De schönsten Regionen Asiens

Schon allein gastronomische eine Reise wert

Liling - Stadt des Feuerwerks und der Keramik

Feuerwerk

(c) CC0 via Pixabay

Lass es krachen!

In China wundert man sich nicht, wenn man eine Millionenstadt besucht, von der man zuvor noch nie etwas gehört hat. China ist das einwohnerreichste Land der Welt und hat fast 50 Millionenstädte. In vielen Statistiken taucht immer wieder Chongqing als mit über 30 Millionen Einwohnern größte Stadt der Welt auf, doch von einer Metropole wird kein Besucher der Stadt am Jangtsekiang sprechen, die einst zu Sichuan gehörte und heute direkt der Regierung in Peking unterstellt ist, denn diese verteilen sich auf ein Gebiet von der Größe Österreichs, während die Kernstadt gerade mal 4,2 Mio. Einwohner hat. Liling bringt es auf etwas mehr als eine Million Bewohner, die in der stark besiedelten Region leben.

Traditionell hat die Stadt zusammen mit dem 100 Kilometer nördlich gelegenen Changsha und anderen Orten im sogenannten Feuerwerksdreieck eine lange Tradition bei der Herstellung von Feuerwerk. China spielte dabei, wie in manchen anderen Erfindungen eine Vorreiterrolle, die teils durch Kopieren, teils durch Neuentdeckung in Europa erst Jahrhunderte aufkamen.

Das Land ist der größte Produzent von Feuerwerkskörpern. Rund 95 Prozent aller weltweit verballerten Knaller und Raketen stammt aus dem Reich der Mitte und tragen mit einem Exportvolumen von 630 Millionen Euro jährlich zur Wirtschaftsentwicklung bei. Rund 80 Prozent der Knaller stammt aus dem dortigen Feuerwerksdreieck rund um Liling.

Feuerwerk hat eine lange Tradition in China. Schon vor über 1.000 Jahren wurde die Pyrotechnik in China erfunden und schon in der Song-Dynastie ab dem 10. Jahrhundert gab es Feuerwerk, bei dem die Knallerei im Vordergrund stand. In Europa kam es mit dem Einsatz von Schwarzpulver erst ab dem 14. Jahrhundert zu einer von Italien ausgehenden eigenständigen Feuerwerkskunst.

Doch nicht nur in Deutschland, wo immer wieder über den Sinn und Unsinn von Feuerwerk diskutiert wird und einige Kommunen ihre Altstädte mit einem Verbot privater Silvesterfeuerwerke schützen, wird der Knallerei oft Grenzen gesetzt. Leicht ist das nicht, denn die Deutschen lieben ihre private Silvesterknallerei genauso wie die unbegrenzte Raserei auf den Autobahnen. Rund 4.500 Tonnen Feinstaub, schätzt das Umweltbundesamt, werden an diesem Abend in die Luft geblasen und damit der EU-Grenzwert bis um das 25-fache überschritten. In China floriert zwar nach wie vor der Export, doch auch im Land sieht man sich angesichts des damit verbundenen Mülls und der Feinstaubbelastung, die die ohnehin miserable Luft in den Städten zusätzlich belastet, in der Pflicht. Über 400 Städte haben bisher schon ein generelles Verbot von Feuerwerk ausgesprochen – in dem regelungsfreudigen China kein Wunder.

Ohnehin würde ein China-Besuch am Silvesterabend, wenn bei uns nach wie vor Millionen Raketen und Knaller gezündet werden, kaum etwas hören. Zwar sind in den Städten oft die Fassaden der Hochhäuser bis spät in die Nacht mit einem bunten Lichtspektakel erleuchtet, doch feiern die Chinesen den Jahreswechsel erst gut einen Monat später zu Neumond. 2019 war am 5. Februar Chunjie, das Chinesische Neujahrsfest. Es ist der wichtigste traditionelle chinesische Feiertag und nachdem sich die gesamte Familie am Vorabend zu einem Festmahl mit Hühnerfleisch und Fisch versammelt hat und die Kinder Geldgeschenke in roten Umschlägen bekommen haben, geht man nach 23 Uhr nach draußen, um das neue Jahr mit Böllern bis in die frühen Morgenstunden willkommen zu heißen. Nachdem viele Städte dies wegen der Gefahr für die Menschen und die Gebäude komplett verboten haben, gerät die Branche im eigenen Land zunehmend in die Klemme.

Liling Ceramic Valley

(c) Michael Ritter

Das Liling Ceramic Valley

Brennofen in der Manufaktur von Huang Xiaoling

(c) Michael Ritter

Bei unserem Besuch von Liling empfängt uns bereits am Stadtrand ein neues Industrieviertel, das sich der Keramikproduktion widmet. Schon von weitem fallen die futuristischen Gebäude des Liling Ceramic Museums ins Auge, die weiß, gelb und rot in Vasenform auf einem kleinen Hügel stehen. Geplant und gebaut wurde das Gebäudeensemble, das auf kreisrunden Grundrissen und geometrischen Formen gebildet wird von Marco Casamonti und seinem Florentiner Design- und Architekturstudio Archea, das auch in Peking ein eigenes Büro unterhält und auf den Wunsch des Auftraggebers neben dem Museum auf das Verwaltungsgebäude, einen Torbau und ein Hotel aus Keramikemelementen errichtet.

Erst im Sommer war mir auf eine Weintour durch die Toskana sein Neubau der Verwaltung und des Weinkellers der renommierten Florentiner Adels- und Weindynastie Antinori aufgefallen, den er etwa zeitgleich und größtenteils unterirdisch mit einem trotz seiner Grandezza reduzierten Eingriff ins Landschaftsbild in einen mit Weinreben bepflanzen Hügel im Val di Pesa errichtet hatte. Auch dort hat er ein Museum in den Bau integriert.

Eindrucksvoll erreicht man das Museum am zentralen Platz durch den gewaltigen Torbau aus sich darüber wölbenden durchbrochenen Keramikziegeln. Rund um den Platz liegen auch die anderen Gebäude, die alle auch unterirdisch miteinander verbunden sind. Farbige Keramikmodule wurden dabei zu dreidimensionalen Strukturen zusammengefügt.

Nicht sprachkundige Besucher tun sich leider noch schwer, denn obwohl man eine englische Website eingerichtet hat, findet der Interessent dort nicht viel mehr als ein paar Teaser. So bleibt auch der Gang durchs Museum trotz beeindruckender Exponate für nicht Sachkundige frustrierend.

Eigentlich ist die Keramikproduktion recht simpel: Man nimmt Wasser, farbige Erden und Ton, vermischt sie, formt sie und brennt sie.

Im Laufe der Jahrtausende sind die Erzeugnisse immer weiter verfeinert worden. Hatte man vor einigen Jahren die Wiege der Keramik noch in Nordasien und Japan vermutet und eine Nutzung in China erst seit der Jungsteinzeit, datieren neuere Radiokarbonuntersuchungen in China gefundene Keramikscherben auf die Zeit vor 20.000 Jahren - den Höhepunkt der Eiszeit. Es waren vor allem die in China entwickelten neuen Brennöfen wie Kuppelofen und liegende Öfen mit Schornstein, die das Brennen bei höherer Temperatur ermöglichten und aus dem Handwerk durch filigranere Formen und verschiedene Glasuren nach und nach eine Kunst machten.

Verglichen mit der uralten Keramiktradition des Landes ist die Hochzeit von Lilings Keramikproduktion noch recht jung und zeichnet sich dadurch aus, dass man ab der späten Qing-Dynastie polychromes Porzellan herstellte, das die Regierung 2008 in die Liste des nationalen Kulturerbes aufnahm. Ähnlich wie bei den US-Presidential Dinner Sets stellte man in Liling spezielles Geschirr für den Vorsitzenden Mao und als Geschenk für eingeladene Präsidenten her.

Die Zeiten, in denen man in China für einen Apfel und ein Ei schönes Kunstgewerbe kaufen konnte, sind lange vorbei. Nach dem Rundgang durchs Museum schauen wir in der modernen Manufaktur von Huang Xiaoling vorbei. Die 50-jährige ist eine der führenden Porzellanmalerinnen Chinas. Zum Glück hat ihre Tochter in England studiert und war anwesend, was die Unterhaltung erleichterte. Eindrucksvoll führt uns Xiaoling vor, wie sie mit feinem, sicherem Pinselstrich die Vasen verziert, die in der benachbarten Werkstadt von Hand geformt werden. Später können wir erleben, wie aus dem sich langsam abgekühlten Brennofen die Enderzeugnisse hervorgeholt und begutachtet werden. Mehr als 1.000 Euro muss man für ein solches Meisterstück von Huang Xiaoling zahlen. Das Interesse daran ist auch außerhalb Chinas groß. (c) Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2017