erhielten. Nach der verliebte sich ein schönes Burgfräulein in einen Bauernsohn. Als ihr Vater sie daraufhin mit Schimpf und Schande aus der Rodecker Burg jagte, verschmähte selbst der Bauernsohn die nun mittellose Frau, die fortan in einer Felsenhöhle am Dasenstein hauste, Wein pflanzte und den Einheimischen machen Streich spielte - die „Hex vom Dasenstein“. Vom Dasenstein hat man einen herrlichen Blick auf den Ort und ins Elsass. „Hex bleibt Hex – ein sagenhafter Wein“ lautet der Werbespruch der Genossen um Kellermeister Marco Köninger. Zu 80 Prozent ist es Rotwein, der auf den Granitverwitterungsböden rund um Kappelrodeck wächst - meist Spätburgunder.

Das Prädikatsprodukte der Genossenschaft

Blicke ins Tal - trotz Sahara-Staub

(c) Nilgün Burgucu

Mit der Villa Heynburg haben die Genossen 1990 einen Betrieb übernommen, mit dem sie den Glanz der alten Villa wieder aufleben lassen und sich in der Spitzengruppe der Winzer ansiedeln wollen. Die Lagen sind ebenso handverlesen wie die Weine.

Statt Masse setzt man hier auf Klasse und achtet mit höchster Disziplin auf Lese und Vinifikation. Mit Erfolg, denn Weine wie der Spätburgunder Grande Reserve (28 €) können bei internationalen Verkostungen auch mit deutlich teureren Kollegen aus Burgund mithalten.

Ein Schnaps für alle Fälle

Eine Schnapspfeife - Rauchen erlaubt!

(c) Nilgün Burgucu

Mit Schnapsideen im wahrsten Sinne des Wortes schlägt sich Michael Sättler herum. Die vom Großvater seiner Frau Bärbel gegründete Weisenbach Edelbrand Manufaktur produziert neben einem breiten Spektrum von Bränden und Likören in unterschiedlichen Qualitätsstufen, wie Zibärtle (Wildpflaume), Waldhimbeergeist und Williams-Birne auch Schnaps4Fun, wo mit Feigenlikör gefüllte Euroscheine als „Trinkgeld“ oder mit Waldhimbeergeist gefüllte „Wasser“waagen auf Liebhaber von feuchten Unsinn warten.

Für Leckerelle verziert Sättler die Flaschen mit Etiketten, die Udo Lindenberg mit seinen Likören malte. Die Idee soll dem Künstler in der Bar des Hamburger Hotel Atlantic gekommen sein, wo er Eierlikör verschüttete und merkte, dass man damit und mit Curacao toll malen kann.

Unterwegs auf Weinberg-Safari

Im benachbarten Oberkirch kann man mit Martin Renner auf eine 2 ½ stündige Weinbergsafari mit dem Land Rover gehen. Dafür sieht man die schönsten Aussichtspunkte der Region, erfährt viel über die Reben und kann vier Weine mit einer kleinen Vesper verkosten. Ein besonderes Erlebnis! Im von seinem Großvater gegründeten Weingut Julius Renner steht statt Riesling Klingelberger auf dem Etikett. So wurde die Rebsorte in der mittleren Ortenau genannt, wo sie vom Marlgrafen Carl Friedrich von Baden im Jahr 1782 auf Schloss Staufenberg am Klingelberg reinsortig gepflanzt wurde. Eine Alternative zur Jeep Safari ist die Kutschfahrt mit Weinprobe mit den Schwarzwälder Füchsen der Familie Spinner.

Man kann diese auch bei einer weitere Genossenschaft enden lassen, den Oberkircher Winzern. Dem mit 450 Hektar zu den größten Winzergenossenschaften Badens zählende Betrieb haben sich knapp 600 Winzer angeschlossen. Die Hälfte der Reben stellen Spätburgunder, gefolgt von Klingelberger, Müller-Thurgau und Ruländer (Grauburgunder). Anfang des Jahres hat dort Franz Männle das Ruder von seinem Vorgänger Martin Graf übernommen, der sie zu einer führenden Winzergenossenschaften der Region machte. Gäste finden nach einer Verkostung im historischen Romantik-Hotel Obere Linde ein gemütliches Quartier. Zum Essen stehen oft Weine der Oberkircher Winzer auf der Speisekarte. Kleinigkeiten und ebenfalls gute Weine gibt es auch in der urigen Weinstube Barrique.

Lacroix-Suppe und ein spannender junger Winzer

Der berühmte Dasenstein

(c) Nilgün Burgucu

Ganz im Süden der Ortenau liegt die kleine Barockstadt Ettenheim. Ein Sohn der Stadt, der Koch Eugen Lacroix, ist Älteren noch durch seine Suppen bekannt, mit denen er später nach Frankfurt-Sachsenhausen übersiedelte. Der weltweit größte Hersteller von Schildkrötensuppe verarbeitete Ende der 50er Jahre jährlich 250 Tonnen Schildkröten. Auch andere Produkte wie Haifischflossen-Suppe und Gänseleberpastete entsprachen später nicht mehr der „culinary correctness“ . Heute ist die Marke Teil der durch den Maler Andy Warhol bekannten Campbell Soup Company.

Der Winzer Andreas Bieselin produziert in seinem erst 2002 im Alter von 22 Jahren gegründeten Ettenheimer Weingut mit anfangs 0,5 ha Rebfläche erstklassige Weine. Kein Wunder. Gelernt hat er bei Vorzeigewinzer Bernhard Huber in Malterdingen und dann ging er für ein Jahr zu dem Bündner Johannes Davaz in dessen malerisches Weingut Poggio al Sole in der Toskana. Für Andreas und seine Frau Olivia gilt - ausnahmslos Handarbeit - man schmeckt es. Ein Winzer von dem wir hoffentlich noch viel hören und schmecken.

Das Weinparadies Ortenau und seine Angebote

Wer sich über die Angebote der Winzer, Wandermöglichkeiten und Reisen in die Region informieren möchte, wird beim Weinparadies Ortenau fündig. Besondere Weinerlebnisse mit regionalen Köstlichkeiten verspricht der Genussreigen 2014 im Weinparadies Ortenau. Ob mit Sterneköchen aufs Schiff, mit dem Zug zu den Triberger Wasserfällen oder auf geheimnisvollen Rundgang durch Offenburger Keller kann man die Weine der Ortenau genießen.

Das Jubiläum ist mit einem Erlebnis-Wochenende am 3. und 4. Mai 2014 in den Genussreigen eingebettet, bei dem die Weinorte entlang der Badischen Weinstraße alle Register ziehen, um ihre Vorzüge und die Schönheit der Kulturlandschaft zu präsentieren. Da heißt es bei einem kulinarischen Weinberg Trekking rund um Bühl Lustwandeln zwischen Rhein und Reben. Auch „Wein, Weib und Erotik“ in Bühl versprechen neben dem Erlebnisvortrag einen wunderbaren Streifzug durch die Literatur mit Inhalten zu Rebensaft und Erotik.

Auf Schnuppertour in Offenburg

Beim Kellerrundgang

(c) Nilgün Burgucu

Einen ersten Eindruck vom Genussreigen konnten wir uns selbst Anfang April in Offenburg verschaffen. Unter dem Motto „Ortenauer Wein und Offenburger Keller“ stand eine große Weinverkostung im historischen Salmen und ein spannender Gewölberundgang durch Offenburgs historische Keller auf dem Programm, bei dem es in jedem Keller einen Wein zu verkosten gab - Gespräch mit dem Winzer inbegriffen.

Am 25. Mai geht es mit dem Sonderzug vom Rebland zu den Triberger Wasserfällen, wo beim traditionellen Triberger Schinkenfest Ortenauer Winzer an den Wasserfällen ihr Weine kredenzen. Fahren Sie hin – es lohnt sich!

(c) Nilgün Burgucu

(c) Connaisseur & Gourmet 2017