Die schönsten Ausstellungen

Besuch im neuen Bauhaus-Museum Dessau

Neues Bauhaus-Museum Dessau

(c) Nilgün Burgucu

Anfangs dachte ich, wir fahren in einen Stadtteil von Dessau, nach Roßlau, doch unser Führer belehrte mich eines Besseren. Seit 2007 sei Dessau-Roßlau der neue Name der Stadt, nachdem man Dessau im Rahmen einer Kreisgebietsreform - wie schon einmal 1935 - mit dem benachbarten Roßlau zusammengelegt hat.

Seit meinem letzten Besuch vor rund 15 Jahren hat sich einiges getan. Schon damals standen das Bauhaus, die Meisterhäuser und der nahe Wörlitzer Park im Mittelpunkt meines Besuchsprogramms. Bis heute gilt das Bauhaus als weltweit einflussreichste Schule und Bewegung für Kunst, Architektur und Design im 20. Jahrhundert.

Die Stadt wirkt moderner, Brachen von einst sind meist verschwunden, Ruinen stören kaum noch. Meist sieht man von den Flüssen der Stadt nur die Mulde, die im Osten der Mittelelbe mit ihrer ausgedehnten Auenlandschaft entgegenstrebt.

Die Industrialisierung begann hier bereits Mitte des 19. Jahrhunderts und machte aus Dessau eine Stadt des Maschinen- und Fahrzeugbaus sowie der Lebensmittelindustrie. Schon im 1. Weltkrieg startete der Flugzeugbau der einst und jetzt für Gasbadeöfen bekannten Firma Junkers, aus der später die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke hervorgingen. Diese standen bei den Nationalsozialisten hoch im Kurs, nachdem man ihren widerspenstigen Firmengründers Hugo Junkers aus dem Unternehmen gedrängt hatte und ab 1936 Kriegsflugzeuge produzierte – und die Stadt dadurch zum Ziel zahlreicher Luftangriffe machte, die sie zum größten Teil dem Erdboden gleichmachten.

Das Bauhaus in Dessau

(c) Nilgün Burgucu

Das Bauhaus in Dessau

Daran konnte auch das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus und seine weltweite Bedeutung nichts ändern. 1925/26 hatte es der Meisterrat nach Mittelkürzungen der thüringischen Landesregierung in das von Walter Gropius geplante Bauhaus-Gebäude in Dessau verlegt, wo Hugo Junkers Förderung anbot. Wie Junkers behagte auch das Bauhaus nicht den Nationalsozialisten. Schon im Jahr vor der Machtergreifung beschloss der Gemeinderat die Auflösung des Bauhauses und veranlasste Ludwig Mies van der Rohe, es bis Mitte 1933 als private Institution in Berlin weiterzuführen.

Auch das Bauhaus Dessau und viele der benachbarten Meisterhäuser brannten 1945 nach einem schweren Luftangriff teilweise aus, der auch die Fassade des Werkstattflügels zerstörte. Beim Wiederaufbau verzichtete man auf die frühere Glasvorhangfassade und nutzte das Gebäude nach dem Krieg als Berufsschule.

Schon zu DDR-Zeiten gab es 1976 erste Versuche das originale Erscheinungsbild wieder zu erlangen. Die zerstörte Glasvorhangfassade wurde rekonstruiert, wobei man Alu statt Stahl einsetzte. Als Bildungszentrum des Amts für Industrielle Formgestaltung war der erste Schritt zur Revitalisierung getan.

International genoss das Bauensemble seit seiner Errichtung den Ruf als „Ikone der Moderne“. Der DDR-Staat verzichtete deshalb auf weitere Zerstörung und rekonstruierte es im Sinne des Originals. Nach der Wiedervereinigung wurde das gesamte Bauensemble, das 1996 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen wurde, zehn Jahre lang gründlich nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten restauriert und instandgesetzt.

Neben dem Bauhaus selbst sind in Dessau auch die Meisterhäuser und der Gründungsbau in Weimar Teil des UNESCO Weltkulturerbe, seit 2017 auch die im Stadtteil Törten befindlichen Laubenganghäuser von Hannes Meyer und die die ADGB-Bundesschule in Bernau bei Berlin.

Auch sonst spiegelt die Stadt zu Teilen noch mit den zwischen 1925 und 1932 entstandenen Bauten der Bauhaus-Architekten, wie die dem Arbeitsamt und der im Norden der Stadt an einer Elbschleife gelegenen Ausflugsgaststätte Kornhaus die Zeit des Bauhauses wider.

Man hat im Jubiläumsjahr mit Sonderausstellungen wahrlich nicht gekleckert. Thüringen und Sachsen-Anhalt spielten dabei die Hauptrolle, aber auch Berlin, Celle und andere Städte, in denen Bauhäusler tätig waren, nutzten den 100sten, um mit ihren Bauhaus-Schätzen, wie der wundervollen Villa Tugendhat im tschechischen Brünn, aufzutrumpfen. Auch Berlin veranstaltet mit der Sammlung des Bauhaus-Archivs in der Berlinischen Galerie fast zeitgleich mit Dessau eine Bauhauswoche.

Die Meisterhäuser des Bauhaus Dessau

(c) Nilgün Burgucu

Eröffnungs-Pressekonferenz Bauhauis-Museum

(c) Nilgün Burgucu

Das neue Bauhaus-Museum

Mit dem neuen Bauhaus-Museum hat die von Stadt, Land und Bund getragene gemeinnützige Stiftung Bauhaus Dessau erstmals die Möglichkeit, ihren reichen Schatz an Exponaten der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Team um Direktorin Claudia Perren wurde von dem riesigen Interesse, das die Eröffnung des neuen Museums im Rahmen des 100. Bauhaus-Jubiläums, schier überwältigt und hatte sich offensichtlich mit der vor ihm liegenden Arbeit verschätzt. Bei der Pressekonferenz stellten Frau Dr. Perren, die Kuratoren und der spanische Architekt des Hauses seine Funktionen vor, doch missglückte schon der Versuch, die zahlreichen Journalisten aus dem In- und Ausland seitens der Kuratoren durch die auf einer Fläche von 2.100 Quadratmetern präsentierten Sammlung zu führen, die mit 49.000 Exponaten nach dem Berliner Bauhaus-Archiv die weltweit zweitgrößte Sammlung zum Thema Bauhaus darstellt.

Nicht ganz glücklich war auch Roberto Gonzales vom Büro addenda architects aus Barcelona, das 2015 den offenen internationalen Wettbewerb mit ihren „Haus im Haus“, einem schwebenden Riegel aus Beton in einer spiegelnden gläsernen Hülle, gewonnen hatte. Im vogelreichen Stadtpark, in dem das Museum errichtet wurde, hatte man mit der durchsichtigen Glashülle, die nicht unwesentlich zu dem Auftrag für den Bau geführt hatte, eine für Vögel tödliche Gefahr geschaffen.

Nach Protesten wurden an der gläsernen Fassade in mühevoller Handarbeit für eine halbe Million Euro vertikale schwarze Streifen aufgebracht, um Vögel abzuschrecken, da sich dort sonst Wolken und Bäume des Stadtparks spiegelten. Die Architektur von addenda zeichnet sich durch Klarheit und Schlichtheit aus und agiert zurückhaltend. So schlicht, dass die Dessauer schnell einen passenden Spitznamen fanden: Autohaus.

Im Inneren findet sich eine offene, für die Öffentlichkeit frei passierbare Glashalle, die auch als Bühne für Dessauer Kultureinrichtungen dienen soll. Man kann nur hoffen, dass dies künftig besser gelingt als im vergangenen Jahr, als Claudia Perren der Band Feine Sahne Fischfilet auf Druck von AfD und CDU den Auftritt im Bauhaus aus Angst vor Ausschreitungen verweigerte und mit diesem Kotau vor den Rechten, der stark an das Verbot des Bauhauses durch die Nazis vor 87 Jahren erinnert, das internationale Ansehen der Stiftung verletzte. Auch damals hatten sich die Leiter den Nazis angebiedert – um wenig später dennoch das Land verlassen zu müssen.

Ausstellung Bauhaus Museum Dessau

(c) Nilgün Burgucu

Die Sammlung

Im filigranen Glaskasten liegt die Black Box des Museums, in dem die Erfolgsgeschichte der berühmten Schule nacherzählt wird – mit Möbeln, Leuchten, Textilien aber auch Skizzen der Architekten und Bauhaus-Schüler. Es ist ein Schlauch aus Beton, der dort in halber Höhe hängt. Schwarz ist die beherrschende Farbe der Böden, Decken und Wände. Auch als das Bauhaus 1926 in Dessau ankam, gab es Diskussionen in der Bürgerschaft. Die Stadt boomte und war auf dem Weg zur Großstadt. Doch das liberale Dessau war auch Heimat des einst wie jetzt eher konservativ geprägten Handwerks, das mit den Sehnsüchten der am Bauhaus Dessau Lehrenden und Lernenden wenig anfangen konnte. Die wollten weg vom Handwerk und hatten die industrielle Produktion im Blick, um so das Leben der Leute – auf Kosten des individuellen Handwerks – neu zu gestalten.

Die Ausstellung zeigt schön die Zusammenarbeit von Lehrern und Schülern wie László Moholy-Nagy und Marianne Brandt oder Walter Gropius und Dörte Helm, bei der es immer wieder Friktionen und Kämpfe gab. Gerade zeigt das ZDF seine Serie „Die neue Zeit“, in der auch diese Phase am Bauhaus publikumswirksam präsentiert wird.

Der Entstehung der Sammlung ist ein eigener Saal gewidmet. Man merkt, dass sich die DDR mit dem Bauhaus mehr zwangsweise wegen dessen Bedeutung für die eigene Wirtschaft beschäftigt hatte. Erst Mitte der 70er Jahre kaufte man in Leipzig über eine Galerie einen Grundstock von 148 Arbeiten an – für einen heute lächerlichen Betrag.

Einige davon sind in der Ausstellung sehr stimmungsvoll neu präsentiert.

Spannend auch der Architekturteil der Ausstellung, bei dem Entwürfe von Bauhaus-Architekten gezeigt werden, wie Mies van der Rohes nach wie vor beeindruckender Entwurf für die Neue Nationalgalerie in Berlin, der unter den Bauhaus-Lehrern sicherlich nicht nur Zustimmung gefunden hätte.

Die Kuratoren um Regina Bittner haben versucht in der Ausstellung den Werkstattcharakter des Bauhauses zu erhalten und nicht (nur) die allgegenwärtigen Fetische berühmter daraus entstandener Objekte zu zeigen. Das ist zum Teil gelungen. Schön die Puppen des Triadischen Balletts mit Oskar Schlemmer Kostümentwürfen. Anders als in der Staatsgalerie Stuttgart, wo sie mir zuletzt museal begegneten, fühlt man sich hier stärker in einen Probiermodus versetzt, wo überlegt wird, wie Menschen sich oder ihr Abbild gestalten können.

Wer eine Führung durch die Sammlung buchen möchte, muss warten. Nach Auskunft der Museumsleitung sind die Führungen bereits bis Ende 2019 ausgebucht.

© Nilgün Burgucu

(c) Connaisseur & Gourmet 2019