Auf Genussreise

Zu Gast bei den Cesarine

Risotto

(c) Cesarine

Cesarina Oriana – Ein privates Abendessen in Bologna

Essen bei Freunden – das ist nichts Ungewöhnliches. Doch mit Fremden in einer privaten Wohnung zu essen – wer macht denn so was? Inzwischen gibt es einige Anbieter, die einem anbieten zusammen mit lauter Unbekannten in einer Privatwohnung ein Mittag- oder Abendessen zu genießen.


Tortellini in Brodo

(c) Michael Ritter

Eatwith oder Cesarine die Wahl fällt leicht

Cesarine-Logo

(c) Cesarine

Sicherlich keine schlechte Möglichkeit im Urlaub die Landesküche durch einheimische Hobbyköche kennenzulernen und dabei ein paar Insidertipps zu bekommen, wie man zum Beispiel Tortelloni wickelt und die Füllung anrührt. Aus Israel stammt die inzwischen internationale Gemeinschaft von eatwith.com, die seit einigen Jahren in mehr als 130 Ländern rund 5.000 kulinarische Erfahrungen bei 25.000 Gastgebern anbieten. Rund 10 Jahre älter und – vorerst - auf Italien konzentriert sich die Cesarine, die bei 700 Hobbyköchen Kochkurse, Markttouren, Lunch oder Dinner anbieten. Beiden Anbietern gemein ist, dass man bei Italienern und Italienerinnen in heimischen Küchen leckere Gerichte serviert bekommt und dabei mittendrin ist im Familienleben.

Bologna ist eine der kulinarischen Hauptstädte der Welt. „La città grassa“ – die „fette Stadt“ nennt man sie oder „den Bauch Italiens“. Wer sich zum Essen anmelden möchte, landet bei beiden Anbietern auf einer Website, die der Zimmerbuchung bei Airbnb ähnelt. Erst wählt man Ort und Zeitpunkt aus, dann bekommt man eine Übersicht über das Angebot. Zwar sind die Preise bei eatwith.com etwas günstiger, doch ist das Angebot sehr begrenzt.

Die sehr professionell gestaltete Website cesarine.com ist für mich die Website der Wahl. Ihren Ursprung hat Le Cesarine in Bologna, wo sie 2004 von der Soziologin Egeria Di Nallo als Verein gegründet wurde. Eine amerikanische Freundin, die schon vor Jahren das Angebot in Milano erstmals genutzt hatte, war hellauf begeistert von ihrem Gastgeber und dessen herzlicher Art die unbekannten Gäste mit typischen lombardischen Spezialitäten und Weinen willkommen zu heißen. Sie musste damals als Ausländerin einen niedrigen Mitgliedsbeitrag von 3,50 Euro zahlen und bekam damit Zugang zu zahlreichen Abendessen für nicht einmal 40 Euro.

2014 übernahm der Unternehmer Davide Maggi den einstigen Verein, um ihn zu einem erfolgreichen Start Up auszubauen. Durch das Engagement des Digitalunternehmers dürfte sich der Auftritt der Cesarine deutlich verbessert haben. Wer heute in Bologna bei den Cesarine nach kulinarischen Erfahrungen Ausschau hält, findet ein riesiges Angebot an Kochkursen, Markttouren und Essen zur Mittags- oder Abendzeit. Auch für Vegetarier oder Veganer ist etwas dabei. Allerdings sind mit der Professionalisierung der Website auch die Preise gestiegen. Für ein dreigängiges Menü mit Getränken wie Wasser, Wein, Kaffee und einem Digestiv werden sind Preis ab 65 Euro fällig. Welcher Anteil davon bei den Köchen landet, ist Geschäftsgeheimnis, die Preise entsprechen aber in etwa denen der örtlichen Gastronomie. Wer auf Barrierefreiheit angewiesen ist, sollte dies schon bei der Buchung mitteilen. Einen Menüplan wie bei eatwith.com gibt es bei den Cesarine nicht, ich erfahre nur, dass typische Gerichte nach regionaler Tradition serviert werden.

Bei Buchung kann ich angeben, ob ich an Allergien (auch gegen Haustiere) oder Unverträglichkeiten leide und erhalte dann innerhalb von maximal 3 Tagen den Namen und die Anschrift meiner Gastgeberin Oriana, über die ich mich auf der Liste der örtlichen Gastgeber schon ein wenig informiere. Ein direktes Feedback der Gäste, wie bei eatwith.com gibt es leider nicht, obwohl die Website dies suggeriert, aber das globales Urteil der Teilnehmer fällt durch die Bank ebenso positiv aus, wie die Beurteilungen bei Trustpilot oder TripAdvisor, wo über 90 Prozent der Kritiker die Cesarine als „hervorragend“ oder „ausgezeichnet“ loben. Nach Bestätigung der Buchung erfolgt die Zahlung mit PayPal oder Kreditkarte.

Cesarina Oriana

(c) Michael Ritter

Zu Gast bei Oriana und Salvatore

Gedeckte Tafel bei Oriana

(c) Michael Ritter

Um zur Wohnung meiner Gastgeberin zu gelangen, muss ich etwas klettern, denn Oriana und ihr Mann Salvatore leben im obersten Stockwerk eines der alten Häuser im Zentrum von Bologna. In den Arkaden, die mit einer Länge von 40 Kilometer fast die gesamte Altstadt durchziehen, finde ich den Namen auf einem Messingschild am Ehrfurcht einflößenden Tor. Über die Gegensprechanlage meldete sich Salvatore, der mich hinauf ins Dachgeschoss lotst. Einst kontrollierte ein Concierge die Besucher, heute ist der Schalter in der Eingangshalle verwaist und über die breite Marmortreppe mit dem teils recht wackligen Geländer geht es Stufe für Stufe aufwärts.

Oriana wartet schon an der Tür, als ich pünktlich um 20 Uhr eintreffe. Es sind schon ein paar andere Gäste da, die ebenfalls ihr Abendessen über die Cesarine gebucht haben. Oriana erzählt uns beim Gang auf den Balkon, von dem man auch am Abend noch einen schönen Blick auf die Stadt mit ihren Kirchen und Türmen und auf die Umgebung hat, von der Gruppe italienischer Hobbyköche, die sich unter dem Namen Cesarine zusammengeschlossen haben.

Der Name stamme von Julius Caesar und bedeute „der kleine Caesar“. Von Caesar stammt die Bezeichnung Kaiser und wie ein kleiner Herrscher regiert auch die Caesarina Oriana in ihrer Küche, dem Herz des italienischen Heims. Früher nannte man so in der Romagna mit einem Schmunzeln die Hausfrauen.

Schon seit geraumer Zeit kocht Oriana in ihren eigenen vier Wänden für verschiedene Gäste. Es ist eine internationale Schar. Neben Italienern kommen Deutsche, Amerikaner, Japaner, Holländer, Spanier und etliche andere Nationen in den „Bauch Italiens“, wie man die Hauptstadt der Emilia Romagna gerne nennt. Es ist ein Paradies für Foodies und rund um die zentrale Piazza Maggiore gibt es jede Menge kleiner Läden mit einem schier überbordenden Angebot an Pasta, Schinken, Käse und Fisch.

Mit vier Kindern, die manchmal Freunde mitbrachten, ist Oriana das Kochen für größere Gruppen durchaus vertraut.

Inzwischen sind die Kinder groß, aber die Lust am Kochen und an der Gemeinschaft haben sie und ihr Mann nicht verloren und so bereiten sie uns, wie an vielen anderen Abenden auch, ein delikates mehrgängiges, regionales Menü. Dabei erhalte ich von Oriana zahlreiche Tipps, wie man so köstliche Gerichte wie die delikate Kürbissuppe, Tortellini in Brodo oder saftig mürbes Bollito misto am besten zubereitet.

Die Zubereitung der regionalen Gerichte, wie das typische Nudelgericht sfoglia oder ragù alla Bolognese, musste Oriana erst lernen, denn ursprünglich stamme sie und ihr Mann aus Neapel. Stolz präsentiert sie uns ihre Tortellini in Brodo. Es sei auch das Lieblingsessen ihrer jüngsten Tochter, wie sie uns verrät und sie serviert sie traditionell in einer Fleischbrühe. Kein billiger Spaß, wie sie betont. Bis zu 40 Euro zahle man heute in den Geschäften für ein Kilogramm der leckeren handgemachten Tortellini. Da ist es günstiger sie selber herzustellen. Wir verraten Ihnen gerne das Rezept dafür.

In gemütlicher Atmosphäre zieht sich der Abend beim Gespräch und beim Probieren der verschiedenen Gerichte dahin. Alles ist lecker angerichtet und geschmacklich völlig in Ordnung. Zum Abschluss serviert Oriana einen saftige Torta tenerina, einen Schokoladenkuchen, den wir mit Espresso verspeisen. Waren wir anfangs noch ein Haufen Fremder, so ist unsere kleine internationale Tischgesellschaft während des Essens fast zu einem Freundeskreis geworden. Wir tauschen unsere Kontakte aus und verabschieden uns ganz mediterran mit ein paar Küsschen auf die Wange. Auch Oriana und Salvatore scheinen es (fast) zu bedauern, dass wir schon gehen. Zuvor hat Salvatore noch ein ganzes Arsenal unterschiedlicher Spirituosen aufgefahren. Einige, wie der Nusslikör, stammen aus der Region, andere, wie der eiskalt servierte Limoncello aus Salvatores Heimat in Kampanien. Nach einem letzten gemeinsamen Foto mit unseren Gastgebern machen wir uns auf dem Weg die Treppe herunter und zu unseren Hotels.

(c) Michael Ritter

(c) Connaisseur & Gourmet 2019