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My Fair Lady, Bad Hersfelder Festspiele

Eine halbe Stunde vor dem Beginn der Premiere von Frederick Loewes Musical, das gerade seinen 60. Geburtstag feierte, lesen die dunkelen Wolken einen heftigen Sommerschauer auf den Park und die Stiftsruine der kleinen nordhessischen Festspielstadt niedergehen. Fleissige Helfer schoben und wischten das Wasser von der Bühne, während der Zuschauerraum ohnehin durch ein solides Zeltdach davor geschützt war. Wie die Dame an der Abendkasse richtig vermutete "Wenn das Stück anfängt, ist der Regen vorbei." Sie kannte sich aus, denn pünktlich um 21 Uhr konnte in einem ins Freie verlegten gelungenen Bühnenbild von Kari Fritz eine Schar von Ella Späte milieugerecht gekleideten Akteure spielfreudig die Show beginnen. Mehr als 1.200 Zuschauer folgten in der ausverkauften Stiftsruine einem Cast, der sich aus erfahrenen Musicaldarstellern und prominenten Hauptdarstellern, wie der Ex-No-Angels-Sängerin Sandy Mölling und dem Schauspieler Ilja Richter zusammensetzte.

Es war das erste Mal, dass das amerikanische Erfolgsmusical bei den Bad Hersfelder Festspielen, die in diesem Jahr ihre 66. Auflage begehen, aufgeführt wird, 55 Jahre nach der deutschen Erstaufführung im Berliner Theater des Westens. Die auch in Bad Hersfeld gespielte Version im Berliner Dialekt stammt vom Berliner Textdichter Robert Gilbert. Der einst vor den Nationalsozialisten in die USA geflüchtete Musikliebhaber kehrte nach dem Krieg nach Europa zurück und machte sich seine Sprachkenntnisse zunutze, um neben "My Fair Lady" unter anderem auch das später auf dem Bad Hersfelder Spielplan stehende Musical "Cabaret" zu übersetzen.

Eins kann man sagen, das Konzept von Indendant Dieter Wedel ging auf. Das Publikum spendete den Akteuren nach der letzten Szene um Mitternacht langanhaltenden tosenden Applaus. Die Inszenierung des Broadway-Klassiker hatte Cusch Jung übernommen, der seit über drei Jahrzehnten am Berliner Theater des Westens tätig ist und im Stück auch die Rolle des Phontetik-Professors Higgins spielte. Rundum überzeugend von Spielfreude, Witz, schauspielerischen Talent und Ausstrahlung war Sandy Mölling in der Rolle der Eliza Doolittle. Als Oberst Pickering beeindruckte der Thüringer Opernsänger und Moderator Gunther Emmerlich als väterlicher Förderer Elizas und - ganz besonders - der Berliner Ilja Richter als deren Vater Alfred P. Doolittle. Vielen älteren Zuschauern ist Richter noch durch die Moderation der ZDF-Kultsendung Disco bekannt, mit der der damals 18-jährige 1971 ein junges Millionenpublikum erreichte. Eines der schönesten Musikstücke Loewes "In der Straße, mein Schatz, wo du lebst" steuerte spielfreudig und mit angenehmen Schmelz der junge Marlon Wehmeier bei. Auch der Rest des Ensembles überzeute nicht nur durch solide Stimmen, sondern auch durch gekonnte Tanzeinlagen.


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